Peer Steinbrücks tränenreicher Auftritt | The European

Kleine Träne, große Wirkung

Robert Schütte22.06.2013Politik

Der Tränenausbruch könnte der entscheidende Wendepunkt in Steinbrücks Kampagne sein. Und erinnert dabei frappierend an einen Moment im letzten US-Wahlkampf.

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Sean Gallup/Getty Images

Immer wieder gibt es diese unplanbaren Momente, die lahmenden Wahlkämpfen eine neue Dynamik geben und sich im öffentlichen Bewusstsein festbrennen: Am 16. Juni 2013 erlebte Peer Steinbrück einen solchen Moment, als er zusammen mit seiner Frau auf einem SPD-Konvent interviewt wurde. Auf die Frage, „warum er sich das eigentlich alles antue“, kämpfte der bisher glücklose Kanzlerkandidat zur Überraschung der Anwesenden mit den Tränen.

Was auf den ersten Blick eine banale Reaktion des sonst als abgebrüht geltenden SPD-Manns anmutet, könnte dem Wahlkampf jedoch eine unerwartete Dynamik verschaffen. Das durchweg positive Medienecho war jedenfalls geeignet, das auf negative Charakteristika zusammengedampfte Image Steinbrücks aufzubrechen. Ein kurzer Moment Kontrolllosigkeit hat den Kandidaten plötzlich nahbar und in seiner Verletzlichkeit sympathisch gemacht. Vielleicht war Steinbrücks Ringen um Fassung sogar der authentischste Moment des Kandidaten bisher.

Wenn sich Wahlkämpfe vorausberechnen ließen, könnten die Sozialdemokraten ob der astronomischen Beliebtheitswerte der Bundeskanzlerin schon ihre Sachen packen. Wie wackelig jedoch zu Anfang sicher geglaubte Wahlsiege sind, hat sich zuletzt bei den amerikanischen Präsidentschaftswahlen gezeigt. Dieser hält eine interessante Parallele bereit. Damals ging Obama mit einem deutlichen Beliebtheitsplus ins Rennen und konnte den bereits in den konservativen Vorwahlen beschädigten Mitt Romney durch Negativ-PR das als unsympathischen Millionär ohne Verständnis für die Nöte der Bevölkerung abstempeln.

Ein einziger Abend reicht, um die Kommunikationsstrategie zu zerstören

Dieses Image blieb bis zur ersten Präsidentschaftsdebatte haften. Zur Überraschung der meisten Zuschauer wirkte Romney jedoch plötzlich sympathisch und überhaupt nicht wie das Image, was ihm zuvor verpasst wurde. Der als Verlierer geltende Republikaner gewann denn auch die Debatte gegen einen müde wirkenden Obama.

Ein einziger Auftritt reichte, um die Amerikaner zu einer Neubewertung der Person Mitt Romneys zu bewegen. Ein einziger Auftritt genügte, und Millionen Amerikaner fragten sich: Ist dieser Romney nicht vielleicht doch eine Alternative zu Obama? Ein einziger Abend brachte die bis dato erfolgreiche Kommunikationsstrategie Obamas an den Rand des Zusammenbruchs. Die sich hieraus entwickelnde Eigendynamik gab der republikanischen Kampagne einen unerwarteten Schub, der Romney in den landesweiten Umfragen zeitweise am Präsidenten vorbeiziehen ließ.

Im Nachhinein wissen wir natürlich, dass Mitt Romney nicht Präsident der Vereinigten Staaten geworden ist. Dies war nicht zuletzt auf im Geheimen aufgenommene Lästereien Romneys über die angebliche Anspruchshaltung fauler Amerikaner zurückzuführen. Dabei sollte nicht vergessen werden, dass ein zuvor als sicher angesehener Sieg Obamas in arge Gefahr gekommen war.

Die Person Steinbrück muss punkten

Was heißt das nun für Peer Steinbrück? Zum einen, dass sein unbeabsichtigt emotionaler Auftritt vor laufenden Kameras zu einer öffentlichen Neubewertung seiner Person führen könnte. Die Sozialdemokraten wären daher gut beraten, hierauf aufbauend das Image des „Gourmet-Genossen Pannen-Peer“ aufzuknacken und zu korrigieren. Seine vergossene Träne kann hierzu ein Anfang sein. Steinbrück muss nicht einmal an die Sympathiewerte der Kanzlerin herankommen.

Wenn er aber mit seinen Inhalten durchdringen will, muss er auch als Person von der Mehrheit der Bevölkerung als akzeptable Alternative zur Kanzlerin wahrgenommen werden. Die weiße Fahne müssen die Genossen jedenfalls noch lange nicht hissen: Bereits ein kleine Wende in den Umfragen, ein Stolperer Merkels oder ein weiterer schwarz-gelber Skandal könnte eine Eigendynamik zugunsten der SPD erzeugen, mit der heute niemand rechnet. Es wäre eine Ironie des Schicksals, wenn dem stets um Kontrolle bemühten Steinbrück durch eine emotionale Reaktion der Weg ins Kanzleramt geebnet würde.

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