Die Konservativen haben sich ihrer Volksnähe nie geschämt, aber auch das lässt sich ändern, wie man sieht. Jan Fleischhauer

Wie leben wir in einer Welt, die zwei Grad wärmer ist?

Bis 2030 müssen 140 Millionen Menschen fliehen, weil die Erderhitzung ihre Heimat unbewohnbar macht. Nehmen wir die Menschen bei uns auf? Wenn ja, wie viele? Und wie können wir alle Menschen ernähren? Das neue grüne Grundsatzprogramm muss auf all diese Fragen Antworten geben, so Robert Habeck von den GRÜNEN.

Vor diesem Hintergrund wollen wir auch umstrittene Fragen, wie die nach neuen Züchtungen und neuen gentechnischen Verfahren offen diskutieren. Klar ist: Neue gentechnische Verfahren müssen reguliert werden und die Grundlagen des Lebens dürfen nicht patentiert und kommerzialisiert werden. Ein Debattenbeitrag von Robert Habeck zur aktuellen Gentechnik-Debatte.

Zweimal haben sich die Grünen in ihrer fast 40jährigen Geschichte ein Grundsatzprogramm gegeben. 1980, als sie gegründet wurden, und 2002, als die Gründungsgrundsätze einem Realitätstest unterzogen wurden – der krass war. Grüne Grundsatzprogramme hatten also bisher eine Laufzeit, die über Wahlzyklen weit hinaus ging. Wenn wir uns jetzt daranmachen, die Grundsätze unserer Politik neu zu formatieren, dann ist die Perspektive im Kopf: vor welchen Herausforderungen wird die Welt in den nächsten Jahrzehnten stehen?

Das gilt für Entwicklungen der Technik, der Geopolitik, der Arbeit, der Forschung, der Klimakrise und viele mehr. Und natürlich ist jede Überlegung ein Schuss ins Blaue. Alles kann auch anders kommen. Und in vielen Fällen ist es geradezu ureigene politische Aufgabe, dafür zu sorgen, dass es anders kommt. Beispielsweise ist es undenkbar, dass sich die Welt solch einen Fleischkonsum leistet wie wir, und wir zugleich eine halbwegs intakte Natur und Umwelt bewahren.

Aber eine Debatte ernsthaft zu führen, bedeutet auch, Erkenntnisse und wissenschaftliche Analysen ernst zu nehmen. Für Deutschland rechnet die Deutsche Meteorologische Gesellschaft bis 2040 mit einer Erhitzung der Erde von plus 1,7 Grad Celsius gegenüber dem letzten Jahrhundert. Eine Studie der NASA prognostiziert eine dramatisch beschleunigte Erhitzung nach 2024. Die Antarktis wird 2035 eisfrei sein. Regional jedoch werden sich die Auswirkungen sehr unterschiedlich widerspiegeln: Um das Mittelmeer herum wird der Niederschlag um 20 Prozent zurückgehen, während er in der Arktis bis Ende des Jahrhunderts um rund 50 Prozent zunehmen wird. Und viele Prognosen für die Erderhitzung dürften eher zu konservativ geschätzt sein.

Entsprechend rechnet die Weltbank, nicht gerade ein grüner Fundi-Verein, mit 140 Millionen Klimaflüchtlingen bis 2030. Bis 2040 können es bis zu 400 Millionen Menschen sein, die ihre Heimat verlassen müssen, weil dort nichts mehr wächst, weil Böden erodieren oder versalzen, der Meeresspiegel die Niederungen überflutet und aride Gebiete sich ausdehnen. Wohlgemerkt: das ist nicht mehr verhinderbar! Das ist das Szenario, das durch den Pariser Klimavertrag als bestes aller denkbaren Szenarien festgelegt wurde. Es kann noch schlimmer kommen.

Welche Antworten haben wir darauf? Nehmen wir die Menschen bei uns auf? Wenn ja, wie viele? Und was passiert dann mit der liberalen Demokratie, wie wir sie kennen? Oder geben wir unsere Humanität auf und lassen flüchtende Menschen das Mittelmeer nicht mehr überqueren oder sie darin ertrinken? Dies ist eine andere Frage als die abstrakte Frage der Welternährung, die die Summe der produzierten und verbrauchten Kalorien gegeneinander rechnet. Es ist eine Frage der Bewohnbarkeit von Regionen. Und irgendeine Antwort muss gegeben werden.

Vor diesem Hintergrund haben wir Grüne im Rahmen unseres Grundsatzprogramm-Prozesses die Frage nach neuen Züchtungen und neuen gentechnischen Verfahren aufgeworfen, die ja, anders als die klassische Gentechnik, natürliche Verfahren simulieren und von ihnen nicht mehr zu unterscheiden sind. Kann es zum Beispiel durch Züchtung gelingen, Saatgut wieder in ursprünglicher Form herzustellen, nachdem Genome rausgezüchtet wurden?

In der EU steht die Entscheidung noch aus, wie die Verfahren der neuen Gentechnik einzustufen sind. Entsprechend machen die Konzerne und Labore, was sie wollen. Das muss geändert werden. Auch die Frage von Monopolen und Kartellen muss gestellt werden. Saatgut ist ein Menschheitsgut. Die Grundlagen des Lebens dürfen nicht patentiert und kommerzialisiert werden. Das muss der Tendenz nach auch für neue Züchtungen gelten. Wäre zum Beispiel ein Vorkaufsrecht der Welternährungsorganisation der UN denkbar, das ausgeübt wird, wenn es eine für die Menschheit relevante Züchtung gibt? Die Firmen würden entschädigt, aber das Saatgut gehörte dann allen. Welche Gegenargumente bleiben dann noch?

Seitdem wir unser Impulspapier zum Auftakt des Programm-Prozesses veröffentlicht haben, gibt es viel Kritik, dass wir all diese Fragen stellen. Das ist gut so. Das ist auch das Ziel. Denn auf Kritik und Fragen folgen Antworten. Was nicht akzeptabel ist, ist, dass der Globale Norden erst die Klimakrise auslöst und dann sagt, die Konsequenzen gehen uns nichts an. Die Frage auf Gentechnik ja oder nein zu verkürzen, greift zu kurz. Die Frage, die beantwortet werden muss, ist: Wie leben wir in einer Welt, die zwei Grad wärmer ist. Allerbestenfalls.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Bündnis 90 Die Grünen, Felix Sühlmann-Faul , Ottmar Edenhofer.

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