Das ist eine klassische journalistische Behauptung. Sie ist zwar richtig, aber sie ist nicht die Wahrheit. Helmut Kohl

Der Übergang

Das Öl geht zur Neige. Doch anstatt angesichts dieser Tatsache in Panik zu verfallen, sollten wir den Energiewandel als Chance begreifen. Wir können unser Zusammenleben und unsere Wirtschaft entscheidend umorganisieren. Am Ende steht eine Verbesserung der Lebensqualität.

Im Juni haben die Versicherungsfirmen Lloyds und Chatham House eine Studie zur Energiesicherheit veröffentlicht. Sie argumentieren, dass Energiesicherheit heute untrennbar verbunden ist mit dem Übergang zu erneuerbaren Energien. Daran muss sich auch die Wirtschaft orientieren. Diese Studie ist deswegen so aussagekräftig, weil mit ihr die Hinwendung der Versicherungen zur Problematik des Klimawandels politische Relevanz erhält. Das war bereits in den 90er-Jahren so. Heute argumentiert Lloyds, dass Energiesicherheit eine hohe Priorität zukommen sollte und zentraler Aspekt des Wirtschaftens werden muss.

Energieknappheit als Chance für den Wandel

Was passiert, wenn unsere Antwort auf den Klimawandel sich gleichzeitig mit den Fragen der Energiesicherheit und der Knappheit der fossilen Brennstoffressourcen auseinandersetzt? Das Transition Town Movement versucht genau das herauszufinden. Die These ist, dass billige Energie die Globalisierung erst ermöglicht hat – und dass mit der Knappheit fossiler Brennstoffe auch die Idee des globalen Dorfs auf der Kippe steht.

2004 exportierte Großbritannien insgesamt 15,5 Millionen Kilo Milch und Sahne nach Deutschland. Gleichzeitig wurden 17,2 Millionen Kilo aus Deutschland importiert. Beide Länder haben auch insgesamt 1,5 Millionen Kilo Kartoffeln ausgetauscht. Während dieser sinnlos anmutende Handel stattfand, haben die Beziehungen zwischen Bauern und ihren lokalen Gemeinden sich in zunehmendem Maße aufgelöst. Tante-Emma-Läden wurden durch Großkonzerne ersetzt, ganze Wirtschaftszweige gingen pleite. Dieser exzessive Handel ist ohne Öl nicht mehr möglich.

Die Übergangsbewegung argumentiert, dass das Ölfördermaximum und die Emissionsreduktion nicht als Desaster, sondern als Chance gesehen werden sollten. Das Credo dabei lautet “Widerstandskraft”. Wir müssen in der Lage sein, abrupte Veränderungen zu verkraften und uns dem Wandel anzupassen. Doch Transition meint mehr als nur Flexibilität: Durch einen Fokus auf den Ausbau lokaler Wirtschaftsnetze, durch lokale Nahrungsmittelproduktion und Mikroinvestments können Städte und Gemeinden effektive Anreize setzen und die Entwicklung hin zur autarken Moderne vorantreiben. “Re-Lokalisierung” heißt aber nicht, dass wir das Handeln aufgeben sollen oder komplett unabhängig werden müssen. Es besagt, dass alle Dinge und Dienste, die lokal produziert und organisiert werden können, auch lokal erreicht werden sollten. Das gibt Gemeinden mehr Kontrolle über ihre Versorgung, Wirtschaft und Finanzen und schafft Gleichheit.

Das Ziel ist Lebensqualität

Wie sieht das in der Realität aus? Transition-Town-Initiativen experimentieren mit lokalen Währungen, gemeinschaftlich verwalteten Energiekonzernen, kommunalen Farmen und Feldern, der Renaturalisierung von urbanen Gebieten und einer kreativen Auseinandersetzung mit dem Thema Ressourcenknappheit. Dabei erscheint die Öl- und Klimakrise nie als drohende Gefahr, sondern vielmehr als Chance, die Flexibilität und Gerechtigkeit unserer Gesellschaft zu verbessern. Das Resultat ist am Ende eine erhöhte Lebensqualität.

Lloyds sagt voraus, dass Unternehmen Erfolg haben werden, wenn sie sich mit der neuen Energierealität schon heute beschäftigen. “Ein Mangel an Aufmerksamkeit könnte katastrophale Folgen haben”, so Lloyds. Transition-Town-Initiativen warten nicht auf Studien oder Regierungsinitiativen, sie handeln einfach. Denn wir wissen ja: Wer auf die Regierung wartet, bekommt zu spät zu wenig. Der Einzelne kann auch nicht genug ausrichten. Aber gemeinschaftlich können wir es schaffen – gerade noch rechtzeitig.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Christiane Lambrecht, Susanne Wenzel, Sascha Nicke.

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