Nikolaus von Halem gegen den „Boten der Hölle“

Robert von Lucius15.02.2016Gesellschaft & Kultur

Am Anfang stand Nikolaus von Halem – eine Ausnahmepersönlichkeit im Widerstand gegen die nationalsozialistische Herrschaft. Er war ein Einzelgänger und Einzelkämpfer, weder Beamter noch Offizier wie so viele im Widerstand. Gerade weil er so breit angelegt „vernetzt“ war, ist er in öffentlichen Würdigungen und Schriften bislang wenig präsent. Viel weniger, als es seiner Bedeutung entspräche.

Als umgänglicher und umtriebiger Mensch verfügte Halem über Kontakte in mehrere Widerstandsgruppen hinein. Viele bekannte Namen aus dem Widerstand gehörten zu seinen Freunden oder Vertrauten. Dank seines breiten Kontaktnetzes vermittelte er im Ausland wie auch zwischen den sich bildenden Widerstandsgruppen. Er pflegte Kontakte zur Militäropposition, zu einer kommunistischen Gruppe, zu regimekritischen Beamten im Auswärtigen Amt, zum Ausland, und war Mitglied des Solf-Kreises in Berlin.

Halem war nicht wie manch andere ein Spätbekehrter. Er war von frühauf ein vehementer Gegner des Regimes, dem eine reine Gesinnungsethik nicht reichte. Er zählte zu den wenigen im nationalkonservativ-bürgerlichen Widerstand, der nicht erst nach jahrelangem Beobachten der Verbrechen des NS-Regimes deren Natur erkannte. Schon vor der Machtergreifung 1933 sammelte er, ein Menschenfänger im besten Sinn, Zweifler und Gegner Hitlers um sich, unterstützte sie und suchte sie zum Aufstand gegen Hitler zu bewegen. Diesen erkannte er früh als „Boten der Hölle“ und als „Postboten des Chaos“. Er zeigte frühen Bekennermut und eine starke Ausstrahlkraft, die andere in seinen Bann zog. Er brach im Sommer 1933 den Referendardienst ab, um den verpflichtenden, für ihn aber undenkbaren Beamteneid auf den Reichskanzler zu vermeiden.

Sein Mut zeigte sich nicht zuletzt in den zweieinhalb Jahren bis zur Hinrichtung. Trotz Folter gestand er nichts und verriet niemanden. Halem kannte viele Namen von Mitverschwörern, hielt aber dicht. Mehrere sagten später, ihnen sei ein Rätsel, wie er unter schwerer Folter ihre Namen hütete und sie so rettete. Vor seiner Hinrichtung schrieb er, seine beiden Söhne sollten später wissen, dass ihr Vater ein Vorbild ehrenhaften Verhaltens gewesen sei, der Anstand und Gerechtigkeit zur Geltung bringen wollte.

Freundschaftsbande

Nikolaus Christoph v. Halem wurde am 15. März 1905 in Westpreußen geboren als Angehöriger einer alten ostfriesischen und Oldenburger Adelsfamilie. Parteipolitisch standen beide Elternteile freikonservativem Denken nahe. Nikolaus besuchte die Klosterschule Roßleben im Süden Sachsen-Anhalts, an der viele Schüler des schlesischen und preußischen Landadels lernten. Mehrere seiner Mitschüler, die zur gleichen Zeit Klosterschüler waren, kamen ebenfalls zum Widerstand. Als Siebzehnjähriger wurde Nikolaus v. Halem 1922 in Heidelberg Mitglied des Corps Saxo-Borussia. Dort fanden sich auch andere aktive Widerständler sowie Regimekritiker, die Unbill und Einkerkerung auf sich nahmen. Auch in den beiden im „Weißen Kreis“ eng verbundenen Kartellcorps Borussia Bonn und Saxonia Göttingen waren Widerständler des 20. Juli.

Der hohe Anteil Adliger fällt auf unter jenen, die eine aktive Rolle im Widerstand spielten. Adlige Familien, in der Bevölkerung etwa 0,1 Prozent, stellten im engeren Kreis der Verschwörer fast 50 Prozent und unter den Todesopfern der Vergeltungsaktionen ein Drittel – keine andere Gesellschaftsgruppe war stärker vertreten. In der Erziehung im Corps habe er Selbstbeherrschung und Mut erlernt, Stehvermögen und Überzeugungskraft, schrieb der frühere Staatssekretär Klaus von der Groeben. Ihm ist eine eindrucksvolle Biographie zu verdanken – erst durch sie wurde Halem den Ansätzen von Vergessen entrissen.

Brückenbauer im Widerstand

Halem ging in die Industrie. Rasch kam er mit den Nationalsozialisten in Konflikt. 1936 wurde er verhaftet, weil einem jüdischen Berliner Künstlerfreund zur Flucht in die Tschechoslowakei half. Auslandsreisen als Repräsentant eines schlesischen Familienkonzerns erlaubten ihm politische Gespräche. In Moskau berichtete er der englischen Botschaft von Hitlers Angriffsplänen gegen Russland. Nicht immer fand er Gehör. Ausländische Journalisten glaubten seinen Mitteilungen nicht. An Dokumenten, die ein Vertrauter Halems in die Schweiz bringen ließ, zeigten 1938 weder Winston Churchill noch Allen Dulles, damals amerikanischer Geheimdienst-Resident in Bern, Interesse.

Stärker als andere setzte Halem auf „die Tat“, mehr als auf das Nachdenken, wie es nach dem Tod des Diktators aussehen werde. Zunehmend kam Halem zur Überzeugung, ein Anschlag werde erschwert, weil viele seiner Gesinnungsfreunde sich an den Treueid gebunden sahen, die Gesamtlage zuversichtlicher beurteilten. Er suchte nach einem entschlossenen Attentäter und fand ihn in dem Regimegegner Josef („Beppo“) Römer. Schon einmal, 1934, hatte Römer gemeinsam mit Halem ein Attentat auf Hitler geplant, nach der Festnahme Römers im Juni 1934 verlief das aber im Sande.

Folter und Prozess

Die Gestapo nahm Nikolaus von Halem im Februar 1942 in seinem Büro am Pariser Platz fest – wie und warum ist nicht gesichert. Sie schleifte ihn durch mindestens zehn Haftanstalten, ein Straflager und das Konzentrationslager Sachsenhausen. 32 Monate Haft, Folter, Hunger und Kälte konnten ihn nicht brechen. Freunde berichteten von schweren Kopfverletzungen, ausgerissenen Fingernägeln, blutiger Wäsche, einem Nierenriss. Mitgefangene berichteten später, er habe sie in jenen Jahren fast verklärt mitgerissen und ihnen Mut gegeben.

Der Volksgerichtshof verurteilte Nikolaus von Halem am 16. Juni 1944 zum Tode. Ihnen wird Vorbereitung eines hochverräterischen Unternehmens vorgeworfen und Wehrkraftzersetzung. Das Todesurteil mag manchen den letzten Anstoß gegeben haben zum Attentatsversuch am 20. Juli, fünf Wochen später. Selbst das Gericht hatte nicht erkannt, dass es – so Groeben – über einen „der gefährlichsten Feinde des Nationalsozialismus“ urteilte. Am 9. Oktober 1944 wurde er im Zuchthaus Brandenburg-Havel-Görden enthauptet, wie mehr als 2000 weitere politische Gegner der Diktatur im damals größten Zuchthaus des Deutschen Reichs.

Sein wohl wichtigster Einfluss auf den Widerstand war es, Brücken zu bauen zwischen Meinungsträgern und zwischen sich bildenden Widerstandsgruppen, auch zwischen Armee und Zivilisten. Gemessen an der Wirkkraft, dem Mut, der Breite seines Einsatzes, ist es erstaunlich, dass Halem in der öffentlichen Wahrnehmung weniger präsent, in Darstellungen zum Widerstand weniger gewürdigt wird als viele anderen Namen. In vielen Studien zum 20. Juli wird er unterschlagen. Nikolaus von Halem, einer der Großen im deutschen Widerstand, war eben trotz seiner Kontaktfreude und seinen zahllosen Kontakten im Widerstand ein Einzelgänger, der preußische Tugenden wie wenige in sich verkörperte.

_Auszug aus: Speere werfen und die Götter ehren, in: Sebastian Sigler (Hrsg.), Corpsstudenten im Widerstand gegen Hitler, Duncker & Humblot Berlin 2014_

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