Pathos in Dauerschleife

von Roland Benedikter8.07.2013Außenpolitik

Seit seiner Kandidatur 2008 verspricht uns Obama Großes. Doch seine Worte verlieren sich in mangelnder Nüchternheit und haben mit Realpolitik leider wenig zu tun.

Nur wenige Tage nach dem Besuch des US-Präsidenten in Berlin wurde bekannt, dass derselbe Obama, von dessen Berlin-Rede nur die Beschwörung unverbrüchlicher transatlantischer Freundschaft in Erinnerung bleiben wird, Deutschland und Europa in nie für möglich gehaltener Weise systematisch ausspionieren lässt. Die Europäer verhandeln mit den USA das Freihandelsabkommen – und werden unter dem Tisch mit Wanzen abgehört. Freundschaft sieht anders aus.

Bereits in Obamas Berliner Rede klafften Pathos und Realität weit auseinander. Der Beschwörung weltverändernder Epochenwenden stand – ein weiteres Mal – der fast völlige Mangel an Programmaussagen gegenüber. Die Diskrepanz zwischen Pathos und Verhalten, Idealismus und Realismus ist bei Obama allerdings nichts Neues. Es hat in Friedenszeiten selten einen US-Präsidenten gegeben, der größere Ideale beschwört und weniger dabei erreicht. Angela Merkel hat recht mit ihrer kolportierten Einschätzung: Obama hat das Problem, dass gerade ein Politiker, der die größten Ideale beschwört, aber dann wenige Taten folgen lässt, in der Glaubwürdigkeitsfalle sitzt.

Bei seiner Kandidatur 2008 wurde Obama in Europa frenetisch als neuer politischer Messias gefeiert. Seitdem hat er es geschafft, fast alle europäischen Führungsfiguren zu verprellen. Er ließ seit seinem ersten Amtstag kaum eine Gelegenheit aus, um seine Geringschätzung Europas kundzutun, und torpedierte auf sämtlichen internationalen Umweltgipfeln die Vorschläge Europas durch Allianzen der USA mit Ländern wie China oder Brasilien.

Rhetorisches Wunderkind, passé

Da ist es kein Zufall, dass ihn viele Enttäuschte auf beiden Seiten des Atlantiks bereits als „Luftnummer“ bezeichnen: Obama beschwört ständig große Menschheitsthemen, handelt dann aber stets so, wie er will und wie es das Tagesgeschäft für die US-Interessen gebietet. Europa musste lernen, dass Obamas Reden nur Reden sind. Was schwerer wiegt: Auch China hört seinen Worten längst nicht mehr zu, sondern schaut nur noch auf seine Taten, in denen es keine klare Linie erkennt. Das ist vielleicht die größte Niederlage des einstigen rhetorischen Wunderkinds Obama.

Warum aber setzt Obama in seinen Reden überhaupt auf Dauerpathos? Ohne Beschwörung von Idealen ist in den USA keine Tagespolitik zu machen – ganz im Gegenteil zu Europa. Die USA sehen sich in ihrem Gründungsmythos als erstes Experiment einer Menschheitsgesellschaft. Obamas Aufstieg war entscheidend seinem Geschick zu verdanken, rhetorisch an die entsprechenden „großen“ Ideale zu appellieren und sich zugleich im parteiinternen Kampf knallhart durchzusetzen. Es zeigt aber die amerikanische Begrenztheit des Präsidenten, dass er diesen US-internen Stil auf die Welt überträgt – und in Berlin eine Rede so hält, wie er sie eher in Washington halten sollte. Außenpolitik, die den Partner ernst nimmt, geht anders.

Der Witz ist: Das meiste, was Obama verkündet hat, war nicht nur unrealistisch, sondern auch rhetorisch unnötig. Obama hat es verabsäumt, das übertriebene Pathos, das zu seinem Aufstieg nötig war, nach seinem Amtsantritt besser zu dosieren. Er hat es versäumt, von der Wahlkampfmentalität in die politische Realität überzugehen. Dabei wären praktisch alle seine politischen Vorstöße – vom Versuch, die Macht Chinas zu begrenzen, bis zu seiner neutralen Haltung in den meisten globalen Umwelt- und Demokratiefragen – auch ohne überhöhtes Pathos möglich gewesen, ja wahrscheinlich sogar erfolgreicher verlaufen. Obama hätte einfach handeln können, anstatt Großes zu verkünden und dem dann mit Taten zu widersprechen. Handeln statt Ankündigen, Nüchternheit statt Pathos ist zwar eher der Stil von Angela Merkel oder der chinesischen Führungsriege. Doch Obama hätte nach den Erfahrungen seiner ersten Amtszeit davon lernen können, ohne sich selbst untreu zu werden.

Ironischerweise wird ausgerechnet der Geheimnisverrat durch (je nach Sichtweise) „Verräter“ oder „Whistleblower“ wie Edward Snowden oder Bradley Manning dafür sorgen, dass Obamas Politik der eindeutigen Ideale wieder durch mehrdeutiges Handeln abgelöst wird. Der Verrat von Geheimnissen wird die Rückkehr des Geheimnisses, des Handelns gegen das Sprach-Pathos bringen. Politische Absichten werden wieder unausgesprochener, „neutraler“ gehandhabt werden, um sie nicht unnötig Angriffen auszusetzen. Auch die Technisierung der Gesellschaft bei fast völliger Überwachung des Einzelnen und der Widerspruch zwischen Obamas weltumfassenden Befreiungsreden und der von ihm verantworteten Bespitzelungsrealität wird dazu beitragen, dass Idealismus in den kommenden Jahren eher implizit als explizit gehandhabt werden wird. Die neue Generation von „Hacktivisten“ macht die Skepsis gegen große Beschwörungen und rhetorisches Pathos vor; sie schaut lieber auf die Realität.

Tatenlose Visionen

Was bedeutet das? Vielleicht wird Obama, für manche überraschend, im Rückblick der atavistischste US-Präsident seit Langem gewesen sein: Er praktizierte einen Stil, der bei den durch das Internet erzogenen neuen Generationen längst Gegenstand von Ironie, Kritik und Spott ist und veraltet wirkt.

Je mehr Zeit Obama im Amt verbringt, desto mehr weist die Realität seine Rhetorik in Grenzen. Visionen ohne Taten sind wenig wert. Wie weit Obama jenseits aller Freundschaftsrhetorik die USA bereits nicht mehr an der Seite Europas, sondern genau in der Mitte zwischen Europa und China positioniert hat, zeigt die Ausspionierung nicht nur von europäischen Ländern, sondern auch von EU-Institutionen ungeachtet der Tatsache, dass die USA sie eigentlich für wenig bedeutsam bis unwichtig halten. Mit der in Berlin so oft beschworenen „Freundschaft“ und „Schicksalsgemeinschaft“ hat Obamas Realpolitik wenig zu tun. Gibt es dafür einen besseren Beweis, als die Bezeichnung Deutschlands als „Angriffsziel“ (target) durch den US-Geheimdienst? Dass Deutschland laut US-Geheimdienst als „Partner dritter Klasse“ eingestuft wird, zeigt, wie tief das Misstrauen zur neuen kontinentaleuropäischen Leitmacht und ihrer Sonderbeziehung zu China auf US-Seite mittlerweile sitzt.

Fazit? Obamas übertriebenes Wortepathos läutet das Ende des westlichen rhetorischen Idealismus ein. Seine Zuhörer sind der übertriebenen Dauerbeschwörungen weltumspannender Ideale und „großer“ Geschichte bei jedem passenden und unpassenden Anlass müde – international, aber inzwischen auch in den USA. Spätestens mit Obamas Abgang wird das politische Pathos für einige Zeit ruhen und eine neue Nüchternheit in der politischen Dialektik zurückkehren. Das muss kein Nachteil sein, obwohl der im Gegensatz zu Obama diskursiv vielleicht zu stark säkularisierte deutsche Sprachraum mehr öffentlichen Idealismus vertragen könnte.

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