Hier stehe ich

Rolf Schieder12.12.2011Gesellschaft & Kultur, Wissenschaft

Es existiert eine objektive und ewige Wahrheit – sie zu finden allerdings, ist ein langwieriger und schwieriger Prozess. Dennoch lohnt die Suche, so wir uns als politisches Subjekt ernst nehmen.

„Was ist Wahrheit?“ Aristoteles gab darauf eine einfache Antwort: „Von etwas, was ist, zu sagen, dass es ist, und von etwas, was nicht ist, dass es nicht ist, ist wahr.“ Wahrheit ist also eine Eigenschaft von Aussagen. Der Skeptiker Pilatus hingegen interessierte sich weder für eine Definition von Wahrheit noch wollte er wissen: „Welche der mir vorliegenden Aussagen ist die wahre?“ Seine rhetorische Frage „Was ist (schon) Wahrheit?“ zeigt lediglich an, dass es ihm zu anstrengend war, sich Gedanken zur Wahrheit und zu dem, was wahr ist, zu machen.

„Ich bin hier“

Diese Bequemlichkeit des Pilatus, nicht zwischen der Frage nach dem, was Wahrheit ist, und dem, was wahr ist, zu unterscheiden, wird gerne zur Legitimation des beliebten Vorurteils herangezogen, es gebe keine Wahrheit. Dies ist jedoch nicht richtig, denn 1. gibt es Wahrheit, 2. ist Wahrheit immer objektiv, 3. ist Wahrheit ewig und 4. setzt echte Meinungsverschiedenheit ein Konzept von Wahrheit voraus. Die Eigenschaft Wahrheit gibt es, wenn von mindestens einer Aussage unkontrovers ausgesagt werden kann, dass sie wahr ist. Ein Beispiel dafür ist die Aussage „Ich bin hier.“ Sie ist immer dann wahr, wenn sie von einer beliebigen anwesenden Person gemacht wird. Folglich gibt es Wahrheit. # Wahrheit ist objektiv, weil das Gegenteil dieser Aussage, nämlich dass Wahrheit subjektiv ist, zu Widersprüchen führt. Wenn jeder „seine eigene Wahrheit“ hätte, dann würde man entweder permanent aneinander vorbei reden, oder sich widersprechen. Da zwei Aussagen, die sich widersprechen, nicht beide wahr sein können, ist Wahrheit objektiv. # Aus demselben Grund ist Wahrheit auch ewig. Eine Aussage, die wahr ist, wird nicht einfach falsch, da sich daraus ein Widerspruch herleiten lässt. # Echte Meinungsverschiedenheiten setzen das Konzept der Wahrheit voraus: Sind zwei Aussagen zum gleichen Sachverhalt widersprüchlich, so kann nur eine der beiden wahr sein. Die Frage, welche Aussage wahr und welche Aussage falsch ist, ist oft nicht leicht zu entscheiden, doch sie ist nicht mit der Frage nach dem, was Wahrheit ist, zu verwechseln. Die Einsicht, dass man oft nicht, oder oft noch nicht sagen kann, ob eine Aussage wahr ist, mag für manche nicht leicht zu ertragen sein. Es ist aber allemal besser, diese Unsicherheit zu ertragen, Geduld bei der Wahrheitssuche aufzubringen und sich der Anstrengung präziser Begriffsbildung zu unterziehen, als mit dem Skeptiker Pilatus – und möglicherweise auch mit dessen gelangweiltem Gestus – die Idee der Wahrheit zu leugnen und damit – ebenso wie Pilatus – keine Meinung mehr zu akzeptieren.

Wahrheit gehört zum politischen Subjekt

Es mag Diskurse geben, in denen die Wahrheitsfindung nur eine untergeordnete Rolle spielt, ja es mag sogar Diskurse geben, die ohne eine einzige wahre Aussage funktionieren, doch wir würden uns auch als politische Subjekte nicht mehr ernst nehmen, wenn wir auf Wahrheitsansprüche verzichten und nur noch Meinungen gelten ließen. Denn redliche Aussagen werden selbstverständlich mit dem Anspruch gemacht, wahr zu sein. Die Frage ist also nicht, ob es Wahrheit gibt, sondern welche Aussagen wahr sind und welche nicht wahr sind. Dieser Debatte, egal wie schwer sie im Einzelnen zu führen ist, entkommen wir nicht durch den vorschnellen Hinweis, es gäbe keine Wahrheit. So sehr es uns auch aus unserem allgemeinen Wunsch nach Harmonie aufschrecken mag: Es können nicht alle recht haben mit ihren Meinungen.

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