Die grüne Verkehrswende ist ein Albtraum | The European

Annalena Baerbock wird das Weltklima nicht retten

Rolf Bergmeier4.05.2021Medien, Wirtschaft

Eine grüne Kanzlerin Annalena Baerbock wird die Bundesrepublik und das Weltklima nicht retten, denn die Verkehrswende ist per se zum Scheitern verurteilt. Von Rolf Bergmeier.

Annalena Baerbock, Bundesvorsitzende von Buendnis 90/ Die Grünen am 09.12.2020 im Bundestag in Berlin, Foto: IMAGO / Bildgehege

Zentral für die Vorhaben der Grünen ist der ökologische Umbau des Landes. Unter der Leitthema „Klimaschutz“ wird eine CO2-Reduzierung auf allen Ebenen gefordert, unter anderem auch im Verkehrswesen. Kürzlich forderte Annalena Baerbock, ab 2030 dürften nur noch emissionsfreie Autos zugelassen werden. Die Forderung ist Teil ihrer Visionen von einer „Mobilitätswende“ für eine bessere Welt. Sie wird wohl, wie vieles aus dem Parteiprogramm, Vision bleiben. Denn es fehlt nicht nur der Strom, sondern vor allem ein realisierbares Konzept.

Hans-Werner Sinn, einer der bekanntesten Wirtschaftsforscher in Deutschland und langjähriger Präsident des ifo-Instituts, meinte zu den grünen Anwandlungen der jetzigen Bundesregierung am 21. November 2020: „Wir sind gerade dabei unsere Automobilindustrie zu ruinieren und damit das Herzstück der deutschen Wirtschaft“. Harald Marquardt, Chef des 1925 gegründeten Automobilzulieferers der Marquardt Gruppe, ergänzte: „Ich bin sehr unglücklich darüber, wie die Regierung mit unserer Automobilindustrie umgeht“. Er habe das Gefühl, es werde einfach ignoriert, dass seine Branche nach der chemischen Industrie deutschlandweit die bestbezahlten Arbeitsplätze schaffe. Die EU-Gesetze zum Klima- und Umweltschutz kämen maßgeblich aus Deutschland. „Wenn wir wirklich glauben, wir könnten die Welt retten, während andere Atom- und Kohlekraftwerke bauen und wir zugleich unseren Wohlstand opfern, kann das nicht gut enden“, sagte Marquardt. Auch sei vollkommen ungeklärt, woher der ganze saubere Strom für die Elektrifizierung, geschweige denn für die große Wasserstoff-Strategie kommen soll.

Bereits ein Jahr vorher schrieb Carlos Tavares, Chef des französischen Autohersteller-Konglomerats Peugeot, Citroën und Opel den deutschen Politikern in einem bemerkenswerten Interview in ihr Stammbuch: „Die Politiker hätten sich mit den Gesetzen der Physik und Chemie auseinandersetzen können, bevor sie ‘Tod dem Diesel’ riefen“ (Focus, 05.11. 2019) und stellt die Frage, wie teuer das „CO2-Abenteuer“ kommen wird: „Was ist die zukünftige Steuer auf die Energierechnung zur Finanzierung unserer Regierungen? Wie viele Arbeitsplätze werden wegfallen, wenn der Automobilmarkt stark und dauerhaft zusammenbricht? Niemand in Europa rechnet nach.“

Die deutsche Automobilindustrie in der Falle

Dass insbesondere die deutschen Hersteller in einer Falle sitzen, hat die Politik maßgeblich zu verantworten. Nicht nur, weil sie die Automobilindustrie mit planwirtschaftlichen Methoden zwingt, alles auf eine Karte zu setzen und bedingungslos in E-Autos zu investieren, nicht nur, weil die EU den billigeren asiatischen Importen Tür und Tor zum europäischen Automarkt öffnet, nicht nur, weil der Käufermarkt völlig anders reagiert, als die Berliner „Experten“ vorhergesagt haben, nicht nur, weil die Risiken unbeherrschbar erscheinen, sondern auch, weil nach dem Willen der Bundesregierung die nuklearen Kraftwerke vollständig und die Kohlekraftwerke zum großen Teil abgebaut werden.

Und das zu einer Zeit, in der aus Gründen des Umweltschutzes immer mehr elektrisch betriebene ICE, Personenzüge, Straßen- und U-Bahnen eingesetzt und die Frequenz der Züge und Bahnen erhöht werden sollen. Allein die Deutsche Bahn will in den kommenden Jahren mehr als zwölf Milliarden Euro für neue Züge ausgeben. Düsseldorf, München, Berlin, Hamburg bauen neue U-Bahnstrecken und wo immer möglich wird in Straßenbahnen investiert. Alle Verkehrsträger hungern nach Strom, der nach derzeitigen Planungen vor allem von Windrädern geliefert werden soll. Um diesen Bedarf zu decken, schreiben die Physiker Eberhard Umbach und Hans-Martin Henning in der Zeitschrift der Deutschen Physikalischen Gesellschaft, seien fünf- bis siebenmal mehr Windanlagen und Solarzellen nötig, als heute installiert sind, bei gleichzeitigem Ausbau der Fern- und Regionalleitungen. In Deutschland wäre dann nahezu jeder Quadratkilometer mit wenigstens einer Windturbine belegt. Und da diese auch in windschwachen Gebieten gebaut werden müssten, wäre eine Höhe von 200 m oder höher unverzichtbar.

Natürlich sind solche Utopien nicht erreichbar. In einem windschwachen Land wie Deutschland, dessen Photovoltaik-Landschaften in günstigen Zeiten lediglich wenige Prozent des Strombedarfs abdecken, verdeckt das Schlagwort „100 Prozent regenerativen Energie“ lediglich eine Illusion. In einer bemerkenswert realitätsnahen Studie stellt die Deutsche Post DHL Group die Risiken einer „Verkehrswende“ in Richtung E-Mobilität heraus: Es sei davon auszugehen, heißt es in der Studie, dass bis 2050 keine flächendeckenden Stromnetze zur Versorgung von E-Fahrzeugen mit Ökostrom vorhanden sein werden. Die Batteriekapazitäten würden bis 2050 für viele Anwendungen noch nicht ausreichen. Ein hoher Anschaffungspreis und die begrenzten Reichweiten der E-Fahrzeuge ständen einer Umsetzung im Wege. Die Versorgung mit Ladesäulen werde nicht ausreichend und Ökostrom nicht in ausreichenden Mengen verfügbar sein. Länderübergreifende und flächendeckende Verteilernetze für Ökostrom seien nicht vorhanden und in abgelegenen Gebieten auch nicht wirtschaftlich. Im übrigen würden Herstellung und Entsorgung der Batterien die Ökobilanz belasten. Daher habe „der Verbrennungsmotor noch eine lange Zukunft“ („Nachhaltige Kraftstoffe für die Logistik“, 2019). So werden also auch im Jahre 2050 in Deutschland reichlich Autos mit Verbrenner-Motor fahren, so werden E-Autos auch im Jahre 2050 noch mit einem Strommix fahren müssen, der im Jahresdurchschnitt zu mehr als 50 Prozent aus fossilen und benachbarten nuklearen Kraftwerken stammen muss. Dann wird sich zum wiederholten Male zeigen, dass Diesel-, Hybrid- und E-Autos nahezu den gleichen ökologischen Fußabdruck haben. Dann wird sich zeigen, dass EU und Bundesregierung der Automobilindustrie ohne Gewinn für die CO2-Bilanz den Boden unter den Füßen weggezogen haben.

Die Begründung für eine „Verkehrswende“ ist Reduzierung der CO2-Emissionen

Aber selbst, wenn es gelänge, die Autoindustrie zu 100 Prozent auf E-Auto-Produktion umzustellen, so wäre die CO2-Bilanz nahezu unverändert: Denn das atmosphärische CO2 (0,04 Prozent) besteht mehr als 85 Prozent (BMWi, 23. August 2018, United States Department of Energy) aus lebenswichtigem natürlichem CO2, das in einem Kreislauf gebunden und unverzichtbar für das Leben auf Erden ist. Es versinkt in Ozeanen, wird von den Pflanzen umgewandelt und von der Erdoberfläche verschluckt. Und nur der Rest ist menschengemacht („anthropogen“). Dieser „Rest“ macht folglich weltweit etwa 0,006 Prozent der atmosphärischen Gase aus. Davon beträgt der Anteil Deutschlands rund 2,3 Prozent, also 0,00015 Prozent der weltweiten anthropogenen CO2-Emmisssionen. Hieran ist der Transportsektor (Luft-, See-, Straßenverkehr) mit einem Anteil von 14 Prozent beteiligt (Deutsche Post „Nachhaltige Kraftstoffe für die Logistik“). Davon entfallen wiederum auf PKW etwas mehr als 50 Prozent. Am Ende aller Rechnungen zeigt sich, dass der deutsche PKW-Sektor mit 0,00001 Prozent am weltweiten anthropogenen CO2-Ausstoß beteiligt ist. Also mit einem hunderttausendstel Prozent. Daraus folgern die Grünen, Deutschlands Autos müssten ab 2030 emissionsfrei fahren. So werde das Weltklima gerettet.

Dabei offenbart schon eine oberflächliche Kalkulation: Ohne konventionelle fossile Kraftwerke, ohne Aufrüstung der Verteilernetze bis in die Haushalte hinein gibt es höchstens eine Veränderung des Kfz-Bestandes im einstelligen Millionenbereich, aber keine „Verkehrswende“. Der deutsche Weg, bis 2050 zwanzig bis vierzig Millionen Fahrzeuge mit Verbrennungsmotoren durch Elektrofahrzeuge ersetzen zu wollen, ohne den erhöhten Strombedarf dauerhaft decken zu können, ist vollkommen unrealistisch. Selbst, wenn die Anzahl der Windräder verdoppelt wird, bleiben diese im windschwachen Deutschland regelmäßig stehen. Und alle sonderbaren Ideen, vom „afrikanischen Wasserstoff“ bis zum „europäischen Strom-Verbundnetz“ können nicht helfen: In Deutschland gehen wir stromarmen Zeiten entgegen.

Tesla-Chef Elon Musk gab am 01. Dezember 2020 in Berlin im Gespräch mit der „Welt“ zu bedenken, dass es bis zu einer Elektrifizierung des Verkehrs voraussichtlich noch zwanzig Jahre dauern werde und die Entwicklung vor allem davon abhänge, ob es gelinge, den damit verbundenen, massiv steigenden Strombedarf zu decken. Der US-Investor ließ Zweifel erkennen, dass das Vorhaben ohne Atomkraft nicht gelinge: „Wenn der gesamte Verkehrssektor elektrifiziert wird, brauchen wir die doppelte Menge an Strom.“ Atomkraft als Risikotechnologie zu qualifizieren, hält Musk in dieser pauschalen Form für unangebracht: „Ich bin nicht gegen Atomkraft, […] dort, wo keine Gefahr von Naturkatastrophen wie Erdbeben besteht, ist das Risiko der Nuklearenergie sehr klein.“

Aber den unabwendbaren künftigen Konflikt zwischen Energieangebot einerseits und Elektrifizierung des Individualverkehrs andererseits mag die vergrünte Bundesregierung nicht erkennen. Auch nicht, dass das G5-Mobilfunknetz, die rasant fortschreitende Digitalisierung der Gesellschaft, die Automatisierung der Produktionsabläufe und die Nutzung des stromfressenden Wasserstoff als weitere Energiequelle den Konflikt verschärfen.

Schimäre „Verkehrswende“

Die dargestellten und nur für Deutschland typischen Probleme zeigen die Konzeptlosigkeit der deutschen „Verkehrswende“: Einerseits soll der öffentliche Verkehrssektor gefördert werden, andererseits wird der Individualverkehr durch Kaufprämien für Autos von bis zu 9.000 Euro und durch Steuervorteile belohnt und der Bau einer Tesla-Giga-Fabrik in Brandenburg gefördert. Mit Millionen von öffentlichen Ladesäulen, die alle zusätzliche, länger nutzbare Parkplätze erfordern, werden Anreize für den Autokauf gegeben und die Städte in Richtung Individualverkehr „optimiert“. Dazu passt, dass der CSU-Chef Markus Söder im Oktober 2020 „Hilfen für das Herz der Industrie“, also für Verbrenner fordert.

Einerseits wird der Flugverkehr mit neuen Steuern belastet, andererseits werden bankrotten Fluggesellschaften und Regionalflugplätzen öffentliche Kredite zum Überleben gewährt. Einerseits sollen die endlichen Ressourcen geschont und umweltschädliche Kraftstoffe vermieden werden, andererseits setzt die Regierung voll auf die nicht weniger endlichen und ebenso umweltschädlichen Ersatzstoffe Lithium und Kobalt.

Niemand hat eine Vorstellung, wie und zu welchem Preis in einem Flächenstaat wie Deutschland Millionen von öffentlichen Ladesäulen und E-Tankstellen mit eigens eingerichteten Hoch- und Mittelspannungsanschlüssen eingerichtet und die Erd- und Straßenbauarbeiten und die gewaltigen Investitionen in das Nieder- und Mittelspannungsnetz von privaten Netzbetreibern getätigt werden können. Keiner weiß, wie die Bewohner von Großsiedlungen ihr Auto an eine öffentliche Ladesäule anschließen können, die zum Feierabend bereits belegt ist. Und da es noch Millionen Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor geben wird, seien es Lkw, Alt-PKW, Fahrzeuge aus dem Ausland oder Hybrid-Autos, muss das Ladesäulensystem zusätzlich zum bestehenden konventionellen Tanksystem aufgebaut werden: Vergaserkraftstoffe und Strom müssen in gemeinsamen Tankstellen parallel angeboten werden. Als Krönung sollen auch noch Wasserstoff-Tankanlagen integriert werden und niemand weiß, woher der Strom für die stromfressende Technik zur Erzeugung von Wasserstoff kommen soll und wie die Investitionskosten für Dreifach-Tankanlagen und den Umbau des Leitungsnetzes gestemmt werden können.

Hinzu kommt, dass E-Autos verkehrstechnisch keine Vorteile bieten. Elektroautos nehmen im ruhenden wie im fließenden Verkehr ebenso viel Platz ein, wie Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor und stehen gleichermaßen im Stau wie Autos mit Verbrennungsmotor. Ein 1:1-Wechsel von Benzin/Dieselautos zu E-Autos bringt also auch aus verkehrstechnischer Sicht überhaupt nichts.

Die vollmundig angekündigte „Verkehrswende“ wird scheitern

Die „Verkehrswende“ entpuppt sich als eine Wende, die über Einkommensschwache, Betagte und über die körperlich Benachteiligten hinweggeht, die zur Erledigung der Tagesgeschäfte dringend auf ein Auto angewiesen sind und weder über den Zugang zur einer Ladestelle noch über das Einkommen zur Finanzierung und Unterhalt eines teuren E-Autos verfügen. Statt massiv in den öffentlichen Verkehr und in die Optimierung des sparsamen Diesels zu investieren, werden Billionen von Euro in eine Utopie investiert, die dem globalen Klima de facto nichts bringt.

Stattdessen wird die deutsche Automobilindustrie im technisch wenig aufwändigen Kleinwagengeschäft erhebliche Marktanteile an asiatische Hersteller verlieren und VW sich im Markt der Kleinfahrzeuge einen ruinösen Preiskampf mit China und Südkorea liefern müssen. Diesen Massenmarkt werden sich die asiatischen Produzenten sichern, die nicht an die selbstmörderischen EU-Vorgaben gebunden und preisgünstige Vergaser-Kleinwagen in großen Auflagen herzustellen in der Lage sind. Dann geht es Deutschland richtig an den Kragen. Dann wird Deutschland zum Vorbild, wie man eine Volkswirtschaft und Gesellschaft ruiniert. Dann werden wir freitags ganz andere Demonstrationen erleben. Doch dann ist es zu spät. Die „Verkehrswende“ ist keine „Wende“, sondern ein Albtraum. Daran sei angesichts der Hype um die grüne Vorsitzende Annalena Baerbock erinnert.

Der Verfasser ist Autor des Buches „Die CO2-Falle. Deutsche Klimapolitik und ihre Folgen“, 2. Aufl. 2021.

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