Das Web 2.0 wird bald Geschichte sein. Ansgar Heveling

Der vernachlässigte Nachbar

Wirtschaftlich wird Lateinamerika immer wichtiger für die USA, politisch aber nicht. Dabei verändern sich die Dinge dort schnell und selbst der Antiamerikanismus ist auf dem Rückzug.

Viele US-Präsidenten versprechen zu Beginn ihrer Amtszeit mehr Aufmerksamkeit für Lateinamerika, nur um anschließend dabei zu versagen. Tatsächlich ist das erste Treffen eines frisch gewählten Präsidenten meistens mit dem mexikanischen Staatschef – entweder in Mexico City oder in Washington. Der neue Stab im Weißen Haus wird nicht müde, die Wichtigkeit Lateinamerikas anzuerkennen, nur kommen meist Krisen anderswo in der Welt dazwischen. Wenn der amerikanische Präsident dann erst einmal fertig ist mit dem Nahen Osten, Ostasien und Europa, steht entweder die Wiederwahl oder die Amtsübergabe an. Und Lateinamerika wurde – wieder einmal – vergessen.

Die antiamerikanischen Kräfte sind auf dem Rückzug

Inzwischen wird Lateinamerika für die USA immer wichtiger. Der US-Handel mit dem Kontinent – sowohl Importe als auch Exporte – stieg in den vergangenen zehn Jahren von 18,9 Prozent auf 21,6 Prozent des weltweiten Handels der USA. Zur selben Zeit ist jedoch der Handel zwischen den größten Volkswirtschaften Lateinamerikas – Mexiko, Kolumbien, Venezuela, Brasilien und Argentinien – und den USA drastisch geschrumpft. Beispielsweise machte der Handel mit den USA 2002 noch ein Viertel des gesamten brasilianischen Handelsvolumens aus. 2011 waren es nur mehr 12,5 Prozent – ein Rückgang um die Hälfte.

Europa, China und andere Teile der Welt rücken wirtschaftlich näher an Lateinamerika heran und schwächen damit leicht den Einfluss, den Washington auf die lateinamerikanischen Hauptstädte ausüben kann. (Europa war für Lateinamerika seit der portugiesischen und spanischen Kolonialisierung immer ein wichtiger Handelspartner.) Hinzu kommt, dass seit Verkündung der Monroe-Doktrin Anfang des 19. Jahrhunderts die Macht der USA schlicht zu erdrückend ist, um gesunde, bilaterale Beziehungen zu entwickeln. Täuschen Sie sich nicht: In Lateinamerika gibt es weiterhin Antiamerikanismus. Schreiben Sie ihn als politische Kraft nicht ab. Die Frage ist, was seine praktischen und funktionellen Auswirkungen sind.

Momentan scheinen die antiamerikanischen Kräfte vorübergehend auf dem Rückzug zu sein. Der endgültige Abgang des kommunistischen Führers Fidel Castro in Kuba und des antiamerikanischen Populisten Hugo Chávez in Venezuela werden der lateinamerikanischen Linken wichtige symbolische Bezugspunkte nehmen, zumal die wirtschaftliche Realität Havanna und Caracas letztendlich zu gemäßigter Politik drängen wird. Ohne Castro und Chávez zur ideologischen Orientierung werden die linken Regime in Ecuador, Bolivien und Nicaragua in ihrer diplomatischen Stärke geschwächt. Der ecuadorianische Präsident Rafael Correa und der bolivianische Präsident Evo Morales werden versuchen, einen ganz speziellen Populismus lateinamerikanischer Art zum Zwecke ihres Machterhalts zu nutzen: das Ausspielen der Elite gegen die Massen. Sie dürften damit weiterhin erfolgreich sein. Ohne die kubanischen und venezolanischen Führer als charismatische Leitsterne wird der Populismus der beiden anderen Länder im hemisphärischen Machtkampf an Relevanz verlieren.

Brasilien, der Gigant Südamerikas, könnte einen Block von Staaten anführen und damit eine Alternative zur US-amerikanischen Führung darstellen. Brasilien ist eine regionale Macht – umso mehr, wenn Ecuador, Bolivien und Venezuela dem brasilianisch-argentinischen Handelsbündnis „Mercosur” beitreten. Aber Brasilien ist, entgegen verbreiteter Medienberichte, durch Korruption gelähmt, durch eine schwache Justiz und – am wichtigsten – durch ein schrumpfendes Wirtschaftswachstum (von 7,3 Prozent 2010 auf 1,03 Prozent 2012), obwohl die Lohnkosten stiegen. Der ersten Generation der Reformen, der das brasilianische Wirtschaftswunder zu verdanken ist, muss nun eine zweite folgen. Die Herausforderungen für die brasilianische Präsidentin Dilma Rousseff sind entsprechend enorm. Momentan fühlen sich die Vereinigten Staaten in keinster Weise von Brasilien bedroht und sind sogar zufrieden damit, dass Brasilien die Führung für regionale Initiativen übernimmt.

Die Gründung einer Pazifik-Allianz

Währenddessen bleibt Argentinien ein in sich geschlossenes Chaos. Das Land leidet an wirtschaftlichen Verwerfungen, die die Regierung von Cristina Fernández de Kirchner mit Markteingriffen zu verantworten hat, um die Kosten für Erdgas, Elektrizität und andere Güter gering zu halten. Eine neue Währungskrise zeichnet sich ab, inmitten zunehmender Unruhen bei Arbeitern und beschränktem Zugang zu internationalen Finanzmärkten.

Der dritte und vielleicht wichtigste Trend, der gegen ein Wiederaufleben des Antiamerikanismus spricht, ist die Gründung einer Pazifik-Allianz durch Mexiko, Kolumbien, Peru, Chile und möglicherweise auch Panama und Costa Rica. All diese Länder verfechten folgende Organisationsphilosophie: Wirtschaft vor politischer Ideologie. Folglich wollen sie vom Freihandel mit asiatischen Märkten profitieren.

Alles in allem ist der harte Kern der lateinamerikanischen Linken nicht nur durch den drohenden Abgang von Castro und Chávez geschwächt, sondern ebenso durch die Schwierigkeiten Brasiliens und Argentiniens in ihren eigenen Ländern und die gestiegenen Chancen im Handel mit Asien. Sollten die USA und Mexiko eine Allianz auf Basis einer Energiekooperation und einer Zuwanderungsreform schmieden – mit amerikanischen Firmen, die in den mexikanischen Ölsektor investieren –, ist eine eindeutige proamerikanische Dynamik in Lateinamerika vorstellbar – abgesehen von der Tatsache, dass der politische Einfluss Mexikos in der Region durch die unmittelbare Nähe zu den USA beschränkt und beeinträchtig ist. Einfach ausgedrückt: Mexiko ist zu sehr in seinem Verhältnis zu den USA verstrickt, um tiefgreifenden Einfluss anderenorts in der Hemisphäre ausüben zu können.

In all diesen Entwicklungen steckt kein starker Hinweis auf eine Krise oder die Möglichkeit einer Krise, die dem amerikanischen Präsident einen Anreiz bieten würde, sich wirklich auf Lateinamerika zu konzentrieren. Der wachsende Handel mit dem südlichen Teil der Hemisphäre ist ein Thema für Wirtschaftsforen und das Finanz- und das Wirtschaftsministerium, weniger für den Nationalen Sicherheitsrat im Außenministerium. Die Außenpolitik wird in Wahrheit von schweren diplomatischen oder militärischen Krisen auf einem Niveau getrieben, das Lateinamerika oftmals einfach nicht bieten kann. Doch das ist eher eine gute als eine schlechte Nachricht für Lateinamerika. Syrien beispielsweise ist wichtig, dafür aber ein Desaster. Chile ist nicht wichtig, dafür eine Erfolgsgeschichte. Wichtigkeit und Erfolg können einander in vielen Fällen ausschließen.

Europa verliert gegenüber Lateinamerika an Status

Um sich den paradoxen Aufstieg von Lateinamerika vor Augen zu führen, muss man Mexiko betrachten: In weiten Teilen des Landes, speziell im Norden, arbeiten Drogenkartelle und es herrscht Gewalt. Jedoch hatte Mexiko nach Berechnungen der Weltbank die 14.-größte Wirtschaft im Jahr 2011 und könnte über die nächste Dekade sogar noch weiter vorrücken, während große Länder in Europa wie Spanien und Italien weiter in den wirtschaftlichen und sozialen Abgrund stürzen. In zehn Jahren könnte Mexiko, trotz der Drogengewalt, einen Hochgeschwindigkeitsbahnverkehr bieten und Tiefseehäfen an der atlantischen und pazifischen Küste, die mit der Eisenbahn verbunden sind. Die Dynamik, die man in bestimmten Regionen wie Querétaro sieht, steht im Kontrast zum weiteren Verfall und der depressiven Atmosphäre in historisch wichtigen Städten wie Rom, der Hauptstadt eines krisengebeutelten Landes.

Bei einer Reise von Mexiko nach Europa wird ersichtlich, wie sich die tektonischen Maßstäbe der Macht verschieben und wie Europa, verglichen mit Lateinamerika, seinen Status verliert – gerade zu einem Zeitpunkt, wo die Beziehung zwischen den USA und Lateinamerika organischer und subtiler wird. Knallharter Antiamerikanismus wird nicht verschwinden, aber er wird an Relevanz verlieren. Und wenn die Vereinigten Staaten zunehmend energieunabhängig werden, werden sie weniger Anreize haben, sich mit dem Nahen Osten zu beschäftigen und vielleicht beginnen, ihre eigene Hemisphäre wieder zu erkunden.

Übersetzung aus dem Englischen.

Leserbriefe

comments powered by Disqus

Mehr zum Thema: Usa, Naher-osten, Chile

Gespräch

Medium_8b6671a8de

Kolumne

  • Noch immer setzen Politiker weltweit auf Mauern – dass Probleme damit bloß zementiert werden, ficht sie nicht an. Für das trügerische Gefühl der Sicherheit zahlen wir am Ende einen hohen... weiterlesen

Medium_6e13940c51
von Alexandra Schade
12.08.2011

Debatte

Drogenkrieg in Mexiko

Medium_9e2e19c48a

Die Spitze des Eisbergs

Drogen machen nur einen Teil des organisierten Verbrechens aus. Was wir brauchen, sind keine Debatten über Legalisierung, sondern tiefgreifende politische Reformen. Nur durch die Bekämpfung von Kor... weiterlesen

Medium_ac123cbc33
von Edgardo Buscaglia
26.09.2010
meistgelesen / meistkommentiert