Aktuelle Sicherheitsherausforderungen an der Technik-Mensch-Schnittstelle

von Roland Benedikter20.09.2019Gesellschaft & Kultur, Medien, Wissenschaft

Über aktuelle Sicherheitsherausforderungen an der Technik-Mensch-Schnittstelle sprach Roland Benedikter mit Heike Galley.

Am 5. Juni 2019 fand das 15. Informationssicherheits-Symposium in Wien statt. Titel: „Künstliche Intelligenz zwischen Mensch und Maschine: Sicher in die Zukunft“. Es thematisierte zentraleuropäische und europäische Perspektiven auf Digitalisierung und Sicherheit. Dabei hielt Roland Benedikter den Abschlussvortrag zum Thema: „KI: Der unendliche Horizont neuer Chancen und Risiken“. Im Mittelpunkt stand der Übergang von der Technik-Mensch-Interaktion zur Technik-Mensch-Konvergenz – als entscheidendes Thema für die Zukunftsfähigkeit mit zahlllosen, wenn auch noch unsicheren Implikationen und möglichen Folgewirkungen. Heike Galley sprach mit Benedikter zu den mittel- bis langfristigen Zukunftserwartungen an der Schnittstelle Digitalisierung-Menschenbild.

Galley: Was ist die aktuelle Situation im Verhältnis Mensch-Technologie?

Benedikter: Unter den Schlagworten „Transhumanismus“ und „Menschenverbesserung“ (human enhancement) ist in den vergangenen Jahren eine „Körperindustrie“ entstanden. Sie hat das Ziel, sowohl den menschlichen Körper wie den menschlichen Geist durch Verschmelzung mit Technologie auf eine „neue Stufe“ zu heben – und zwar ausdrücklich jenseits des bisherigen Menschen. Dazu gehören Firmengründungen wie „Neuralink“ oder „Hanson Robotics“, aber auch die Entwicklung von Internetgiganten wie Google zu Informationsvergleichsmaschinen, die aus der globalen Integration von Daten „höhere“ Daten hervorgehen lassen wollen. Das dient letztlich alles dem Zweck der „Verbesserung des Menschen“, seiner Lebensqualität und Lebenszeit – mit fast allen Mitteln. Denn man geht davon aus, dass die Pflege und das Nicht-Altern des eigenen Körpers für die Menschen zur wichtigsten Priorität, deshalb auch zum wichtigsten Kaufgegenstand – und also zum wichtigsten Geschäftsbereich der Zukunft werden wird. Die Überwindung von Endlichkeit – sowohl synchron, also hier und jetzt zum Beispiel im Machtbereich meiner Gedanken – wie diachron, also betreffend die Lebenszeit meines Körpers – soll zum zentralen Geschäftsmodell einer neuen Technik-Menschen-Welt werden. Die laut ihren Propagatoren bereits Mitte des Jahrhunderts multidimensional Gestalt annehmen könnte.

Beispiele?

Hauben, die drahtlos Gehirnaktivitäten messen, sollen bald im Alltag Gedanken „lesen“. Gehirnimplantate sollen Mensch, Maschine, Computer und Künstliche Intelligenz verbinden. Gehirn-Gehirn-Verbindungen, seit Februar 2019 in China zwischen dem Gehirn eines Menschen und einer Ratte angewandt, sollen die bereits zur Normalität werdenden Gehirn-Computer- und Gehirn-Maschine-Schnittstellen ergänzen. Sie wollen künftig auch menschliche Gehirne miteinander verbinden. Das soll die „Noosphäre“ eines Teilhardt de Chardin verwirklichen helfen – also einen gemeinsamen Ideenraum der Menschheit, nun ganz wörtlich und physisch gemeint.

Das ist aber noch nicht alles.

Die Seitenzweige dieser Entwicklung vervielfältigen sich. Die „Digitalisierung der Gefühle“ ist zum neuen Kernforschungsbereich führender Universitäten wie Stanford, des MIT oder der Universität von Südkalifornien geworden. Durch zunehmende Austauschbarkeit des Körpers und neue Mensch-Maschine-Konvergenzverfahren wie „whole brain emulation“ und „mind uploading“, die das menschliche Gehirn ausserhalb des physischen Körpers nachbilden und bald auch seine Kernprozesse körperunabhängig konservieren wollen, streben Weltkonzerne mit Milliardeninvestitionen nach baldiger Unsterblichkeit – zumindest des „Ich“, das mit dem Gehirn identifiziert, ja gleichgesetzt wird. Womit sich ein „materialistischer Idealismus“ durchsetzt, der zugleich ein „idealistischer Materialismus“ ist. Denn er will den „reinen Geist“ unabhängig vom Körper für sich selbst erhalten – aber paradoxerweise rein materialistisch mittels Verschmelzung mit Technologie.

Daraus ergeben sich viele Fragen.

Zumindest zwei wesentliche. Die eine Frage ist die nach der Sicherheit dieser Entwicklung. Welche Risiken sind damit verbunden? Die andere – grundlegendere und umfassendere – Frage ist, ob es zum scheinbar unaufhaltsamen Trend radikaler technoider „Neohumanität“ eine humanistische Alternative gibt – und wenn ja, wie sie aussehen könnte. Es geht um nichts weniger als um die Zukunft des Menschseins zwischen den Polen Technisierung und Humanismus.

Die drei wichtigsten Herausforderungen in dieser Lage?

Erstens die Cyber-Biosecurity: also die Individualitäts- und Intimitätssicherheit am Mensch-Maschine-Konvergenzpunkt. Dies nicht zuletzt auch legal und normativ. Zweitens die Translationssicherheit zwischen Menschen und Maschinen, also dass es eine wirkliche gemeinsame Sprache und eine gegenseitige Übersetzbarkeit gibt, die das Menschsein nicht benachteiligt. Und drittens die Sicherung der „anthropologischen Differenz“ – also: der faktischen und konzeptuellen Grenze – zwischen Künstlicher Intelligenz (Maschine) und Künstlerischer Intelligenz (Mensch). Diese Differenz sollte vor allzu schneller Gleichschaltung geschützt werden – analog zur Verteidigung des „Abgrunds“ zwischen physischem Gehirn und innerer Selbstwahrnehmung des Selbst in der Gehirnforschung. Viele – wie etwa der Philosoph Colin McGinn – sehen das als Kernaspekt heutiger Aufklärung und der Verteidigung der humanistischen Grundlagen offener Gesellschaft vor dem Zugriff radikaler, und dabei zunehmend autoritärer Technologie an.

Und die Politik?

Die übergeordnete Herausforderung an Politik und Gesellschaft ist die Sicherung und Erneuerung der Ethik der Reversibilität, also einer Ethik der Umkehrbarkeit jener Entscheidungen, die wir heute treffen, durch künftige Generationen. Zweitens die Bewusstseinsbildung, dass es nicht eine, sondern viele Zukünfte zugleich gibt, die beurteilt und integriert werden sollen. Drittens die Entwicklung koordinierter Antizipationsstrategien für diese verschiedenen Felder möglicher Zukünfte. Und viertens die Entwicklung von Sicherungsszenarien vor möglicherweise aggressiver KI zur Vermeidung ihrer Wendung gegen den Menschen oder ihrer unkontrollierten Entwicklung zur Superintelligenz, wie das etwa die Wissenschaftler vom bislang einzigen „Zukunft der Menschheit Institut“ (Future of Humanity Institute) an der Universität Oxford um Nick Bostrom fordern.

Ihr Fazit?

Alle vier Herausforderungen dringen mittels der raschen Ausbreitung von KI heute in eine Vielzahl von Feldern ein – wenn nicht gar in alle wichtigen Zukunfts-Felder und ihre Schnittpunkte. Stichwort: Internet der Dinge. Zumindest eines ist uns allen klar: All diese Herausforderungen und Dimensionen sind nur inter- und transdisziplinär zu verstehen und zu handhaben. Dazu müssen wir als Wissenschaft, Regierungen und Zivilgesellschaft deutlich intensiver als bisher zusammenarbeiten.

Die Autoren

Heike Galley ist Mitarbeiterin von CIS-CERT – Certification & Information Security Services GmbH Wien. Kontakt: office@cis-cert.com. Roland Benedikter ist Forschungsprofessor für Multidisziplinäre Politikanalyse am Willy Brandt Zentrum der Universität Wroclaw-Breslau und Co-Leiter des Centers for Advanced Studies von Eurac Research Bozen. Kontakt: roland.benedikter@eurac.edu.

KOMMENTARE

MEIST KOMMENTIERT

Frau Weidel: Was hat es zu bedeuten, dass ich per Google nur Schweigen der AfD zu dieser Frage vorfinde?

Nach dem Attentat in Halle hat Boris Palmer (Die Grünen) an Alice Weidel (AfD) einen Offenen Brief geschrieben und fragt: "Wäre es nicht notwendig, dass Sie zu dieser Tatsache eine politische Bewertung abgeben? Wie stehen Sie dazu, dass Rassismus und Antisemitismus in Deutschland wieder zu Morden

Erdogan will die Tore bis Wien öffnen

Trumps wilder Rückzug aus Syrien macht Erdogan den Weg frei für seinen historischen Masterplan: Ein Eroberungsfeldzug zur Wiederherstellung des Osmanischen Reiches. Nicht nur die Kurden sind in Gefahr. Auch Europa droht gewaltiges Ungemach.

„Das Volk gegen seine Vertreter“ lautet Johnsons Devise

Der Mann hat keine Skrupel. Er agiert in einem bemerkenswert polemischen Wahlkampfmodus. Da wird das Florett der Rhetorik beiseitegelegt und zum rostigen Beil gegriffen. Boris Ziel sind Neuwahlen, weil er hofft, dass ihm die Wähler Recht geben und sich gegen ihre Vertreter im Unterhaus wenden werde

Der Islam und das linke Weltbild sollen mit allen Mitteln geschützt werden

Montag am frühen Abend im hessischen Limburg: Ein großer LKW steht vor der roten Ampel. Plötzlich reißt ein Mann (ca. 30 Jahre, Vollbart) die Fahrertür auf, starrt den LKW-Führer mit weit geöffneten Augen an. Dann zerrt er ihn mit Gewalt aus seinem Fahrzeug, setzt sich selbst rein und fährt

Fünf Gründe warum die Linkspartei an Geltungskraft verliert

Einst regierte die LINKE den Osten unisono und war als Kümmererpartei allgegenwärtig. Der deutsche Osten der Puls und die Partei seine Herzkammer. Doch die Windrichtung hat sich geändert, die Herzen auch: Die LINKE ist im Abschwung und verliert an Atem, ihr droht der Infarkt, wenn nicht gleich de

"Sag' mir, wo du stehst!"

Kann man den Klimawandel als ernstes Problem betrachten und trotzdem genervt sein von der allgegenwärtigen Klimapropaganda?

Mobile Sliding Menu