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Superhelden XXL

Weil sie sich dem Gesundheitsterror entziehen, sind dicke Menschen eigentlich Helden. Was einiges über unsere Gesellschaft aussagt.

Die Frage nach dem „idealen Menschen“ bzw. dem „idealen Körper“ ist einfach zu beantworten: Es gibt weder einen idealen Körper noch einen idealen Menschen. Was es allein gibt, sind dazu gehörige „ideologische“ Positionen. Ideologien allerdings sind sozial konstruierte Ideensysteme, die keine eindeutigen, unumstößlichen Wahrheiten transportieren, sondern „standortgebundene“ (K. Mannheim) Ansichten, die man glauben kann oder auch nicht. Ideologische Positionen sind relativ, weil sie auf spezifischen Werten basieren, die wiederum die Grundlage für normative Vorstellungen sind etwa über das, was „richtig“ oder „falsch“, „gut“ oder „böse“ etc. ist.

Der aktuelle Diskurs über den „idealen“ Körper, das „richtige“ Körpergewicht oder die „dicken Kinder“ ist dafür ein gutes Beispiel, basiert er doch auf einem zentralen gesellschaftlichen Wert: Gesundheit. Auf die Frage, was ihnen am wichtigsten ist in ihrem Leben, antworten Menschen in Wohlstandsgesellschaften wie Deutschland seit Jahren „Gesundheit“. Ob man gesund ist oder nicht, gilt dabei immer weniger als Zufall oder Glück, sondern als Zustand, für den man etwas tun kann – und muss. Gesundheit ist für jeden Einzelnen zu einer gesellschaftlich auferlegten Aufgabe geworden. Man hat sich um seine Gesundheit zu kümmern!

Gesundheitsvorsorge als oberste Bürgerpflicht

Umgekehrt ist es daher legitimationsbedürftig, sich dem herrschenden Gesundheitsimperativ zu entziehen. Mehr noch: Zu sagen, Bewegung und Sport sei einem egal, man liege lieber faul herum, sehe viel fern und präferiere Junk Food, ist eine hervorragende Möglichkeit, gesellschaftlich diskriminiert zu werden. In einer neoliberalen Gesellschaft, die Gesundheitsvorsorge zur obersten Bürgerpflicht erklärt hat, sind Übergewichtige und erst recht fette Menschen ein Skandal. Ihr dicker, träger, schwabbeliger Körper ist ein gesellschaftlicher Affront, weil er gesellschaftliche Un-Werte symbolisch zur Schau stellt: Faulheit statt Leistung, Maßlosigkeit statt Disziplin, Passivität statt Eigeninitiative.

Die Theorien und Ideologien vom „richtigen“ Körperumgang (oder gar Körperumfang) werden in der Regel von Akteursgruppen vertreten und unters Volk gebracht, denen von der Gesellschaft ein Expertenstatus und damit Deutungshoheit zugesprochen wird. In unserer Kultur sind das vor allem Mediziner und sonstige so genannte „Gesundheitsexperten“. Deren Körper-Wissen wird primär über die Massenmedien an die Bevölkerung weitergegeben und von dieser vor allem deshalb als „richtig“ akzeptiert, weil es (zumeist jedenfalls) wissenschaftlich fundiert ist.

Nun lehrt jedoch allein ein Blick in die Medizingeschichte oder in andere Kulturen, dass die Vorstellungen vom „richtigen“ oder gar „idealen“ Umgang mit dem Körper sehr stark variieren. Was heute für ideal gehalten wird – etwa ein BMI von 23 – war in früheren Zeiten oder ist in anderen Gegenden der Welt keineswegs ein Ideal. Und das nicht nur deshalb, weil die Idee, man könne in einer Zahl das ideale, normale oder ungesunde Körpergewicht festhalten, wie es der „Body Mass Index“ (fälschlicherweise) suggeriert, ein relativ junges Konzept der westlichen Schulmedizin ist.

Zweifel sind angebracht

Mit welchem Recht aber darf man von einem Menschen erwarten, dass er ein willkürliches, wenn auch gesellschaftlich dominantes Körper- und Gesundheitsideal zu seinem eigenen macht? Ist es nicht genauso legitim zu sagen, mein Körper und meine Gesundheit gehören mir – und sie sind mir nicht wichtig oder zumindest nicht so, wie andere sagen, dass sie mir wichtig sein sollen? Mit welchem Recht dürfen Menschen, die sich dem Körper- und Gesundheitsimperativ entziehen, stigmatisiert oder sanktioniert werden?

Eine gängige Antwort auf diese Fragen lautet, dass diese Menschen dem Gemeinwohl schadeten. Durch ihr Dicksein, ihren Bewegungsmangel und ihre „falsche“ Ernährung seien sie überdurchschnittlich viel und oft krank sein, wodurch sie medizinische Kosten verursachten, die von den anderen Beitragszahlern mit zu begleichen seien. Daher sei genau genommen jeder, der sich gehen lässt und nicht auf seine Gesundheit achtet, ein a-sozialer Mitmensch.

Selbst wenn es zutreffend sein sollte, dass Bewegungsmuffel und Fast-Food-Junkies der Volkswirtschaft einen größeren Schaden als andere Bevölkerungsgruppen zufügen, bliebe immer noch zu klären, ob das ein hinreichender Grund ist, den Stab über ihnen zu brechen. Zweifel sind angebracht. Zum einen, weil es genügend weitere Verhaltensweisen von Individuen, Gruppen und Organisationen gibt, die die Volkswirtschaft belasten, ohne dass sie dafür gleichermaßen moralisch diffamiert und finanziell sanktioniert würden. Zum anderen, weil die gegenwärtige Ökonomisierung des Privaten und Sozialen durchaus kritisch zu sehen ist, insbesondere dann, wenn damit eine Beschneidung individueller Freiheitsrechte und Lebensführungspräferenzen einhergeht.

Vor dem Hintergrund drängt sich die Frage auf, ob nicht all die Menschen, die sich dem herrschenden Körperkult, Schlankheitswahn und Gesundheitsterror entziehen, die eigentlichen Helden der Gegenwart sind. Was aber soll man von einer Gesellschaft halten, in der es einer heroischen Haltung gleichkommt, sich keine Gedanken darüber zu machen, welche Kleidergröße man trägt?

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Jeannette Y., Linda Bacon, Christoph Klotter.

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