Ein Buch über Twitter im Regal ist wie ein Foto vom Wagenheber im Kofferraum. Sascha Lobo

Nähmed sie äs Gipfeli?

Die Schweiz und Deutschland charakterisieren gewisse kulturelle Unterschiede. Dies stellt der Exilschweizer bereits auf dem Weg nach Berlin fest. Wie frappant die Gegensätze tatsächlich sind, zeigt aber erst der Rückflug mit der nationalen Fluggesellschaft.

Er beginnt im Spätsommer. Die erste Woche bei The European, halb zwölf vormittags, Redaktionssitzung. Neue, brisante Debattenthemen stehen zur Diskussion und werden von den Redakteuren – in preußischer Manier laut und bestimmt – vorgetragen. Der jüngste Mitarbeiter tut zuerst einmal eins: Zuhören. Nach geschlagenen 45 Minuten die erste Atempause, der Exilschweizer holt kurz Luft, will seine vorbereiteten Themeninputs geschickt einfließen lassen, doch dafür ist es leider zu spät. Die Halbzeitpause ist bereits wieder um, die helvetische Zurückhaltung hat sich nicht ausgezahlt. So meldet er sich – nach einer weiteren 45 Minuten dauernden Rhetorikschlacht – in der Nachspielzeit wieder.

Deutschland ist ein hartes Pflaster, das weiß der Exilschweizer spätestens seit seinem Umzug von Zürich nach Berlin. Neun Stunden Fahrt auf der deutschen Autobahn, neun Stunden Stress, Schweiß und Angst. Abstand zwischen zwei Autos: Platzverschwendung. Mindesttempo: 150 – auf der rechten Spur, notabene. Überholspur: Der Ausflug endet jäh mit der grellen Lichthupe eines anrasenden BMWs. Endgültige Ernüchterung: In Bamberg wird der Exilschweizer von einem bayerischen LKW-Fahrer abgeschüttelt. Hinzu kommen die unaufhörlichen Elefantenrennen der heimkehrenden Wohnwagentouristen. Der Autobahnring in Mailand ist ein Kindergeburtstag dagegen.

Gefahrenzone Fahrradweg

Ist die deutsche Autobahn die moderne Via Appia, so ist Berlin das neuzeitliche Rom. Bunt, dreckig und laut – und von einer unglaublichen Anziehungskraft umgeben. Auch das inoffizielle Stadtmotto lässt sich mit der antiken Metropole vergleichen, ganz im olympischen Sinne: citius, altius, fortius. Der Schnellere, Größere und Stärkere gewinnt. Im Alltag findet das Motto disziplinierte Anwendung. Im Restaurant beim Kampf um den letzten Tisch, am Straßenrand im Streit um ein rares Taxi sowie in der U-Bahn, wo selbst die Greise stehen müssen. Helvetische Zurückhaltung, auch hier das falsche Rezept.

Das Kolosseum der olympischen Überlebenskämpfe ist jedoch der Fahrradweg. An keinem anderen Ort entfaltet sich die deutsche Seele besser als auf diesem zwei Meter breiten Stück Asphalt. Es ist das Herrschaftsgebiet des urbanen Bürgers, sein Beitrag zu einer ökologischeren Welt. Er steht für die moralische Überlegenheit des Fahrradfahrers, der schließlich umweltfreundlich zur Arbeit fährt. Und weil der ökologisch denkende Fahrradfahrer auch bei -10°C noch ökologisch denkt, will er wenigstens auf seiner kalten Fahrt nicht aufgehalten werden. Mit einem: „Verpiss Dich, Fahrradweg!“ wird selbst der ortsunkundigste japanische Tourist der Autobahn der Urbanität verwiesen. Auch Darwin muss ein Berliner gewesen sein.

Oh süßer Duft der Heimat

So lebt sich der Exilschweizer also in der Hochburg sozialdarwinistischen Treibens ein. Er lernt, schneller zu sprechen. Er lernt, den Kopf zwischen den Schultern zu tragen. Und er lernt, grimmig in die Welt zu blicken. Er lernt, das Essen im Restaurant zurückzugeben und das Trinkgeld wegzulassen, wenn die Speise kalt serviert wurde. Er lernt, um ein Taxi zu kämpfen und am Alexanderplatz mit Hilfe seiner Ellbogen in die überfüllte U-Bahn reinzuspringen. Nach und nach verschwindet die helvetische Zurückhaltung, bis auch er eines Tages die elenden japanischen Touristen, die in einer Riesentraube aber wirklich jeden Morgen an den Hackeschen Höfen den Fahrradweg versperren, wütend aus dem Weg bellt: ふざけるな 自転車専用道路!

Citium wie der Berliner Lebensstil vergeht auch die Zeit bis Weihnachten. Es ruft die Heimat, die schöne kleine Schweiz. Die Familie will am Fest der Liebe beisammen sein. Von Liebe ist am Flughafen jedoch nichts zu spüren, das Gedränge der Heimkehrer raubt dem Reisenden den letzten Nerv. Endlich eingecheckt und in der Maschine angekommen, lässt er sich auf den Sitz nieder, die Maschine startet und der Exilschweizer döst ein. Aus dem Hintergrund spricht die Stewardess: „Was dörfs zum trinke si?“, ihre Kollegin fragt „nähmed si eis oder zwei Gipfeli?“. Es ist nicht die Sprache, sondern die zurückhaltende, indirekte Art des Kommunizierens, die den Exilschweizer wissen lässt, dass er zu Hause angekommen ist.

Berlin und Zürich trennt lediglich eine Flugstunde, der Kulturschock ist dennoch vorhanden. Es sind die kleinen Dinge; sei es die Gemächlichkeit am Flughafen, die zivilisierte Autobahn oder auch die Sauberkeit der Straßen, die einem auffallen. Andere Gegebenheiten verstören die Heimkehr wiederum. Die Kellnerin fragt dermaßen umständlich nach dem Wunsch des Gastes, dass er sich wünscht, sie würde mal einen Punkt machen. Und plötzlich ist es der Exilschweizer, der die anderen nicht zu Wort kommen lässt: An Heiligabend erzählt er 90 Minuten von Berlin. Die Eltern tun zuerst einmal eins: Zuhören.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Kathrin Rosi Würtz, Bernhard Schinwald, Alexandra Schade.

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