Von Autoverkäufern und Etatisten

von Rolf Puster23.07.2014Gesellschaft & Kultur, Wirtschaft

Würden Sie ein Auto verkaufen, wenn man Ihnen danach den Gewinn nähme? Das Beispiel zeigt: Die deutsche Staatsgläubigkeit ist eine fatale Sackgasse.

Stellen Sie sich vor, Sie haben eine Annonce zum Verkauf Ihres Autos aufgegeben. Ein Interessent meldet sich, stellt jedoch eine besondere Bedingung: Er will den von Ihnen genannten Kaufpreis zwar entrichten, sich aber vorbehalten, seine Zahlung später aus Gründen auf die Sie keinen Einfluss haben ganz oder teilweise wieder zurückzufordern.

Würden Sie Ihr Auto unter dieser Bedingung verkaufen? Wohl kaum. Sie wollen ja durch den Verkauf Ihre Lage verbessern, und Sie sehen die Möglichkeit, den von Ihnen geforderten Geldbetrag für Ihre Belange vorteilhafter einzusetzen als Ihr Auto. Diese Möglichkeit würde natürlich gefährdet, wenn Sie über den erzielten Verkaufserlös nicht verlässlich verfügen könnten. Kurzum: Kein Autoverkäufer, der bei Sinnen ist, würde sich auf den vorgeschlagenen Deal einlassen.

Umverteilung ist eine Absage an die Kooperation

Das bislang Gesagte illustriert wesentliche Züge des menschlichen Handelns. Gefiele uns die Welt so, wie wir sie vorfinden, dann würden wir nicht tätig. Jemand handelt erst dann, wenn er die Welt in einem ihm genehmeren Sinne verändern will und glaubt, dies durch eigenes Tun bewerkstelligen zu können. Die grundlegende Tatsache, dass jeder Akteur das Ziel verfolgt, die Welt zu einer in seinen Augen besseren Welt zu machen, hängt nicht davon ab, ob er einsam wie Robinson lebt und handelt oder in einer Gesellschaft.

Ein Spezifikum der freiwilligen Kooperation liegt darin, dass die Beteiligten überein kommen, durch ihr Tun das Ziel des jeweils anderen _unter der Bedingung der Gegenseitigkeit_ zu fördern. Die bekannten Segnungen der Arbeitsteilung wären ausgeblieben, hätte der _Homo sapiens_ nicht (längst vor Einführung des Tauschhandels und des Geldes) die auf Wechselseitigkeit beruhende freiwillige Kooperation entdeckt und praktiziert.

Ersichtlich kommt es zu einer freiwilligen Kooperation nur dann, wenn beide Beteiligten glauben, dass das fremde Tun die eigenen Ziele besser fördert, als es das eigene Tun vermöchte. Daher muss, wer den eigenen Erfolg in der Kooperation finden will, auch den Erfolg seines Kooperationspartners wollen. Die vorbehaltlose Akzeptanz des fremden Handlungserfolgs ist also eine (meist stillschweigend eingeräumte) Bedingung, in die jeder der Kooperateure – zum eigenen Vorteil – einwilligt, um die Kooperation zustande zu bringen. Würde auch nur einer der Kooperationspartner erwarten, dass sein Handlungserfolg von seinem Gegenüber im Nachhinein (aus welchen Gründen auch immer) angefochten wird, dann käme eine Kooperation gar nicht erst in Gang.

Wie nimmt sich demokratisch legitimierte Umverteilung vor diesem Hintergrund aus? Nun, sie ist nichts weniger als die massenhafte nachträgliche Aufkündigung der genannten Kooperationsbedingung, den Handlungserfolg des Kooperationspartners vorbehaltlos zu akzeptieren. Diese Akzeptanz wird nämlich durch Umverteilung notwendigerweise außer Kraft gesetzt, denn das, was umverteilt wird, ist stets der Gewinn früherer Kooperationen.

Wer Umverteilung betreibt und von ihr profitiert, handelt demnach seinem eigenen Wollen zuwider, welches sich zuvor in seinem kooperativen Handeln manifestiert hat. Diese _Wollens-Inkohärenz_ wird dadurch verschleiert, dass die Umverteilung mit Hilfe staatlicher Organe abgewickelt und zugleich anonymisiert wird: Keiner muss seinem vormaligen Kooperationspartner gegenübertreten, den er ganz oder teilweise um seinen Handlungserfolg bringt. Dass das genaue Maß, in dem die Umverteilung zurückliegende Kooperationen einseitig rückabwickelt, im Dunkeln bleibt, ändert nichts an ihrer Natur.

Umverteilung schafft sich selbst ab

Noch einmal zurück zu unserer Autogeschichte. Der dort gemachte Vorschlag, die Zahlung der Kaufsumme unter den Vorbehalt ihrer eventuellen Rückforderung zu stellen, ist ja nichts anderes als eine Art Ankündigung von späterer Umverteilung. Doch stellt, wie gesehen, schon die bloße _Aussicht_ auf die nachgelagerte Schmälerung seines Kooperationsgewinns für einen verständigen Akteur Grund genug dar, den besagten Vorschlag als eine groteske Zumutung abzulehnen.

Ergriffe man die Partei des Kaufinteressenten, so könnte man ihm folgendes raten: „Mime einen ernsthaften Kooperateur und halte deshalb dein Ansinnen einer eventuellen Rückforderung der Kaufsumme hinterm Berg. Bezahle zunächst das Auto und wähle dann eine dir wohlgesonnene umverteilungsfreudige Partei.“ Würde der Interessent diesem Rat folgen, so hätte er gute Chancen, durch Umverteilung die nachträgliche Verminderung seines freiwillig gezahlten Kaufpreises zu erreichen; unter dem Strich würde also jener Vorteil noch weiter vergrößert, der ihn veranlasst hatte, die Kooperation ihrer Unterlassung vorzuziehen. Dies alles ginge freilich zu Lasten seines vormaligen Kooperationspartners, welcher ohne die Erwartung der dauerhaften Zubilligung des kooperativ erzielten Handlungserfolgs nicht in die Kooperation eingetreten wäre.

Wer die Natur von Kooperation und Umverteilung verstanden hat, ist außerstande, beide gleichermaßen konsequent und aufrichtig zu wollen. Denn kooperieren heißt, Situationen herbeizuführen, die aus Sicht _aller_ Kooperateure vorteilhaft sind. Umverteilen dagegen heißt, Situationen herbeizuführen, die nur aus Sicht _einiger_ Kooperateure vorteilhaft sind. Und weil Umverteilung Kooperation langfristig zerstört, zerstört sie langfristig den Baum, von dessen Früchten sie lebt, und damit auch sich selbst. Dieser destruktive Effekt der Umverteilung ist unausweichlich – ganz gleich, aus welchen Motiven man sie für angezeigt halten mag.

Im Umverteilungsstaat den Vollstrecker von Gleichheits- und Gerechtigkeitsidealen zu erblicken, hat der vielbeschworenen deutschen Staatsgläubigkeit ein neues, historisch wie ideologisch noch nicht diskreditiertes Fundament gegeben. Doch bleibt die Verkennung der anti-kooperativen Wirkung der Umverteilung auch als edel motivierter Irrtum ein Irrtum, und die _Verklärung staatlicher Maßnahmen_ an die Stelle von _Aufklärung über sie_ zu setzen, war weder in Deutschland noch sonst wo eine gute Idee.

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