„Nonnen, Jungfern, Weiber"

von Robert von Lucius22.12.2015Gesellschaft & Kultur

Was um 1840 der Weltreisende August Lucius – Reichstagsabgeordneter, Kaufmann, Maler und Gutsbesitzer – beschreibt, ist ebenso unverfälscht wie freimütig, weil seine Briefe und Tagebuchnotizen nur für die Familie bestimmt waren. Sie geben einen seltenen Einblick in das Denken auch von Freigeistern vor 175 Jahren. Ein erster Vorabdruck aus einem demnächst erscheinenden Buch.

Frauen sind für den Weltreisenden in den 1840ern mal allerliebst, mal verwöhnt – und oft bedauernswert. Vor allem jene, die als Nonnen unverheiratet bleiben mussten, weil sich die katholische Kirche „gegen die Natur“ auflehne. Das Frauenbild, das der (zweimal verheiratete) katholische Weltreisende August Lucius – Reichstagsabgeordneter, Kaufmann, Maler und Gutsbesitzer – beschreibt, ist ebenso unverfälscht wie freimütig, weil seine Briefe und Tagebuchnotizen nur für die Familie bestimmt waren. Sie geben einen seltenen Einblick in das Denken auch von Freigeistern vor 175 Jahren. Am Anfang stand, so schreibt August Lucius im Jahre 1839 aus Rom, „jene Eva, die an allem Schuld war“. Und reiste ab in die Karibik, nach Kuba.

Die Damen – so ist es einem Brief, aufgegeben 1840 in Havanna, zu lesen – seien „übrigens allerliebst hier, da sie nicht nötig haben, etwas zu thun und die Männer es nicht anders gewohnt sind. So ist ihnen ihre Faulheit auch zu verzeihen, nur so weit sollten sie nicht gehen, daß sie ihre Kinder nicht einmal selbst nähren, das überlassen sie den garstigen Ammen. In der Damenarbeit wie Sticken leisten die hiesigen Damen nicht das geringste, und soweit meine Kenntnis davon geht, sind sie überhaupt zu sehr wenig anderem disponiert, als zum Ausfahren und Gefrorenes essen. Letzteres ist allerdings auch sehr gut, das Eis kommt von New-York und ist das ganze Jahr im Ueberfluß zu haben.“ Er sieht aber Ausnahmen: Die Tochter einer ihm befreundeten Witwe „ist sehr schön und gebildet und frei von gemeinem unverschämten Wesen, was den meisten hiesigen Damen anklebt.“

Als Jungfer alt zu werden, ist ein hartes Los

Besorgt hatte ihn, dass seine Schwester erst im Alter von 22 Jahren heiratete. Ihr schrieb er aus Philadelphia „Ich freue mich, daß der Brautkranz den Nonnenschleier überwunden hat. Als Jungfer alt zu werden, ist ein hartes Loos, und selbst die ausgezeichnetsten Frauenzimmer vermögen es selten würdig zu ertragen. Wie ungerecht ist die Welt, welche das altgewordene Mädchen zur Seite liegen läßt, ja verspottet. Ich für mein Theil fühle die größte Sympathie für sie, und in manchem blassen Gesichte glaubte ich eine Tragödie lesen zu können. Von der Natur waren sie bestimmt, auch Mütter zu werden und hatten vielleicht alles, um den besten der Männer glücklich zu machen — ihr Herz ist vielleicht gebrochen worden oder sie büßen schwer für einen eignen Fehler. Gott allein weiß es — sie sind brach liegen geblieben und tragen am Ende Unkraut. Die Ehe hat auch ihre Lasten, doch scheinen sie mir süß im Vergleich, und liegen im Laufe der Natur. Eure Ehe ist auf Zuneigung und Frömmigkeit gegründet und der liebe Gott wird sie gewiß segnen und glücklich werden lassen — aber selbst gottlose, liederliche, unglückliche Ehen haben ihr Gutes, wenigstens für den Mann, und sind besser als keine. Ich schreibe deswegen so salbungsvoll, weil es heut Sonntag ist.“

Ein Jahr später gibt der Vierundzwanzigjährige der jungen Mutter Ratschläge: „Die Erziehung eines Menschen fängt glaube ich vom ersten Tage seines Lebens an und dauert bis an sein Grab, das sieht man ja an alle den Alten, daß sie der Schule noch nicht entwachsen sind. Vieles liegt außer der Macht der Eltern, aber vieles, welches in ihrer Macht liegt, wird gerade deswegen verpfuscht, daher muß man hauptsächlich den lieben Gott walten und die Kinderchen laufen lassen.“
Als seine Mutter ihm von Todesfällen von Nonnen in einem Kloster seiner Heimatstadt Erfurt berichtet, antwortet er „welcher Unsinn ist es aber auch, sich so einzustallen, die armen Geschöpfe sollten heirathen, eine unglückliche Ehe ist selbst besser, als ledig zu bleiben. Die Mönche und Priester wissen sich freilich zu entschädigen, es ist bewunderungswürdig, mit welcher Ungeniertheit sie das Cölibat brechen, und das anmuthigste Familienleben führen. Sie haben so unrecht nicht, aber die Kirche hat unrecht, sich so gegen die Natur aufzulehnen.“

Die Damen schwarz und verschleiert

In Rom – wo er von 1851 an drei Jahre als Maler unter Malern lebte – mokiert sich Lucius wiederum darüber, wie die Kirche Frauen ausgrenzt. Bei einem Gottesdienst in der Sixtinischen Kapelle unmittelbar vor Weihnachten beschreibt er „Man muß im schwarzen Frack kommen, die Damen schwarz und verschleiert, außerdem sind sie als Töchter jener Eva, die an allem Schuld war, aus dem Angesicht des Papstes verbannt und hinter ein Gitter gesperrt, vor welchem die Männer stehen, sodaß sie von der ganzen Funktion nichts sehen können, als was den Gang an ihnen vorbeipassirt. Dagegen hören sie den berühmten Gesang ebenso gut.“ Papst Pius IX. – der mit 31 Jahren am längsten regierende der Kirchengeschichte – singt seinen „ambrosianischen Segen von seinem Thron herab mit so klarer, schöner Stimme und so frommem, nach oben gewandtem Blick, daß es Eindruck machen muß. — Im Übrigen fiel mir wieder der eigenthümlich verschämte Ausdruck seines Antlitzes auf, er hat wirklich etwas von einer alten Frau.“

Bald darauf ist der Rombesucher „in der Kirche Santa Croce; in der Grabcapelle der heiligen Helene werden nur am 20. März Weiber zugelassen, sonst ist es ihnen bei Strafe der Excommication untersagt. Wie sonderbar! Es waren natürlich genug da, um von der seltenen Erlaubnis Gebrauch zu machen. Wie man nur so auf die armen Weibsleute erbost sein kann.“ Mal bedauert August Lucius Frauen mehr, mal weniger. In der Kuppel des Petersdoms war er „in unmittelbarer Nähe der Mosaikbilder, mit welchen der ganze hohe Raum der Kuppel überkleidet ist. Zwei Engländerinnen bemühten sich mit ihren Scheeren vergeblich, ein Stückchen Stein zum Andenken herauszubohren. St. Peter widersteht aber seinen kleinen Feinden ebensogut, als den großen.“

Sie war übrigens passé, wie man sagt

Auch für Nonnen hat er nicht immer Mitleid. Er beschreibt an einem Februartag „Als ich ins Atelier kam, war die Rede von der Einkleidung einer Nonne in San Domingo. Der Hof stand voll Wagen und die Kirche voll Engländerinnen. Die himmlische Braut trat an der Hand einer älteren Dame ein, erstere aus dem Geschlecht der Giustiniani, in weißer Atlasrobe mit gestickter Schleppe. Nachdem ein Dominicaner die Rede gehalten, verschwand die Braut hinterm Gitter und mit dem erwarteten Schauspiel und Einkleidung war’s nichts. Man hörte den wundervollen Gesang der Nonnen geheimnisvoll hindurchtönen und konnte sich das Übrige ausmalen, wie man wollte. Ich hielt nicht für nöthig, das Opferlamm zu beklagen. Die junge Dame hatte ein zu bestimmtes Gesicht für das Opferlamm. Sie wußte, was sie that und war übrigens passé, wie man sagt.“

Als er eine ihm aus Thüringen bekannte Dame traf, schonte er sie bei seiner Führung durch das Forum nicht, „wo so mancherlei Sehenswürdigkeit auf kleinem Raum zusammengedrängt ist. Die junge Frau fand an den Alterthümern wenig Geschmack, fürchtete, hier selber Antike zu werden, ich erließ ihnen jedoch nichts, bis auf die Cloaca maxima, welche ein abscheuliches Dreckloch ist. Nachdem ich sie weidlich abgehetzt“, ging er zu Kinderpredigten in der Kirche Aracoeli. „Es ist ein Gesetz, daß Weiber nur mit verhüllten Köpfen in die Kirche kommen dürfen, man ist nur um so begieriger, wie sie aussehen? Eine Gruppe von Frauen und Mädchen zog mich an, denn sie sind alle schön.“

Auszüge aus: August Lucius, „Auf alles gefasst, außer aufs Umkehren. Erfurt, Havanna, Rom”, Hrsg. Robert von Lucius. Wolff Verlag Berlin/Breitungen, erscheint Anfang 2016.

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