Der Übergang einer unvollendeten Brücke

von Roman Martinek19.09.2019Gesellschaft & Kultur, Medien, Wirtschaft

Bereits am Freitag, 20. September, findet eine beeindruckende Aktion der „Fridays for Future“ statt – einer internationalen Bewegung von Schülern und Studenten, die der grünen Bewegung neues Leben einhaucht. Von Roman Martinek und Petr Zikmund.

Jugendliche planen, in 350 Städten Deutschlands auf die Straße zu gehen: eine Karte der geplanten Demonstrationen auf der Website der Aktivisten ist mit blauen Markern versehen, die zeigen, wo jeder mitmachen kann. Über 1200 deutsche Unternehmen haben mittlerweile schon auf ihren Websites ihre Unterstützung für die Bewegung zum Ausdruck gebracht. Wozu das Ganze?

Der „dritte globale Klimastreik” wird an die anstehende Tagung des Klimakabinetts in Berlin angeknüpft, wo man mit vorsichtigen Voschlägen die Weichen in Richtung einer vermeintlichen ökologischen Modernisierung stellen soll. Daraus darf natürlich geschlossen werden, dass „Fridays for Future” verzweifelt die Umweltagenda der Bundesregierung beeinflussen will. Aber ist die Bewegung in der Lage, diese Agenda im Sinne nicht nur einer umweltfreundlichen, sondern auch einer zuverlässigen Energieversorgung grundlegend ändern? Und will sie es überhaupt? Professor Horst-Joachim Lüdecke, Sprecher des Europäischen Instituts für Klima und Energie (EIKE), äußert sich skeptisch dazu: „Der grünen Ideologie scheint es um Gesellschaftsveränderung („große Transformation“ als eine Art neuer Kommunismus) zu gehen, nicht um die Umwelt oder um eine sichere Energieversorgung“.

Inzwischen betreiben alle deutschen politischen Parteien, die AfD und teilweise die FDP ausgenommen, die komplette Zerstörung einer ehemals bestens funktionierenden Stromwirtschaft und deren Ersatz durch eine wetterabhängige Strom-Mangelwirtschaft, so der Experte. „Wenn sich an der bisherigen Energie-Politik Deutschlands nicht rasch etwas ändert, wird Deutschland in 10 Jahren vermutlich nicht mehr zu den führenden Industrienationen gehören“.

Mittlerweile gewinnt das Thema Energiestabilität täglich an Bedeutung – und es verbleiben nicht mehr so viele Tage bis zum Wendepunkt, wenn das letzte deutsche Kernkraftwerk abgeschaltet wird. Der beschleunigte Atomausstieg wurde im Land bereits 2011 eingeleitet und hat nun soch ein starkes Momentum gewonnen, dass sieben Atommeiler, die noch im Betrieb sind, nur durch ein Wunder vor Abschaltung zu retten sind. Oder, wie Horst-Joachim Lüdecke sagt, durch „ein politisches Erdbeben in der Energiepolitik“. „Das ist aber zur Zeit nicht in Sicht“, fügt er hinzu.

Dabei, so der Professor, werde auch die nächste Bundestagswahl im Oktober 2021 keinen spürbaren Einfluss auf die aktuelle Energiepolitik der Regierung haben – noch gar den Atomausstieg umkehren. „Die deutsche grün-rot-lastige Politik ist zu fest politisch verankert und wird mehrheitlich von den Medien und dem Staats-TV propagiert“, bedauert Lüdecke.

“Erst eine Katastrophe in Form von mehreren landesweiten Black-Out-Ereignissen mit zahlreichen Todesopfern würde zum Umdenken führen. Dann ist es allerdings zu spät, denn man kann nicht in wenigen Monaten neue Kohle- oder Kerkraftwerke aus dem Boden stampfen und ans Netz bringen”, schließt der EIKE-Sprecher.

Voraussetzungen, die auf einen möglichen Strommangel nach 2022 hinweisen, wenn die letzten AKW-Kapazitäten stillgelegt werden, gibt es zwar schon heute. Merwürdigerweise ging es aber beim Windenergiegipfel am 5. September in Berlin, an dem Vertreter der Industrie, der Bundesländer und Bürgerinitiativen teilnahmen, nur um das Risiko, die Klimaziele Deutschlands zu verfehlen – aber nicht um das Risiko einer Situation, wenn die im Land erzeugte Strommenge unter den Strombedarf sinkt.

„Stromengpässe haben wir in Bayern und Süddeutschland eigentlich schon jetzt. Sie können momentan noch durch Zukauf ausländischen Stroms – aus Frankreich, Österreich, Polen – ausgeglichen werden“, erläutert Prof. Lüdecke. „Nach Stillegung der letzten deutschen KKW in 2022 und vor allem nach dem geplanten Abschaltung weiterer Kohlekraftwerke wird Deutschland zwangsweise über die wetterabhängige Stromversorgung eines Entwicklungslandes verfügen – mit all den sich daraus ergebenden Konsequenzen“.

Alarmierende Signale kommen auch von der Industrie: so wies Alfred Gaffal, Präsident der vbw (Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft), Anfang des Jahres auf den drohenden Mangel an eigenen Stromkapazitäten in der Region hin, der der bayerischen Wirtschaft einen empfindlichen Schlag vesetzen würde. „Wenn alle Stricke reißen, darf auch die Verlängerung der Laufzeiten der bayerischen Atomkraftwerke kein Tabuthema sein“, warnte er.

Die deutsche Energiewende ruft also unterbewusst Assoziationen mit einer Brücke hervor, über die die Nation (oder zumindest das politische Establishment) ans andere Ufer gehen will, wo 100% des Stroms aus erneuerbaren Quellen erzeugt werden soll. Diese Brücke ist aber angesichts des stockenden Ausbaus der Windenergie sowie der Pläne, Atom- und Kohleenergie aufzugeben, nicht vollendet und droht, sich in den nächsten Jahren plötzlich abzubrechen.

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