Was muten Fotografen dem Betrachter zu?

von Robert von Lucius22.06.2016Gesellschaft & Kultur

Panzer, Ruinen, Kinder mit traurigen oder verängstigten Augen, ein durch Nervengas in Syrien getötetes Kind in Großaufnahme mit aufgerissenem Mund. Wer an Fotos im Nachrichtenfluss, auf den Titelseiten der Zeitungen, denkt, wird wohl zuerst diese Bilder vor Augen haben. Die dokumentarische Fotografie scheint sich indes von Kriegsreportagen fortzubewegen. Wohin?

Am Anfang stand meist nicht der Zufall, ein unerwartetes krönendes Bild, sondern lange, sorgfältige Planung. Einige Serien sind über Monate oder gar Jahre hinweg entstanden – eine amerikanische Fotografin, die ihre krebskranken Eltern bis in den Tod begleitet; ein Fotograf, der drei Jahre lang immer wieder in das gleiche Dorf nahe dem weißrussischen Tschernobyl kommt und den Überlebenskampf dort miterlebt – und so eine Frau fotografisch begleitet, wie sie erst mit diesem und jenen flirtet, dann jemand heiratet, und sich dann wieder scheiden lässt. Solche Geschichten erfordern und bauen auf Vertrauen, das mühsam gewonnen werden muss. Und sie zeigen, dass das Bild vieler von den Paparazzi in der Gelben Presse das Ansehen ernsthafter Fotojournalisten nicht nur verfehlt, sondern auch untergräbt.

Wer sehen und spüren wollte, was Fotografen aus aller Welt bewegt, was sie für wichtig halten, war in Hannover am richtigen Ort. Dort treffen sich alle zwei Jahre fünf Tage lang junge und international bekannte Fotografen, Bildagenturen und Bildredakteure aus aller Welt zum „Lumix Festival für jungen Fotojournalismus“, eines der größten und wichtigsten Treffen ihrer Art. Wer glaubt, junge Fotojournalisten seien nur aus auf das schnelle spektakuläre Bild, auf Gewalt oder Zerstörung, irrt – statt dessen Bildreihen voller Feinheit und innerer Ruhe, aber auch Melancholie. Einig ist den Fotografen Hingabe, Leidenschaft, auch Fürsorglichkeit. 60 junge Fotografen durften hier – ausgewählt aus 1.200 Bewerbern aus aller Welt – Bildergeschichten zeigen, die Maßstab sind.

Zum fünften Mal hat das Festival Tendenzen gezeigt, wohin sich Dokumentarfotografie und Fotojournalismus bewegen. Mehr als die Hälfte der ausstellenden Fotografen kommen dafür nach Hannover, teils erstmals nach Deutschland. Für sie ist ein breites Netzwerk untereinander wichtig, zumal viele von Fotoaufträgen nicht überleben könnten – Berufsaussichten sind düster und Einkünfte gering. Der Rang und die magnetische Kraft der Hochschule zeigt sich daran, dass zahlreiche andere Hochschulen für Fotografie offiziell zur Lumix kamen von Tomsk bis Dhaka, von Barcelona bis Missouri. Sie reizte neben den Impressionen ein breites Debattenprogramm – etwa zur Frage „Was muten wir dem Betrachter zu“. Ein Bildredakteur des „Stern“ berichtet, seine Redaktion erhalte täglich 18.000 Fotos angeboten – 40 kommen in die engere Auswahl. Die New York Times erwartet, dass in absehbarer Zeit mehr als die Hälfte aller Online-Berichte Fotos sein werden.

Hannover ist die führende Hochschule

Mitgetragen wird das Festival von der Hochschule Hannover. Sie gilt als führende Ausbildungsstätte zumindest in Deutschland für Fotojournalisten – nach eigenem Bekunden die größte der Welt. Nur weil Studenten, die meist schon andere Ausbildungsgänge hinter sich haben, beim Bilderrahmen oder an der Kasse ehrenamtlich tätig sind und besuchende Fotografen bei sich unterbringen, ist das Festival finanzierbar. Ihr Gründer und Leiter Rolf Nobel – bis zum Herbst Professor für Fotografie an der Hochschule – erhielt den Dr.-Erich-Salomon-Preis der Deutschen Gesellschaft für Photographie.

Etwa fünfzig Hochschulen und Fachhochschulen bieten in Deutschland Fotografie an, meist aber nur als Beiwerk. Als eigenständige Studiengänge lehren etwa 15 akademische Ausbildungsstätten – meist als breite Palette für Porträts, Modeaufnahmen, Werbung, künstlerische Fotografie. Einige Hochschulen spezialisieren sich wie Hannover dank der Neigungen ihrer Professoren – Leipzig und Düsseldorf auf Kunstfotografie, Würzburg auf Architekturfotos, Bremen auf urbane Landschaften und Handlungsräume. Wer aber als Fotograf die Arbeit für Zeitschriften oder Tageszeitungen anstrebt, geht nach Hannover. Einige große Zeitungen und Zeitschriften von der Frankfurter Allgemeinen bis zum Stern rekrutieren seit einem Jahrzehnt fast alle ihrer Fotografen aus Hannover und bieten den Studenten Praktikumsplätze.

Wie unterscheiden sich deutsche Fotojournalisten von anderen? Rolf Nobel sieht zwei Unterscheidungsmerkmale. Die meisten deutschen Fotojournalisten seien akademisch ausgebildet, in den meisten anderen Ländern aber nicht. Und: Deutsche Fotojournalisten seien stärker als andere nach innen gekehrt, gingen seltener in die Welt hinaus für ihre Aufnahmen in Krisengebieten und zu Naturkatastrophen, und seien daher oft international weniger bekannt. Das will die Fachhochschule ändern, wiewohl sie gerade nicht auf Bilder von Gewalt und Krieg setzt.

Flüchtlinge, Flüchtlinge allerorten

Das andere Fotojournalismusfestival von Rang in Europa, in Perpignan, spitzt sich innerhalb von Bildgeschichten zu auf das „eine“ herausragende Foto in Konflikten, Gewalt, Katastrophen, das zur Ikone werden kann, auch als Brücke zum jährlichen „World Press Photo Award“. Lumix unterschlägt das nicht, setzt aber auf besinnlichere, hintergründige Themen und vor allem auf Bildgeschichten und Reportagen. So gelten Bilder deutscher Fotojournalisten im Ausland bisweilen als intellektuell, analytisch, auch spröde. Erschwert wird das, weil viele deutsche Fotojournalisten mit ihren Kameras „mittelformatlastig“ sind, schwerere und größere Kameras und Objektive nutzen und daher sich nicht so rasch bewegen können wie manch andere – ihre Bilder wirken in ihrer formalen Ästhetik so konstruierter, kühler und emotionsloser als andere.

Im Zeitalter des Fotografierens mit dem Handy und der Wegwerf-Kultur der sozialen Medien ist es schwer begreiflich zu machen, dass große Bilder, deren Eindruck auch nach Tagen nachwirken, mühsam sind und Geld kosten. Dennoch sieht etwa Nobel das Handy-Fotografieren nicht nur negativ: Es erziehe die Schnellfotografen, Bilder zu sehen und dann möglicherweise den Zugang zu ernsthaftem Bilderkomponieren zu finden.

Eindrucksvoll waren in Hannover wiederum Serien, die zeigen, wie auch im Umfeld von Armut und Bedrängnis Freiheitsdrang überwiegt. Auffallend diesmal zahlreiche Bildergeschichten, die irgendeine Form des Eskapismus zeigen, auch Einsamkeit in der Masse. Etwa Männer und Frauen, die sich hinter Latex-Masken von Frauen verbergen und damit eine neue Identität suchen und „schön sein“ wollen. Eine Gruppe von etwa hundert Menschen durchstreift als „Underground Pirates“ das 300 Kilometer lange Tunnelsystem in Paris: eine Parallelgesellschaft der Kataphilen – Touristen vertreiben sie mit Rauchbomben. Oder eine der größten Obdachlosengemeinschaften Europas, die unter den Straßen von Bukarest leben – der Fotograf wohnte zwei Jahre lang mit ihnen. Flüchtlinge, Flüchtige allerorten, nicht nur an den Grenzen.

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