Im Grunde bin ich für die Pressefreiheit, aber geschmackvoll sollte sie schon sein. Leo Fischer

Ablenkung Naher Osten

Der Nahe Osten dominiert die Schlagzeilen, dabei ist Asien nicht minder wichtig. Bislang ist die Welt davon ausgegangen, dass der Kontinent stabil ist. Ändert sich das, drohen gefährliche Entwicklungen.

Asien-Spezialisten werden es nicht offen zugeben, aber sie hassen den Nahen Osten. Für sie ist er eine große Ablenkung, welche die Menschen davon abhält, sich auf das wirklich Wichtige zu konzentrieren – ihr eigenes Fachgebiet im westlichen Pazifik.

Laut diesen Experten sind die Medien in erster Linie schuld daran. Sie lieben plötzliche Dramatik, obwohl die großen Linien der Geschichte häufig stufenweise und konjunkturell verlaufen. Der Nahe Osten enttäuscht nicht: Das israelisch-palästinensische Dilemma, der syrische Bürgerkrieg und die Irak-Tragödie haben sich alle in der Region ereignet, welche die Öffentlichkeit (und demnach auch die Medien) für heilig halten: das Heilige Land, das heißt der Fruchtbare Halbmond und Mesopotamien. In anderen Worten: der Nahe Osten mag eine Ablenkung sein, aber diese beinhaltet Blut, Mythos und Emotionen – der Stoff, aus dem Nachrichten bestehen. Asien hingegen kann nur Substanz bieten.

Hillary Clinton ist keine große Diplomatin

Natürlich hat auch der Nahe Osten Substanz. Von den Kriegen abgesehen, ist der Persische Golf noch immer das weltweit wichtigste Energie-Depot. Er wird es auch noch lange Zeit sein, ungeachtet der Entdeckung neuer Öl- und Gasvorkommen in der ganzen Welt. Die USA werden das Öl des Persischen Golfs möglicherweise immer weniger brauchen, aber dies ist ein schrittweiser Prozess. Quintessenz: Der Nahe Osten ist wichtig. Und die Medien sind nicht reißerisch wegen ihrer Obsession mit der Region.

Die Asien-Spezialisten haben aber einen wichtigen Punkt. Beginnen wir mit der US-Außenministerin Hillary Clinton. Trotz der Prominentenberichterstattung, die sie erhält, ist sie keine große Diplomatin. In ihre Amtszeit fielen keine brillant geführten Verhandlungen oder strategische Schritte. Sie hat sich nicht China geöffnet, ganz Deutschland in die NATO gebracht oder den Krieg in Bosnien beendet wie Henry Kissinger, James Baker oder Richard Holbrooke. Darum wird die Erinnerung an ihre Amtszeit schnell verblassen. Wenn sie jedoch für etwas in Erinnerung bleiben wird, dann für ihren Fokus auf Asien. Sie hat das in größerem Maß getan als jeder andere US-Außenminister seit Henry Kissinger. Clinton ließ ihrer Ankündigung, sich stärker auf Asien konzentrieren zu wollen nicht immer Taten folgen. Selbst manche Stimmen aus Asien kritisieren die Strategie. Alle aber stimmen darin überein, dass ihre konstanten Reisen nach Asien – wo sie in vier Jahren praktisch jedes Land außer Taiwan und Nordkorea besucht hat – einen ernsthaften und beachtenswerten Zweck hatten.

Asien sollte der wichtigste Punkt auf Amerikas strategischer Karte sein. Nicht nur wegen der momentanen Wichtigkeit der Region, sondern weil deren Stabilität nicht selbstverständlich ist.

Auf dem Fakt der momentanen Wichtigkeit Asiens braucht man nicht herumzureiten. Insofern die Weltwirtschaft überhaupt ein Zentrum haben kann, ist es Asien. Insofern die großen Meereskommunikationswege irgendwo zusammenlaufen können, dann in Asien. Insofern irgendein Ort das globale demografische Drehkreuz sein kann, ist es ganz sicher Asien. Aufgrund der eigenen Geografie sind die USA ein pazifisches Land; viele Kriege des Landes im 20. Jahrhundert wurden in Asien geführt – auf den Philippinen, Zweiter Weltkrieg, Korea und Vietnam.

Der tiefer liegende Grund, warum Clinton und die Asien-Spezialisten recht haben, ist der, dass alle wissen, dass die Stabilität in der Region nicht länger selbstverständlich ist. Jahrzehntelang war Asien vor allem eine wirtschaftliche Geschichte – der Aufstieg Chinas, der Aufstieg Vietnams, das Aufkommen Indonesiens oder die Stagnation Japans. Mit anderen Worten: es war eine Geschichte für Forbes, Fortune, Bloomberg oder einen allgemeinen Wirtschaftssender. Der wirtschaftliche Aufstieg der Region in den letzten zwei Jahrzehnten hat auch zu einem kräftigen militärischen Anstieg, vor allem in China geführt. Das wurde auch pflichtbewusst berichtet. Da dieser Anstieg vor allem die Luftwaffe, die Marine und die Cyber-Abwehr betrifft, ist er sehr abstrakt. Er kann demnach nicht mit den grausigen Landkämpfen im Nahen Osten konkurrieren. Die Korrespondenten der „New York Times“ scheinen militärische Spezialisten zu sein, während in Asien eher die Chefs der regionalen Büros gelegentlich militärische Geschichten schreiben.

Was passiert, wenn Asien auseinanderbricht?

Was aber, wenn Asien auseinanderbricht? Auf seine eigene Art und Weise natürlich, nicht in der des Nahen Ostens. Darüber sind die Asien-Spezialisten – und ich vermute auch Clinton – sehr besorgt. Sie sorgen sich, dass wir alle in den ruhigen Jahren eingeschlafen sind, während Asien sich langsam auflöst. Sie sind besorgt, dass wir alle Asiens Stabilität als selbstverständlich angesehen haben.

Wie würde ein sich auflösendes Asien aussehen? Chinas wirtschaftlicher Rückgang könnte zu einer politischen Krise führen, die nicht durch die Absetzung eines Offiziellen – wie bei Bo Xilai – gelindert würde. Die politische Krise könnte zu einer chaotischen Form der Liberalisierung führen. Diese wiederum würde zu mehr und nachhaltigen Unruhen in den von ethnischen Minderheiten bewohnten Gebieten führen. Tibet würde ins Spiel kommen, wenn Indien dort versuchen würde, einen Vorteil aus Pekings relativer Schwäche zu ziehen. Die chinesisch-indischen Beziehungen könnten sich verschlechtern. China würde sich nicht auflösen oder zersplittern, aber es würde ein schwächerer Staat werden, der weniger empfänglich wäre für zentrale Kontrolle. Diese Schwächung zentraler staatlicher Kontrolle würde zu einem autonomeren, nationalistischen Militär führen. Dieses wiederum würde risikofreudiger, was den Westpazifik, allen voran das Südchinesische Meer betrifft. Mit anderen Worten und entgegen der Intuition könnte China als Staat schwächer und gleichzeitig militärisch aggressiver werden. Die Armee würde sich um die ethnischen Unruhen kümmern, während die Marine und die Luftwaffe eine aggressivere Haltung im maritimen Bereich einnehmen würden.

Japan wird aus seinem jahrzehntelangen Schlaf erwachen und damit fortfahren, seinen Quasi-Pazifismus zugunsten einer normaleren Haltung zu seinem Militär abzuwerfen. Das wäre zum Teil eine Reaktion auf Chinas eigene militärische Aggressivität. Japan sieht derzeit den Aufstieg des Regionalismus. Japan hat sicherlich keine ethnischen oder religiösen Probleme. Aber es hat eine Reihe von geografischen Interessen, die darauf beruhen, dass es ein großes Netzwerk von Inseln ist, die sich von Norden nach Süden erstrecken. Dieser Regionalismus würde interne Entwicklungsprobleme lösen und später in einem größeren Maß an Nationalismus und Zentralismus gipfeln.

Mit anderen Worten: China und Japan wären in größerer Aufregung, während sich gleichzeitig ihre Armeen aggressiver beäugen.

Zur selben Zeit wird Nordkorea schließlich nicht mehr so hermetisch und totalitär sein. In einer Welt mit unmittelbarer elektronischer Kommunikation kann das Regime seine einzigartige Marke der Tyrannei nicht unendlich lange aufrechterhalten. Weil jede Form der Öffnung oder Liberalisierung unter diesen Umständen in jedem Fall zu Instabilität führen muss, wäre die koreanische Halbinsel zum ersten Mal seit fast 60 Jahren wieder im Spiel.

Schließlich wird die Vielzahl territorialer Streitigkeiten im Ostchinesischen Meer, dem Südchinesischen Meer und dem Japanischen Meer die Beziehungen im Westpazifik noch weiter aushöhlen. Die juristische Komplexität wird diplomatische Lösungen schwierig machen, vor allem, wenn alle Seiten ihre Armeen immer weiter ausbauen. Gerade Chinas militärischer Aufstieg wird ein immer größeres Mächteungleichgewicht schaffen.

Die oben genannten Trends sind nicht allzu weit hergeholt. Sie entwickeln sich in diesem Moment, wenn auch langsam. Lediglich die Kürze der Zeit hat bisher ihre Blüte verhindert. Vorausschauende Geopolitik macht es daher notwendig, ohne Scheuklappen in die Welt zu blicken. Es wäre ein Fehler, sich nur auf die Nationen im Heiligen Land zu konzentrieren, die von den amerikanischen Medien ohnehin mit überzogener Aufmerksamkeit bedacht werden.

Übersetzung aus dem Englischen.

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