Vom Risiko lernen

von Rolf-Dieter Heuer12.08.2014Gesellschaft & Kultur, Wissenschaft

Wenn die Bevölkerung ein Unbehagen vor der Technik verspürt, ist es Aufgabe der Wissenschaft, etwas daran zu ändern.

Technikpessimismus macht mir Sorgen. Ich bin völlig überzeugt davon, dass Technik ein Segen ist – solange man sie richtig anwendet und den richtigen Nutzen aus ihr zieht.

Die oft ablehnende Haltung gegenüber dem Fortschritt stammt daher, dass Technik häufig nicht ausreichend reflektiert wird. Wie sehr wir von den Ideen und der Forschung unserer Altvorderen profitieren, wird klar, wenn wir uns ihre Produkte für einen Moment wegdenken würden: Auf vieles müssten wir verzichten. Schon ein Fahrrad ist technischer Fortschritt, ein Auto ist eine Innovation und Mobiltelefone basieren selbstverständlich auf Ideen von vor weit über hundert Jahren. Der Übergang vom Kerzenlicht zur Glühbirne war ein Riesenschritt – und niemand möchte mehr darauf verzichten. Die Liste ließe sich ewig lang ausführen.

Dass die heutige Technik aus der Grundlagenforschung von einst entstanden ist, macht sich aber leider nicht jeder klar. Daraus ergibt sich dieses Unbehagen in der Gesellschaft; ein Unbehagen davor, neue Schritte zu gehen und dabei in Bereiche vorzustoßen, die einem bislang unbekannt waren. Es ist die Angst vor dem Neuen, der Ungewissheit und den Risiken, die man zwar noch nicht erkennen, dafür aber fürchten kann. Aus diesem Grund schwindet die Akzeptanz für den technologischen Fortschritt und Forschung, insbesondere wenn diese schwer zu fassen oder zu erklären sind.

Wir müssen die Gräben verkleinern

Unsere Arbeit am CERN ist sehr abstrakt: Wir erforschen die Grundbestandteile des Universums. Das Unbekannte spielt dabei eine sehr große Rolle, denn es geht dabei auch um die Beantwortung von Fragen, die uns heute noch vor große Rätsel stellen – z. B. wie sich das Universum in den ersten Sekundenbruchteilen seines Lebens entwickelte. Die Frage können wir Physiker auch nicht beantworten. Unsere Forschung ist daher eine spannende Arbeit im Grenzbereich des Wissens, eine Arbeit, die oftmals schon in die Bereiche der Philosophie und der Theologie vorstößt. Trotz aller zuletzt erlangten wissenschaftlichen Erkenntnisse, wie der Entdeckung des Higgs-Bosons, bleiben noch jede Menge Fragen offen und oft konnten wir bislang nur fundierte Extrapolationen machen – von dem heutigen Wissen zurück bis zum Urknall.

Neuland zu betreten, liegt in der Natur der Grundlagenforschung. Und selbstverständlich ist Angst ein natürlicher Teil der Erkundung von Neuland. Umso wichtiger ist es, unsere oft schwer zu fassende Arbeit auf verständliche Art und Weise zu vermitteln und Fragen, die uns gestellt werden, nach bestem Wissen und Gewissen zu beantworten.

Vor der Inbetriebnahme des Large Hadron Colliders, dem Herzstück der Forschungsanlage am CERN, haben wir genau dies getan. Anfangs gab es gegen die Anlage sogar Protest aus der Bevölkerung, die sich durch sie bedroht fühlte. Uns wurde damals klar, wie groß der Graben zwischen Bevölkerung auf der einen, und Wissenschaft und Technik auf der anderen Seite tatsächlich ist. Ich glaube: Als Wissenschaftler ist es unsere Aufgabe, diese Gräben nach Möglichkeit zu verkleinern.

In den vergangenen Jahren ist uns das glücklicherweise immer besser gelungen. Die positive Aufmerksamkeit, die uns vergangenes Jahr nach der Entdeckung des Higgs Bosons zuteil wurde, demonstrierte dies. Wohin ich auch reise, haben die Menschen mittlerweile etwas vom CERN, dem Large Hadron Collider oder dem Higgs-Boson gehört. Ich deute das als Beweis, dass es in der Bevölkerung eine große Aufmerksamkeit und einen Willen gibt, sich mit diesen Fragen zu beschäftigen. Wir haben es nur jahrelang versäumt, diese Aufnahmefähigkeit auch zu befriedigen.

Umso wichtiger ist es, dass wir Wissenschaft, Technologie und Gesellschaft stärker miteinander vernetzen. Wir möchten die Menschen damit vertrauter machen, was in Wissenschaft und Technologie stattfindet – damit sie besser verstehen, was aktuell gemacht wird, wie es gemacht wird und welche Vorteile sie daraus ziehen können.

Deswegen versuche ich seit einigen Jahren, mehr Kollegen dafür zu gewinnen, unsere Aktivitäten so darzustellen, dass man keine Vorkenntnisse braucht, um sie zu verstehen. Das stellt uns vor die riesigen Herausforderungen, uns von Fachjargon und wissenschaftlicher Sprachkultur zu lösen und die Forschung in Allgemeinbegriffen auszudrücken, um sie in die Alltagswelt zu übersetzen. Für viele Wissenschaftler bedeutet das Neuland zu betreten – aber darin sind wir ja geschult.

Nicht hinter Computerbildschirmen verstecken

Vor drei Jahren haben wir das Programm „Slip into the skin of a researcher“ („Begib dich in die Haut eines Forschers“) für Schüler aus der Umgebung unseres Institutes eingerichtet. Zunächst bitten wir die Schüler, in einem Aufsatz zu beschreiben, wie sie sich die Arbeit eines Physikers vorstellen. Heraus kommen Werke sprühender Fantasie! Anschließend laden wir sie ins CERN ein, um ihnen unseren Forschungsalltag näherzubringen. Das Programm unterstreicht, wie groß der angesprochene Graben tatsächlich ist – aber auch, welche Freude die Auseinandersetzung mit der Wissenschaft den jungen Menschen bereitet.

Meine Arbeit fasziniert mich, weil hinter der Forschung enorm viele Fragen stehen, die es zu beantworten gilt. Interessanterweise beobachte ich bei jungen Menschen das Gleiche: In dem Moment, wo man ihnen die Möglichkeit gibt, sich mit diesen Fragen zu beschäftigen, weckt die Technik und die Forschung bei ihnen keine Angst, sondern Begeisterung. Das Unbehagen weicht der Unterhaltung.

Je früher wir also damit anfangen, den Bürgern die Forschung deutlicher zu vermitteln, desto besser. Junge Menschen gehen ohne Scheu an Technik und Forschung heran. Wenn sie erst einmal 18 oder 20 sind, haben sie häufig bereits andere Interessen und sich in der Regel bereits für einen Beruf entschieden. Mit unseren Programmen möchten wir in diesem Meinungsbildungsprozess Input geben und die Grundhaltung beeinflussen. Schließlich erzeugt die Auseinandersetzung mit der Forschung eine ganz andere Herangehensweise und Denkweise in puncto neue Technologien.

Wir wollen ihnen vorher die Technik ans Herz legen und sie dazu bewegen, eine Karriere in der Forschung anzustreben. Die Wissenschaft braucht frischen Wind, denn nur so können sich neue Herangehens- und Denkweisen durchsetzen, die wiederum neue Technologien ermöglichen.

Technik kann vieles. Verständnis und Akzeptanz vermitteln gehört aber nicht dazu. Dazu bedarf es einer aufgeschlossenen Gesellschaft und Wissenschaftler, die sich nicht hinter Computerbildschirmen verstecken,

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