Ein Sargnagel für den Welthandel

von Rolf Langhammer9.03.2013Außenpolitik, Wirtschaft

Ein transatlantisches Freihandelsabkommen ist nicht nur aussichtslos und kaum der Mühe wert. Es wäre sogar kontraproduktiv – mit erheblichen Folgen für den Welthandel.

Seit einem Jahrzehnt verhandeln die Mitgliedstaaten der WTO erfolglos über den Abschluss der multilateralen Liberalisierung des Welthandels. Den Mut, die sogenannte Doha-Runde für gescheitert zu erklären, haben sie nicht, aber zwei der wichtigsten Verhandlungspartner machen sich jetzt auf den Weg, den letzten Nagel in den Doha-Sarg einzuschlagen. Sie wollen Verhandlungen über eine Transatlantische Freihandelszone beginnen. Auf den ersten Blick mutet dies konsequent an. Die EU hat bereits mit einem der drei Mitglieder der Nordamerikanischen Freihandelszone (NAFTA), Mexiko, Abkommen geschlossen. Mit dem zweiten Mitglied, Kanada, hat sie Verhandlungen aufgenommen. Warum nicht dann auch mit dem dritten Mitglied, USA, Verhandlungen beginnen?

Drei Gründe für eine kritische Sicht

Die Gewinne (statisch wie dynamisch), gemessen am Bruttoinlandsprodukt, werden für die EU auf knapp 0,5 Prozent und für die USA auf etwa ein Prozent geschätzt. Produktivitätsgewinne und niedrigere Transaktionskosten im Handel sind die wichtigsten Ursachen für die Gewinne. Die Güterexporte der EU in die USA und die der USA in die EU würden sich den Schätzungen zufolge um 17 bis 18 Prozent unter Einbeziehung von Investitions- und Produktivitätseffekten, erhöhen.

Klingt alles gut, ist aber nicht gut genug. Viel mehr könnte gewonnen werden, würden sich die zwei Handelsgiganten auf den Abschluss der Doha-Runde konzentrieren. Aber auch wenn man diesen Idealmaßstab nicht anlegt, sind die positiven direkten Effekte bescheiden und die negativen indirekten Effekte für den Welthandel nicht vernachlässigenswert. Drei Gründe sprechen für eine kritische Sicht auf die Transatlantische Freihandelszone, die TAFTA.

Erstens ist der Industriegüterhandel zwischen den beiden Partnern bereits weitgehend liberalisiert. Die Zölle liegen im Durchschnitt im unteren einstelligen Bereich. Wechselkursänderungen können leicht Zollsenkungen auf null in ihren Wirkungen übertreffen und sogar konterkarieren. Dort, wo es nennenswerte Liberalisierungswirkungen geben könnte, im Agrarbereich, sind die Zölle höher und liegen die Positionen weit auseinander, was technische Standards und vor allem Gesundheitsstandards anbelangt. Man denke an die jahrelangen Handelsstreitigkeiten vor der WTO über den Handel mit hormonbehandeltem Fleisch oder genetisch veränderten Organismen. Zwar kann man den Agrarhandel ausklammern, so wie das in allen regionalen Gemeinschaften, einschließlich der EU, gehandhabt wurde. Es wäre aber gegen den Geist des Artikels 24 des GATT (Allgemeines Zoll- und Handelsabkommen), der Freihandelszonen grundsätzlich nur dann erlaubt, wenn in etwa der gesamte Handel erfasst wird. Der Agrarhandel führt seit Urzeiten ein Sonderleben im Welthandel. Es spricht aber nichts dafür, dass dies so bleibt, und im Artikel 24 steht auch nichts von einer Sonderrolle des Agrarhandels.

Todesstoß für die WTO

Zweitens werden die ausgeschlossenen handelsstarken asiatischen Länder ein Abkommen zweier nicht sonderlich dynamischer Handelspartner als Diskriminierung und damit als unfreundlichen Akt auffassen. Sie werden sich an das Blair-House-Abkommen von 1993 zwischen den USA und der EU erinnern, das zwar die Uruguay-Runde rettete, aber letztlich zu einem Abkommen führte, das die Interessen der Schwellen- und Entwicklungsländer zu wenig berücksichtigte. Gerade um dies bei der Nachfolgerunde zu verhindern, hatte ja die EU die Doha-Runde als „Entwicklungsrunde“ apostrophiert. TAFTA würde dieses Ziel endgültig ad acta legen. Die Zusicherung, TAFTA stünde jedem offen, der beitreten möchte (Stichwort: „offener Regionalismus“), ist weiße Salbe. Entweder gelten regionale Freihandelsregeln nur für die Partner. Dann diskriminieren sie notwendigerweise gegenüber Nichtmitgliedern und benachteiligen sie im Handel. Oder sie sind wirkungslos und könnten zugunsten einer multilateralen Runde aufgegeben werden.

Drittens müssten die EU und die USA zu einer Klärung sehr unterschiedlicher Positionen bei unerlaubten Exporthilfen kommen. Der jahrzehntelange Streit zwischen den beiden Parteien um die Frage, ob die staatlichen Hilfen für Airbus und Boeing Exportsubventionen sind und damit den Handel verzerren, zeigt den Konflikt deutlich auf. Nun kommt aus Asien das Thema „manipulierte Wechselkurse“ oder „Abwertungswettlauf“ in die Diskussion. Die EU und die USA erheben diesen Vorwurf traditionell gegen China. Sollte aber Japan durch seine ultralockere Geldpolitik zu einer Abwertung des Yen kommen, könnte in der Tat ein Abwertungswettlauf beginnen, in den auch Korea und andere Länder aus Ostasien einbezogen würden.

Die TAFTA-Verhandler könnten versucht sein, in dieser Frage eine gemeinsame Drohkulisse gegen die ostasiatischen Länder aufzubauen und zu einem Kompromiss im Airbus-Boeing-Streit zulasten der asiatischen Länder zu kommen. Wie auch beim zweiten Kritikpunkt würde TAFTA zur Metapher für handelspolitische Konfrontation mit Asien werden. Wie dies mit den Anstrengungen der USA vereinbar ist, quer über den Pazifik zu mehr Handelsintegration („Transpazifische Partnerschaft“) zu kommen, ist völlig unklar. Ähnliches gilt für die EU mit ihren bilateralen Abkommen mit asiatischen Ländern. Man kann es drehen und wenden, wie man will: Nirgendwo würden die knappen Verhandlungsressourcen der beiden Partner schlechter genutzt als in den Verhandlungen über TAFTA und nirgendwo würden sie produktiver eingesetzt werden können als in der Doha-Runde. Man kann sie nicht zweimal einsetzen. Der Bilateralismus würde von der Ausnahme zur Regel, und die EU und die USA würden der WTO einen Todesstoß versetzen.

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