Der „Spiegel“ wird an der entsetzlichen mehltaumäßigen, sozialdemokratisch-grünen Korrektheit zugrunde gehen. Matthias Matussek

Scheinkrise

Die Weltwirtschaft läuft nur dann, wenn es Europa und den USA geht gut? Von wegen! Während der Westen mit sich selbst beschäftigt ist, zieht der Rest der Welt vorbei.

Europa läuft Gefahr, Chancen zu versäumen. Die globalen Machtverschiebungen Richtung Ostasien sowie neuer Gestaltungsmächte müssen uns endlich aufrütteln. Die Vereinigten Staaten haben dies erkannt und ordnen sich neu. Dabei bedarf es jetzt mutiger Strategien und Bausteine für die Ausgestaltung einer multipolaren Welt – mit mehreren Zentren, von denen Europa nur eines ist.

Diese Nachrichten sind nicht mehr überraschend. Australien lehrt seinen Schülern beispielsweise Chinesisch und Hindi. Es investiert in China, Indien, Vietnam und Indonesien und nimmt dort alle Optionen von Asiens wachsenden Wirtschaften wahr. Hunderttausende Afrikaner sind inzwischen nach China migriert, um dort in den Weltmarktfabriken Arbeit zu finden. Hunderttausende Chinesen studieren im Ausland, vor allem in den USA. China und Ostasien sind zu den Wachstumspolen der Weltwirtschaft geworden, nicht zuletzt wegen der riesigen Investitionen der transnationalen Unternehmen aus dem Westen. Wer als Unternehmer da nicht teilnimmt, verpasst seine Chancen auf wachsenden Märkten.

Allen voran China

Das Wirtschaftswachstum in den USA und Europa schwächelt, und wir beschäftigen uns mit Krisenbereinigung. Währenddessen verpassen sich China, Indien und die anderen Gestaltungsmächte Indonesien, Malaysia, Vietnam, Kasachstan und Chile nicht nur einen Wachstumskurs, sondern klettern auch auf der Technologieleiter nach oben. Ihre Produktivität wächst schneller als der Weltdurchschnitt, ihre Exporte sind zunehmend technologieorientiert, und die Bildungsanstrengungen der vergangenen Jahre haben eine wissenschaftliche-technische Elite geschaffen. Diese möchte jetzt auch die Früchte des Wachstums ernten.

Allen voran China kassiert die Gewinne der Modernisierung und Urbanisierung. Heute leben bereits mehr als 50 Prozent der Chinesen in Städten, und in 20 Jahren werden es mehr als 70 Prozent sein. Ein Strukturwandel ungeheuren Ausmaßes, der eine weitere Dynamik in Gang setzen wird. Daher schaut alle Welt gebannt nach China, weniger nach Indien und Brasilien. Die beiden Letztgenannten zeigen noch große Schwächen: Sie sind Länder mit einer riesigen armen Bevölkerung. Brasilien bleibt zudem abhängig von Rohstoffexporten, wie auch Südafrika, Kasachstan und Indonesien. Indien kann die Armut nicht reduzieren, das Bildungssystem und die Infrastruktur befinden sich in einem jämmerlichen Zustand. Die Industrie ist international weitgehend nicht wettbewerbsfähig. Dennoch: Alle diese Gestaltungsmächte nutzen ihren Wachstumserfolg und nehmen Einfluss. Dem Westen wird so das Ende seiner Hoheit über die Welt aufgezeigt.

Der Westen schwächelt nicht nur ökonomisch, er ist vor allem kein Vorzeigemodell mehr für arme Nationen. Die nehmen sich China zum Vorbild. China und weitere Gestaltungsmächte sind erfolgreich gewesen, weil sie wirtschaftliche Rezepte jenseits des Washington-Konsenses anwenden, also eine Imitation des Protektionismus des südkoreanischen Industrialisierungsmodells der 1950er- und 1960er-Jahre. Entgegen der Lehrbuchmeinung sind China und Co. erfolgreich, obwohl der Staat die Wirtschaft steuert. Das Instrumentarium ist breit gefächert, wie beispielsweise rigorose Eingriffe in die Märkte, Währungsmanipulation und Subventionen zeigen. Und viele der Unternehmen aus den Gestaltungsmächten sind Staatsunternehmen, die eifrig Subventionen abkassieren, sich Regierungsaufträge sichern und internationale Wettbewerber ausbooten.

Europa darf nicht abseits stehen

Europa ist, gelinde gesagt, in einer leichten Schieflage. Es beschäftigt sich mit sich selbst, muss nach Innen schauen und sich abstimmen, um zu versuchen, die anstehenden Probleme zu lösen, während die neuen Gestaltungsmächte wirtschaftlich davon ziehen und ihren politischen Einfluss weltweit erweitern, etwa in der Weltbank, im IWF, in den G20 und in der UN.

Die globalen Machtverschiebungen erfordern ein Umdenken und die möglichst zügige Entwicklung neuer europäischer Strategien. Obwohl unser Einfluss geringer geworden ist, haben die neuen Gestaltungsmächte auch noch keinen Gegenentwurf für eine multipolare Weltordnung.

Einerseits sind sie selbst mit internen Transformationsproblemen befasst, und es muss bezweifelt werden, dass sie vom jetzt erreichten Plateau schnell auf ein höheres Einkommensniveau springen können. Vieles spricht dafür, dass dies außer China wohl allen anderen schwerfallen wird.

Aufgrund ihrer internen Schwächen werden sie international weit weniger Spielraum haben als allgemein angenommen. Dies wissen die Regierungen in Peking und in Brasilia, weshalb sie immer wieder kooperative Lösungen einfordern – sei es in Handelsfragen, im Klimaschutz, in der Armutsbekämpfung oder anderen Fragen.

Andererseits agieren sie trotz ihrer neuen Bündnisse, wie BRICS und IBSA, aufgrund unterschiedlicher politischer und wirtschaftlicher Wertevorstellungen in den internationalen Institutionen nur selten gemeinsam.

Die Welt vernetzt sich mehr als je zuvor. Sie ist während der letzten 50 Jahre reicher geworden, aber sie ist auch fragiler und interdependenter. Dies erfordert Pragmatismus und flexibles Handeln aller. Europa als der größte Wirtschaftsblock der Erde kann nicht abseits stehen. In aller Welt erwartet man ein stärkeres konstruktives Engagement der Europäer. Diese sind nun gefordert, den Blick von innen verstärkt nach außen zu richten und neue Entwicklungen zu antizipieren, um Beiträge zur Lösung globaler Probleme herbeizuführen und die europäischen Konzepte von Demokratie, Marktwirtschaft und Nachhaltigkeit zu stärken.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Russell Roberts, Mary Kaldor, David Sloan Wilson.

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Dieser Beitrag ist in der Printausgabe 1/2013 des The European enthalten.

Darin finden Sie u.a.: Weitermachen, der Weltuntergang fällt aus: Lesen Sie, wie sich die Menschheit gegen Asteroiden, Pandemien und Co. zur Wehr setzt. Außerdem: Warum die SPD-Troika den Sozialdemokraten schadet und welche Wirtschaftsweisheiten 2013 endgültig in den Papierkorb der Geschichte gehören.

Sie können es hier direkt bestellen.

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