VW-Strategie auf E-Autos zu setzen ist riskant

Rolf Bergmeier28.03.2019Gesellschaft & Kultur, Medien, Wirtschaft

In der Autoindustrie tobt ein offener Streit um die richtige Strategie. VW-Chef Herbert Diess hat in einem Strategiepapier verlangt, sich vollständig auf rein elektrische Fahrzeuge zu konzentrieren und nur noch diese Autos staatlich zu fördern.

Hybride sollten vernachlässigt werden, genau wie alle anderen Antriebsarten, die nicht ausschließlich auf einem Akku beruhen. Während VW also alles auf die reine Elektromobilität setzen will, widerspricht BMW: Auch andere Antriebsarten sollen weiterentwickelt werden.

VW vertraut offenbar darauf, dass die ziemlich willkürlichen Planzahlen der EU zur Reduzierung der Emissionen im Verkehrswesen durchschlagen und die Kunden zum Kauf von Elektro-Autos anregen. Aber alles spricht dagegen. Die hohen Anschaffungskosten, die geringere Reichweite, die rasant wachsenden Strompreise, das umständlich lange Tanken und die teure Installation einer Schnellladestation mit 11 oder 22 KW im eigenen Haus halten den Kunden vom Kauf ab. Eine Studie der „American Automobile Association“ vom Februar 2019 bestätigt das Misstrauen der Autofahrer: Bei einer Außentemperatur von – 6 °Celsius und eingeschalteter Heizung sinkt die Reichweite der getesteten Elektroautos um durchschnittlich 41 Prozent. Bei Temperaturen ab 35 Grad und eingeschalteter Klimaanlage um ca. 20 Prozent.

Zum Preis stellte Hans Dieter Pötsch, Aufsichtsratsvorsitzender von Volkswagen, in einem Interview fest: „Wir haben das klare Ziel, die Elektromobilität auch für breite Bevölkerungsschichten zugänglich, das heißt erschwinglich zu machen. Das Thema Einstiegsfahrzeuge wird in diesem Zusammenhang aber ohne Zweifel schwierig. Das heutige Preisniveau ist nicht zu halten, wenn diese Autos mit Elektromotoren ausgestattet werden. Daher wird es im Kleinwagensegment ganz unweigerlich zu erheblichen Preiserhöhungen kommen“ (Welt, 27.01.2019).

Also Autos nur noch für die Wohlhabenden, die im Einfamilienhaus wohnen? So wird es wohl kommen, nicht nur wegen des Preises, sondern auch angesichts der Ladeproblematik. Denn die potentielle Klientel für das „Kleinwagensegment“ ist genau dort zu finden, wo die Ladeproblematik am größten ist: In Mietwohnungen, in den oberen Etagen, in Großsiedlungen mit Ladepunkten nur an wenigen öffentlichen Ladesäulen. Wo und wie soll der „kleine Mann“, der in der 3. Etage wohnt, sein E-Auto aufladen? Hängen nun überall in der Stadt Stromkabel aus den Wohnzimmerfenstern mit Verlängerungskabeln für das E-Auto „um die Ecke“? Berlin-Marzahn beherbergt rund 110.000 Bewohner in fast 50.000 Wohneinheiten und ist repräsentativ für das Ladesäulen-Problem, das sich überall wiederholt: München-Neuperlach mit 55.000 Bewohner in einer Großsiedlung, Berlin-Hellerdorf und Lichtenberg mit je 80.000 Bewohner, Schwerin mit 60.000 Bewohner, Leipzig-Grünau und Halle-Neustadt mit je 50.000 Bewohner. Es ist nicht erkennbar, wie diese Großsiedlungen mit ausreichend Elektro-Anschlüssen von 22 kW und mehr versorgt werden können. Unterhalb 22 kW ginge es nur, wenn in Kauf genommen würde, dass sich lange Schlangen an den Ladepunkten bilden. Steht der „kleine Mann“ um Mitternacht auf, um endlich an einem freien Platz der öffentlichen Ladesäule sein E-Auto anzuschließen und dort Strom zu einem extravaganten Preis zu tanken? Denn irgendwie wollen ja die Investoren der öffentlichen Ladesäulen eine erträgliche Rendite für die Investitionen in Ladesäulen bekommen. Warum also sollte sich der „kleine Mann“ ein teures E-Auto mit geringer Nutzlastkapazität und ohne gesicherte Tankmöglichkeit kaufen?

Die Strategie von VW, nur noch auf E-Autos zu setzen ist also hoch riskant. Und eine „Wende“ innerhalb von zwei Jahrzehnten wird es nur in der Phantasie der Grünen geben. Stattdessen heißt das Zauberwort „Weiterentwicklung“, Weiterentwicklung und Verbesserung des Derzeitigen: Optimierung des Otto/Dieselmotors mit Katalysator/Filter, Elektroautos als Inselprodukte für Wohlhabende und für Kurzstrecken, ergänzt durch ein wesentlich verbessertes Angebot an öffentlichen Verkehrsmitteln jeglicher Art. Geld scheint dafür in Massen vorhanden zu sein, wie man den dreistelligen Milliardenausgaben für die „Energiewende“ und die Immigranten-Versorgung entnehmen kann. Warum sich der Vorstandsvorsitzende von VW benimmt, als sei er in Birkenstock-Sandalen zur Welt gekommen und darauf vertraut, dass der Fahrzeugabsatz nicht vom Kunden gesteuert wird, sondern durch Planzahlen des Staates, bleibt unerfindlich. Die Mitarbeiter der Unternehmen werden dafür zu bezahlen haben. Es sei denn, die Vorstände werden von den Gewerkschaften gebremst.

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