Wulff verlängert das Bauchgefühl ins Bundespräsidialamt hinein. Alexander Kissler

Weltraumforscher und Goldgräber

Familiengeschichten sind gemeinhin getragen, für Außenstehende langweilig. Es gibt aber Ausnahmen. Wie jene der von Puttkamer, die pommersche und damit deutsche Geschichte, Adelssoziologie und ungewöhnliche Lebensschicksale kurzweilig und selbstkritisch miteinander verknüpft; und wie sich der deutsche Adel beruflich und sonst angepasst und verändert hat.

Jesco v. Puttkamer, Gouverneur von Kamerun, 1905

Fast jedem geschichtlich oder politisch Interessierten wird irgendwo der Familienname schon mal begegnet sein, wiewohl es jeweils allenfalls um die 300 bis 400 lebende Namensträger gab und gibt: so die Ehefrau Otto von Bismarcks; der Gouverneur von (Deutsch-)Kamerun („Puttkamerun“); Friedrichs Husarenkommandeur; Hitlers Marineadjudant und Hitlers Widersacher; ein Vater der Mondlandung; der Chefredakteur der sozialdemokratischen Mitgliederzeitung „Vorwärts“ und deutsche Botschafter in Israel; die erste deutsche Botschafterin je und die erste Kommandantin eines Kriegsschiffes der Bundesmarine; ein Goldsucher in Australien und ein Minenpächter in Bolivien; ein Opernintendant. Der preußische Kultusminister (und spätere Innenminister) Robert von Puttkamer gab 1880 ein Rechtschreib-Regelbuch für preußische Schulen heraus – Grundlage für den Duden und für die auch in dieser Kolumne gepflegte Schreibweise: anfangs wurde sie als „Puttkamer-Orthographie“ verspottet.

Auch Raubritter und Verstrickungen

Bemerkenswert indes ist dieser von Georg-Jescow v. Puttkamer verfassten Familiengeschichte indes vor allem, weil sie sich abhebt von den in diesem Genre gewohnten Lobhuldigungen. Vielleicht ist die Familie einfach so alt – 1212 wurde der Name erstmals erwähnt, also vor mehr als zwanzig Generationen –, dass sie sich abgeklärt geben kann. Oder weil Familienangehörige Courage hatten. So unterschlagen die Autoren – neben dem Namensträger ein Co-Autor mit linksliberalem Touch – weder, dass der Wohlstand und ausgedehnte Ländereien auch Raubrittern zu verdanken waren; noch die Verstrickungen und Denkweisen in den 1920ern und 1930ern.

In Hinterpommern gab es neben den Puttkamers manch andere uradlige Familien, die die Regionalgeschichte prägten – Below und Krockow, Zitzewitz und Massow. Ihnen gehörten bis zum Ersten Weltkrieg mehr als die Hälfte der landwirtschaftlichen Nutzfläche. Sie alle wurden 1945/46 von ihren Gütern mit durchschnittlich 1.000 Hektar, zehn Quadratkilometern mit kargem Boden, vertrieben. Dazu litten sie unter den Nationalsozialisten doppelt – da traditionsgemäß viele „Zweitgeborene“ zum Militär gingen, fielen 67 Namensträger, also nahezu jeder dritte männliche Puttkamer. Derzeit bewirtschaften nur zwei Puttkamer eigenes Land – einer von ihnen in Argentinien. Bei ihren Berufen zeigt die Familie den Wandel der Gesellschaft – statt Landwirte und Offiziere sind es nun Juristen, Banker, Ärzte. 1975 war jeder siebte Kaufmann, während es hundert Jahre zuvor keinen einzigen in der Familie gab. Das galt damals offenbar als unfein.

Der erste Umbruch: 1918

Die Jahre 1918 und direkt danach brachten allen Deutschen grundlegende Umbrüche mit der Abdankung des Kaisers, der kurzen Revolution und der Wirtschaftskrise; für kaum jemand anderen aber so tief und nachhaltig wie für den ostelbischen Adel. Statt Kaisertreue, Frömmigkeit und traditionell-patriarchalischen Familienwerten auf dem Lande begegneten ihnen nun in den Städten Frauenwahlrecht und Nackttänzerinnen am Kurfürstendamm. Nicht alle konnten den Verlust ihrer Werte und großteils ihres Vermögens verkraften – der Grundbesitzeradel aus dem Osten wie die meisten Puttkamers lehnten das Neue, also auch Demokratie und die Weimarer Republik kraftvoll ab. Die „Junker“ – indes durchaus nicht nur sie – wurden so vielfach dank opportunistischem, kurzfristigem Denken Wegbereiter für völkisches, nationalistisches und antisemitisches Denken, das den Nationalsozialisten den Weg ebnete – zu spät erkannten viele den Irrweg.

Wer sich schon früh gegen die Nazis wandte, tat das vor allem, weil ihm oder ihr deren Brutalität, Proletiges und das Parvenühafte zuwider war – selten aus grundlegendem Widerstand. So befindet die Familiengeschichte ungewohnt offen: „Genau die konservative, pflichtbewusste, monarchistische, demokratiefeindliche, soldatische, „preußische“ Haltung, von der manche ostelbischen Junker meinten, sie immunisiere gegen den Nazismus, war einer seiner wichtigen Stützpfeiler“. Ebenso freimütig bricht „Zwei Eichen und zwei Linden“ eine weitere Mär, die lange gepflegt wurde und teils wird. Dies geschieht mit Sätzen wie diesen, und zwar zu Zwangsarbeitern, Konzentrationslagern und Judenverschleppungen: „Hunderttausende von Deutschen waren Zeugen und Mittäter. Vom Raubzug der Wehrmacht profitierten fast alle Deutschen erheblich“. Wenige Kilometer entfernt von Hinterpommern begannen am 1. September 1939 Unrecht, Raub, Vertreibung und Mord.

Neben den Berufen und dem Selbstverständnis wandelten sich, wie das Werk erläutert, nach 1919 und mehr noch nach 1945 auch Stellung, Privilegien und Verhaltensformen des Adels – derzeit sind das 4.500 Familien mit 80.000 bis 90.000 Namensträgern. Früher hielten sich die meisten an tradierte Regeln, gebunden an Landbesitz. Man heiratete „untereinander“, die Familie genoss absolute Priorität, man verstand die Herrschaft als Dienst. Manches aber blieb auch beim „Etagenadel“: Familiengeschichte mit Wappen, Stammbäumen, Urkunden und Anekdoten werden an Kinder und Enkel weitergegeben. Deutschland blieb beim „Adelsrecht“ strikter als viele andere europäische Länder: Man beharrte auf dem salischen Recht – Adel kann danach nur von adligen Söhnen auf eheliche Kinder vererbt werden. Der „Gotha“, das Handbuch des Adels, erwähnt adoptierte Kinder nicht.

Nach dem großen Bruch

Auch bei den Puttkamers war manches nach 1945 wie zuvor, obwohl es nur noch gut 200 Namensträger gibt – etwa der Einsatz für andere wie früher die Fürsorge für ihre „eigenen Leute“ auf den Gütern, nun über den Johanniterorden oder die Pommernhilfe als Brückenbau zur alten Heimat. Oder bei der Flüchtlingshilfe: viele, die mit Trecks und kargem Überleben 1945 nach Niedersachsen oder Schleswig-Holstein kamen – die Franzosen weigerten sich, in ihrer Besatzungszone Vertriebene aufzunehmen –, vergaßen nicht, dass die west- und süddeutsche Bevölkerung oft unwillig Flüchtlinge aufnahm.

Bei den Berufen wussten die Puttkamer sich anzupassen – auch die Frauen. Einer wurde Flottillenadmiral und Kommandeur der Offiziersschule der Marine, ein anderer als mehrfacher Sieger von „Jugend musiziert“ Solo-Tubist der Berliner Philharmoniker, der dritte entwickelte als Informatikprofessor an einem ersten Haushaltsroboter. Am bekanntesten dürfte Jesko Frhr. v. Puttkamer sein, bei seinem Tod 2012 der dienstälteste Nasa-Mitarbeiter. Er entwickelte die Saturn-V-Rakete mit, die die Landekapsel zum Mond brachte. Dank seiner ist der Name von Puttkamer nun nicht nur in Pommern und in Kamerun geläufig, sondern auch mit dem Namen eines Kleinplaneten zwischen Mars und Jupiter im Weltraum. Solche Anekdoten erwartet man in einer Familiengeschichte sonst nicht.

Georg-Jescow v. Puttkamer, Zwei Eichen und zwei Linden, Westend-Verlag Frankfurt am Main 2018, 284 S., geb., 24 Euro.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Robert von Lucius: Analyse der Mächtigen

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