Ein Platz an der digitalen Sonne

von Robert Bichler14.04.2011Außenpolitik, Gesellschaft & Kultur, Wirtschaft

Wenn der Westen seine Informationstechnologie in die Dritte Welt exportiert, geht es dabei nicht zuletzt um Werte. Der Glaube an „freie“ und deregulierte Märkte, unsere Lebensweise und vieles mehr. Die Chancen unbestritten, erinnert die derzeitige Entwicklungshilfe an klassisch imperialistische Bestrebungen.

Elektronische Netzwerke haben Kommunikation vereinfacht, neue Geschäftsmodelle hervorgebracht, “unmittelbarere politische Partizipation(Link)”:http://www.theeuropean.de/manuel-kripp/6303-e-voting-und-digitale-gesellschaft ermöglicht und unsere Vorstellungen von Zeit und Raum massiv verändert. Seit mehr als 15 Jahren stellt sich auch die Frage, wie Entwicklungsländer von dieser sogenannten Informationsrevolution profitieren können. Wissenschaftler aus unterschiedlichsten Disziplinen, transnationale NGOs wie beispielsweise die UNESCO und vor allem global agierende Unternehmen wie Microsoft, bemühen sich nachdrücklich um Antworten. Zumindest ideologisch scheint diese Frage bereits a priori beantwortet zu sein, denn anhand von modernisierungstheoretischen Überlegungen wird Entwicklung und Fortschritt am Übergang von traditionellen zu modernen Gesellschaftsstrukturen gemessen.

„Geht’s der Wirtschaft gut, geht’s uns allen gut!“

Der Ökonomie wird dabei die zentrale Rolle zugeschrieben, frei nach dem einfachen wie verkürzten Motto des österreichischen Wirtschaftskammerpräsidenten Christoph Leitl „Geht’s der Wirtschaft gut, geht’s uns allen gut“. Es wird suggeriert, dass ökonomische Entwicklung basierend auf „freien“, deregulierten Märkten automatisch zu gesamtgesellschaftlichem Fortschritt und Wohlstand führt. “Die Übernahme des westlichen, neoliberalen Kapitalismusmodells gilt dabei als conditio sine qua non und als Garant für eine bessere Zukunft(Link)”:http://www.economist.com/node/18529875. Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) stehen mit an der Spitze dieser Entwicklung. Diese, im Westen erdachten und entwickelten, Technologien verfestigen und erweitern wie kaum eine andere Erfindung ökonomische und kulturelle Hegemonie und kolonialisieren im Habermas’schen Sinne sämtliche Lebensbereiche. Diese e-Kolonialisierung lässt sich auf verschiedenen Ebenen verorten: Politische e-Kolonialisierung, durch sogenannte „geistige Urheberrechte“ betrieben, durch welche Entwicklungsländer zu „harmonisierten Standards“, d.h. zur “Umsetzung von westlichen Patentrechten(Link)”:http://www.theeuropean.de/debatte/4189-patente, verpflichtet werden und wenig Raum für Anpassungen an lokale Bedingungen und Bedürfnisse bleibt.

Kulturkolonialismus 2.0?

Kulturelle e-Kolonialisierung zeigt sich in der Dominanz westlicher, meist englischsprachiger Internetinhalte. Global dominierende Internetportale, wie Google oder Facebook, zeigen deutlich die westliche, vorwiegend US-amerikanische elektronische Vorherrschaft, welche zwangsläufig zu einer Propagierung des westlichen Lebensstils in Verbindung mit Vorstellungen über Demokratie, Arbeitsabläufe, Religionsanschauungen, zwischenmenschliche Beziehungen etc. führen. Ökologische e-Kolonialisierung manifestiert sich, vorbei am Basler Übereinkommen, im Export von elektronischem Müll in vorwiegend asiatische Entwicklungsländer, wo diese oft giftigen Materialien händisch, ohne „lästige“ Sicherheitsstandards weiterverarbeitet werden. Die bereits weit fortgeschrittene technische e-Kolonialisierung wird mit Blick auf den Aufbau der IT-Infrastruktur ersichtlich. Global agierende westliche Konzerne wie Alcatel-Lucent haben in Entwicklungsländern die staatlichen Monopole im Telekommunikationssektor beendet und durch ihre eigenen ersetzt. Es steht meines Erachtens außer Zweifel, dass IKT das “Potenzial bergen, Gesellschaften positiv zu verändern(Link)”:http://www.theeuropean.de/uwe-afemann/6335-ikt-in-der-entwicklungszusammenarbeit und die Lebensumstände der Menschen auch in Entwicklungsregionen nachhaltig zu verbessern. Die momentane Realisierung dieses Potenzials ist allerdings in weiter Ferne und es scheinen klassische imperialistische Bestrebungen aus dem Industriezeitalter im Informationszeitalter weiter zu bestehen.

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