Keks, Tinte und Schallplatten

von Robert von Lucius26.02.2016Gesellschaft & Kultur, Wirtschaft

Einige Straßen stehen für Weltruhm – die Champs-Élysées etwa, der Broadway oder Unter den Linden. Andere stehen für Weltgeschichte – etwa im südafrikanischen Soweto, wo an einem Sträßchen gleich zwei Friedensnobelpreisträger, Nelson Mandela und Desmond Tutu, lebten. Und dann gibt es Straßen, die Firmen- und Sozialgeschichte eines ganzen Landes prägten. Wie die Podbielskistraße in Hannover.

Die Podbielskistraße, kurz die „Podbi“, hat Firmen- und Wirtschaftsgeschichte weit über Niedersachsen hinaus wie kaum eine andere geprägt. Vier Markennamen mit Geltung in Europa hatten hier ihren Ursprung – der Bahlsen-Keks, die Pelikan-Füller, die Polygram (Deutsche Grammophon) als älteste Schallplattenfabrik der Welt, der ewige Pelikanrivale bei Tintenfüllungen, Geha. Ob es irgendwo in der Welt eine weitere Straße gibt, an der gleich vier Markennamen mit überregionaler Geltung ihre Heimstatt hatten? An der gut fünf Kilometer langen Ausfallstraße stand zudem das Ursprungsgeschäft der Familie Rossmann, das zur Kernzelle einer der großen deutschen Drogerieketten wurde.

An der Podbi zeigt sich die Veränderung der Wirtschaftsstruktur von der Industrieproduktion zu Handel, Vertrieb und Dienstleistungen, Technologie und Medizinbranche. Versicherungen wie HDI/Gerling (Talanx als drittgrößte deutsche Versicherung), die VHV-Gruppe mit der Hannoverschen Rückversicherung sowie ein Finanzdienstleister, der aus gutem Grund nach seinem Eigentümerwechsel seinen Namen AWD aufgab, liegen jetzt mit ihren Hauptsitzen an oder nahe der Podbielskistraße. Ein Autosalon von Landrover bis zu Smart-Elektroautos reiht sich an den nächsten. In einem Bürokomplex sitzt die Baufirma, die den Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses plante.

Als schön kann man die Podbi in ihrer Mischbebauung zwischen Gründerzeitbauten und modernen Blöcken nicht bezeichnen, aber gewiss als geschichtsträchtig, denn immerhin steht das hier abgebildete Bahlsen-Haus auch heute noch. Und schon auf ihren ersten Metern bündeln sich Geschichte und Geschichten. Hier wuchs Rudolf Augstein als jüngstes von sieben Kindern in einer Etagenwohnung auf. Als Vierundzwanzigjähriger gründete er im Anzeiger-Hochhaus am Steintor 1947 ein Nachrichtenmagazin: sein „Spiegel“ veränderte bald die Nation.

Eines der ersten Markenprodukte überhaupt

An der Podbi gründete Hermann Bahlsen 1898 seine „Hannoversche Cakesfabrik” mit der ersten Fließbandanlage Europas. Lange vor jener legendären Anlage Henry Fords ließ Bahlsen in Hannover am laufenden Band produzieren – vor dem Ersten Weltkrieg beschäftigte er 1.700 Mitarbeiter für seine gezackten Leibniz-Kekse. Vor dem Jugendstilhaus, noch immer (genauer: wieder) Firmensitz, hängt seit 1913 ein goldener Keks mit 52 Zähnen. Weltweit, wirklich weltweit Aufmerksamkeit fand das güldene Naschwerk (und damit sein Hersteller), als es vor wenigen Jahren gestohlen und nach einem Versteckspiel gegen ein „Geschenk“ von Kekspaketen an wohltätige Stiftungen wieder zurückgegeben wurde – das „Krümelmonster“ der Sesamstraße musste als Diebesbekenner herhalten. Nun wird der Keks – Bahlsen schuf diesen von Cakes eingedeutschten Namen für eines der ersten Markenprodukte überhaupt – durch eine Kamera beschützt.

Mit Kunst hatte es die Familie Bahlsen ohnehin immer. Beim Bau ihres Firmensitzes, als passionierte Sammler bedeutender Kunst oder bei der Planung einer ägyptisch nachempfundenen Kunststadt für Arbeitersiedlungen und dem Werk, der „Tet-Stadt“, aus dem dann allerdings wegen des Ersten Weltkriegs nichts wurde. Hermann Bahlsen wollte der indurstriellen Produktion einen höheren Sinn geben, wollte „Kunst in den Fabrikkreis tragen“.

Doch nicht nur Ingenieure und Maschinenbauer kamen in die Podbi, sondern immer wieder auch Künstler. Zu den Bahlsen-Mitarbeitern zählte der Dadaist Kurt Schwitters, Hannovers großer Sohn, der für die „Tet-Stadt“ und andere Projekte Entwürfe lieferte. Keine Geringeren als Ernst Barlach und Paula Modersohn-Becker entwarfen die Fassade des Bahlsen-Hauses.

Heuss hat seinen Pelikan-Füller „brav benützt”

Einige Straßenblocks weiter liegt das Pelikanviertel. Hier wurden einst Füller und Tinte gefertigt, zudem Kohlepapier, Büroleim, Radiergummis und später der Füller Pelikano, mit dem ganze Schülergenerationen das Schreiben lernten. Der berühmte klecks-sichere Füller hieß dank seiner schwarz-grünen Streifen im Volksmund Stresemann – der deutsche Außenminister hatte seine gestreiften Hosen als Teil des diplomatischen Dienstanzugs durchgesetzt. Bundespräsident Theodor Heuss zählte zu jenen, die den Pelikan „brav benützt“, da er „dem Duktus meiner Hand sehr angenehm liegt“. Heute liegt die Schreibwarenfabrik außerhalb Peines, und der Eigentümer sitzt in Malaysia. Hochwertige Füller aber zählen neben Farbkästen und Schulbedarf weiter zu den Produkten.

Geha als kleinerer Pelikan-Rivale, der die Tintenpatrone erfand – auch deren Füller und Tinte zierten Büros und Schulbänke – baute sein „Werk III“ am hinteren Ausläufer der Podbi jenseits des Mittellandkanals. Der Firmenname ist weniger rätselhaft und magisch als Pelikan – eine Kurzform für Gebrüder Hartmann, die das Versandgeschäft für Bürobedarf gründeten. Nun gehört Geha unter das gleiche malaysische Firmendach wie Pelikan. Für die Arbeiter der Fabriken entstanden hier werksnah erste Genossenschaftsbauten mit klaren, funktionalen Formen.

Nipper und die Deutsche Grammophon

In der Weltgeschichte der Industrie ist wohl die Rolle der Deutschen Grammophon Gesellschaft an der Podbi die wichtigste, auch wenn das jetzt nur wenige einordnen können. Die Gebrüder Emil und Joseph Berliner eröffneten 1904 ihre Schallplattenfabrik an der Podbielskistraße; nach der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg wurde sie wieder aufgebaut. Hier wurden Millionen Schallplatten, anfangs noch in Schellack, hergestellt und die erste doppelseitig bespielte 30-Zentimeter-Platte, zudem Abspielgeräte mit eingebautem Trichter: Nipper, der Hund vor dem Grammophontrichter, wurde zum Markenzeichen. Nach Schallplatten aus Vinyl kamen Musikkassetten – die zweite phonotechnische Weltpremiere in Hannover als Massenware. Auch die Fertigung der CD wurde an der Podbi vorbereitet, gepresst wurde sie dann aber im Werk in Langenhagen. Künstler kamen zu Besuch wie René Kollo, der dort die Hülle seines Schlagers „Hello Mary Lou“ signierte. Enrico Caruso kam nicht, schrieb aber begeistert, als er seine erste hannoversche Aufnahme im Wachsplatten-Verfahren hörte, die die Zinkätzung abgelöst hatte.

Die alten Grammophon-Produktionshallen wurden bis auf den vorderen Klinkerbau 1992 abgerissen. Insgesamt sieben Standorte ehemaliger Industrie- und Gewerbebrachen wurden in den letzten zwei, drei Jahrzehnten umgewidmet. Jetzt teilen sich dort Wohnungen und Büros die ehemaligen Fabrikhallen. Aus dem Pelikan-Werk wurde das Pelikan-Viertel, aus Polygram der Grammophon-Büropark. Dazu kommen neue Büropaläste – der wabenhafte frühere AWD, das Kompetenzzentrum des Baukonzerns Hochtief für Wohnungsbau und Rohbau, die Deutschlandzentrale des niederländischen Gaspipelinebetreibers Gasunie, eine private Fachhochschule des Mittelstandes. Und wenige Schritte jenseits ihres Endes das Geozentrum Hannover mit der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe sowie weiteren geowissenschaftlichen Einrichtungen sowie einer vier Kilometer tiefen Probebohrung, um Erdwärme zu nutzen.

_Auszug aus: Robert von Lucius, „Welfenland mit Schmetterlingen. Streifzüge durch Niedersachsen“. Mitteldeutscher Verlag, Halle._

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