Time to Say Goodbye

Robert Kappel16.03.2011Politik

Europa ist der größte Wirtschaftsraum der Welt, dennoch ist die EU schlechter denn je für die Zukunft gewappnet, es mangelt ihr an Hard und Soft Power. Die G20-Staaten gewinnen zunehmend an Einfluss, es entsteht eine Dynamik in Richtung Asien und zu deutlich mehr Süd-Süd-Kooperationen. Der Prozess der Verschiebung von Weltmacht und Weltpolitik hat längst begonnen.

5876506c11.jpg

Europa ist nach wie vor der größte Wirtschaftsraum der Welt mit einem Anteil am Weltbruttosozialprodukt von knapp 20 Prozent. Von hohem Niveau ausgehend, sind die Wachstumsraten der EU aber im Schnitt der letzten drei Jahrzehnte niedriger als die der aufstrebenden Mächte. Dies zeigt eine mangelnde Dynamik und führt zu einem schleichenden Bedeutungsverlust. Drei Aspekte verdeutlichen, dass die EU für die Zukunft schlechter als je gewappnet ist: Entgegen der im Jahr 2000 formulierten Lissabon-Strategie, wonach Europa bis zum Jahr 2010 zum “wettbewerbfähigsten und dynamischsten wissensbasierten Wirtschaftsraum der Welt“ werden sollte, wurde wegen nationaler Alleingänge, mangelnder Umsetzungsmechanismen und inkohärenter Strategien dieses Ziel verfehlt.

Die G20-Staaten sind bald wichtiger als die G7-Staaten

Der Europäischen Union mangelt es an Hard und Soft Power. Militärisch, diplomatisch, außenpolitisch und was Business-Netzwerke betrifft, steht die EU im Vergleich zu den USA relativ schwach da. So ist es ihr beispielsweise nicht einmal im Mittelmeerraum gelungen, ihr politisches und wirtschaftliches Gewicht in die Waagschale zu werfen. Die EU ist zudem weitgehend mit sich selbst beschäftigt. Ihre ausgeprägte Nabelschau lässt die europäische Integration als eine Voraussetzung für Frieden und Stabilität in Europa selbst erscheinen, darüber hinaus als Wachstumsmaschine für Entwicklung und Wohlstand. Aber als Modell für andere genießt es in der Zeit der Globalisierung nicht mehr das Ansehen, das es mal innehatte. Der Eurozentrismus hindert die Europäer daran, eine globale Rolle zu spielen. Es bricht sich eine unaufhaltsame Dynamik Bahn, die vornehmlich in Richtung Asien und zu deutlich mehr Süd-Süd-Kooperation führt. Viele Regierungen wenden sich von den USA und der EU ab und den regionalen Führungsmächten zu, die zu neuen Zentren mit Welteinfluss geworden sind. Dies sind vor allem China, Indien und Brasilien. Diese nehmen nicht nur regional, sondern auch global Einfluss. Die G20-Staaten sind bald wichtiger als die G7-Staaten. Die Dynamik wird deshalb besonders sichtbar, weil die globalen und regionalen Akteure nicht nur in zunehmendem Maße (beispielsweise Klima, Energie, Weltwährung, WTO, IWF) die Global Governance mitgestalten, sondern in den regionalen Kooperationsverbünden eine steigende Anziehungskraft haben, weil sie wirtschaftlich so stark wachsen.

Deutliche Verschiebung der Weltpolitik und der Weltwirtschaft

Beim relativen Aufstieg von Brasilien, China und Indien bei gleichzeitigem relativem Abstieg des Westens handelt es sich keineswegs um eine Konstellation, in der es zu “kosmopolitischer Zwangssolidarisierung“ (Jürgen Habermas) zwischen China, Indien, Brasilien, Russland, den USA und der EU kommen muss. Es handelt sich m. E. um einen Prozess der deutlichen Verschiebung der Weltpolitik und Weltwirtschaft. Viele Länder lassen sich auf US- oder EU-dominierte Entscheidungen weniger denn je ein. Die regionalen Führungsmächte streben tatsächlich eine Neuordnung der Weltpolitik an, sie wollen sich nicht länger unterordnen. Brasilien, Russland, Indien und China bilden eine Allianz, der sich andere wichtige Staaten wie die Türkei, Indonesien, Venezuela und Iran anschließen. Die Welt befindet sich aufgrund dieser Entwicklungen derzeit in einem fragilen Ungleichgewicht. Ursache hierfür sind nicht nur die relative Schwäche der EU und der USA, sondern auch die sich in der Transformation befindlichen regionalen Führungsmächte, denen es bislang nicht gelingt, global und regional verlässlich zu agieren.

KOMMENTARE

MEIST KOMMENTIERT

Boyan Slat ist die bessere Greta Thunberg

Die Schwedin Greta Thunberg gilt als Klimaikone. Aber bei genauer Betrachtung ist die Klimakaiserin nackt! Der smarte Niederländer Boyan Slat hingegen ist weniger bekannt, aber Greta gegenüber mit seinem Klimapragmatismus weit voraus. Aber wer ist der junge Mann aus Delft? Und viel wichtiger: Waru

Kevin Kühnert wird der (über)nächste SPD-Vorsitzende

Ich wette, Kevin Kühnert wird den (noch nicht gewählten) SPD-Vorsitzenden Norbert Walter-Borjans und seine Partnerin Saskia Esken ablösen. Sie glauben das nicht? Immerhin hatte ich schon öffentlich eine Wette angeboten, dass die beiden bei der Stichwahl zum SPD-Vorsitz als Sieger hervorgehen,

Was bedeutet der Sieg von Walter-Borjans und Esken?

Der frühere nordrhein-westfälische Finanzminister Norbert Walter-Borjans und die Bundestagsabgeordnete Saskia Esken sind von der SPD-Basis zum neuen Duo an der Parteispitze gewählt worden. In der Stichwahl setzten sich die beiden Kandidaten klar mit 53,06 Prozent gegen den Vizekanzler Olaf Scholz

Besserverdienende sind deutlich zufriedener mit ihrem Sexleben als Geringverdiener

Besserverdienende sind deutlich zufriedener mit ihrem Sexleben als Geringverdiener, wie eine aktuelle Studie belegt

Winfried Kretschmann - Wir müssen die Disruption des öffentlichen Raums verhindern

Wie kann es uns gelingen, die fragmentierte Öffentlichkeit wieder zusammen zu führen? Wie können wir Brücken zwischen der ganzen Fülle unterschiedlichster Gruppen bauen? Müssen wir vielleicht den Ort erst schaffen, an dem ein gemeinsamer Diskurs wieder möglich wird?

Rentner zahlen sechsmal so viel Steuern wie Erben

Rentnerinnen und Rentner, die in diesem Jahr in Rente gehen, zahlen bis zu fünfmal mehr Steuern, als Rentnerinnen und Rentner, die 2010 in Rente gegangen sind. Und das bei gleicher Rentenhöhe, die seitdem real an Kaufkraft verloren hat. Dass die Finanzämter selbst bei einer Bruttorente von 1200 E

Mobile Sliding Menu