Die zwei Hauptleidenschaften der Politik sind Angst und Hoffnung. Chantal Mouffe

Des Glückes Unterpfand

Mit den Symbolen der Nation tun sich Linke schwer: die Fahne, die Hymne, die Orte. Sie alle gelten als historisch belastet, von Nationalisten vereinnahmt, politisch desavouiert – und sind es ja häufig auch. Robert Habeck, Bundesvorsitzender der Grünen, nimmt uns mit auf eine Reise zu den Wurzeln der liberalen Demokratie.

Nationalistische Republikfeinde pilgerten nach dem Ersten Weltkrieg zum Hermannsdenkmal. Die AfD trifft sich am Hambacher Schloss, Pegida schwenkt deutsche Fahnen. Die Rechten kapern all die Symbole und machen sie zu ihrem Eigentum. Und mit der Macht der Geschichte im Rücken treiben sie ihre Agenda von Ausgrenzung, Illiberalität und Europafeindlichkeit voran.

Und nun fahre ich heute auf eine politische Sommerreise, die wir – Annalena Baerbock und ich – unter den Titel „Des Glückes Unterpfand“ gestellt haben. Eine Zeile aus der Nationalhymne, die vollständig heißt: „Einigkeit und Recht und Freiheit sind des Glückes Unterpfand.“ Ich besuche – in meinem ersten Teil der Reise – unter anderem das Hermannsdenkmal, das Hambacher Schloss, die Frankfurter Paulskirche. Ausgerechnet ich, ausgerechnet diese Orte.

Das irritiert. Wissen wir doch zu gut, dass Nationalismus nur Zerstörung gebiert. Aber wir dürfen die Deutungshoheit über dieses Land, darüber, wer wir sind, nicht den Rechten überlassen. Und deshalb will ich die Auseinandersetzung mit der Geschichte; den Symbolen und (oft ja auch erfundenen) Traditionen suchen. Die deutsche Geschichte lässt sich nämlich auch anders erzählen.

Dreimal hoch auf das conföderierte, republikanische Europa

So steht schwarz-Rot-Gold als Fahne der Demokratie, der vom Adel und den Feudalherren bekriegten bürgerlichen Freiheitsbewegung, der von Rechten und Nazis verhassten ersten Republik. (Dass sie als „Weimarer Republik“ diffamiert wurde, zeigt dabei in nuce, wie wichtig der Kampf und die Auseinandersetzung um Begriffe und Symbole ist.) Auf dem Hambacher Schloss wurde Deutschlands Einheit gefordert, einhergehend mit Bürgerrechten, Pressefreiheit, Rechtstaatlichkeit, der Gleichheit von Mann und Frau.

Der Staat war also als Voraussetzung für Bürgerrechte und umgekehrt. Und die Freiheit und Souveränität des Volkes sollte genauso in den anderen Ländern verwirklicht werden, und das in einem einigen Europa. – „Hoch! dreimal hoch das conföderierte republikanische Europa!“, rief der Politiker und Journalist Johann Georg August Wirth den vielen tausend Teilnehmern und – ja – Teilnehmerinnen beim Hambacher Fest zu. Und musste nach seiner Rede ins Gefängnis.

Bei allem deutschen Chauvinismus und Nationalismus, der seine blutige Spur durch Europa gezogen hat: Die deutsche Geschichte ist eben auch eine Geschichte des Kampfes für Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit und gegen Despotismus. Bauernaufstände, proletarische Revolutionen, bürgerliche Erhebungen. Selbst der Kampf der Cherusker unter ihrem Fürsten Arminius im Jahre 9 nach Christus, oft überhöht als Geburtsstunde der deutschen Nation, war eben auch ein Kampf gegen Sklaverei.

Voraussetzungen fürs Lebensglück

„Des Glückes Unterpfand“ heißt es in der Hymne altmodisch. Aber wenn man sich anschaut, was Unterpfand bedeutet, entdeckt man etwas Grundlegendes, und – ja – Überraschendes: Das Unterpfand ist – der Gesellschaft für Deutsche Sprache zufolge – eine Garantie. Das individuelle Glück kann sich nur entfalten, wenn Einigkeit und Recht und Freiheit garantiert sind. Was für eine Ansage! Was für ein Versprechen! Denn Rechte und Formen der Staatlichkeit, ja selbst der Nation sind eben nicht Selbstzweck, sondern sie sind Bedingung für das Lebensglück der Menschen.

In gewisser Weise ist das die Umkehrung dessen, was der Nationalismus verlangt. Im Nationalismus haben sich die Menschen bedingungslos in den Dienst der Nation oder des Volkes als etwas Höherem zu stellen, für das es zu leben und am Ende sogar zu sterben gilt. Des Glückes Unterpfand meint aber das Gegenteil: Das Gemeinsame steht im Dienste jedes einzelnen. Nun also unternehme ich diese Reise in die Geschichte der deutschen Revolutionen, mit ihren vielen Facetten.

Revolutionen gegen Repression, Restauration und Despotismus schufen eben das Deutschland, das wir heute haben. Sie legten die Grundsteine für eine progressive, liberale Demokratie. Und wenn diese liberale Demokratie in einem einigen Europa in Frage gestellt wird, ist es Zeit, sich an ihre Wurzeln zu erinnern und daraus Kraft zu ziehen. Deshalb führe ich in den nächsten zwei Wochen Gespräche an den Orten dieser Aufstände. Gespräche nicht nur über die Vergangenheit, sondern auch über die Gegenwar.

Was bedeuteten Einigkeit und Recht und Freiheit damals, was bedeuten sie heute? Was können wir aus dieser Zeit lernen? Was hat sich als überholt herausgestellt? Was müssen wir neu definieren? Glück kann es nur dann geben, wenn es Zusammenhalt gibt. Nicht Deutschland, Deutschland über alles für wenige, sondern Einigkeit und Recht und Freiheit für alle in diesem Land – egal wo jemand herkommt, wie er aussieht, wen er liebt. Es ist Zeit, eine Sprache und Bilder dafür zu finden, und das politische Niemandsland zu füllen.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Vera Lengsfeld, Dokumentation - Texte im Original, Gunter Weißgerber.

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