Von wegen Entwicklungsländer

von Rick Rowden8.12.2013Außenpolitik, Wirtschaft

Afrika muss sich auf die wahre Bedeutung des Begriffs „Entwicklung“ besinnen. Sonst droht die Hoffnung von einer „Wirtschaftsmacht Afrika“ ein Märchen zu bleiben.

In Afrika und der ganzen Welt haben hohe Wachstumsraten und steigende ausländischen Investition eine Hoffnung geschaffen: Afrika ist auf dem Weg zur wirtschaftlichen Supermacht. Diese Idee schaffte es in den letzten Jahren unter anderem auf die Cover vom “„Time Magazine“”:http://www.time.com/time/magazine/article/0,9171,2129831,00.html und dem “„Economist“”:http://www.economist.com/node/21541008. Doch trotz der positiven wirtschaftlichen Entwicklungen in einigen afrikanischen Ländern ist der Enthusiasmus fehlgeleitet. Er unterschlägt, dass Afrika in Wirklichkeit noch weit vom „Entwickeln“ entfernt ist – zumindest im traditionellen Sinn.

Angefangen mit Großbritannien und später Europa, die Vereinigten Staaten, Japan, die vier ostasiatischen Tigerstaaten sowie zuletzt China: Die reichen Länder haben herausgefunden, wie man Einkommen nachhaltig steigert und Armut verringert. Möglich war es über einen Wechsel von Aktivitäten mit immer niedrigen Erträgen (Landwirtschaft, Fischerei, Gewinnen von Öl, Gas und Holz) hin zu Aktivitäten mit immer größeren Erträgen (Industrielle Produktion und Dienstleistungen). Die Kolonialisten hatten letztere Aktivitäten in den Kolonien absichtlich verboten, weil sie von diesen Vorteilen wussten – und sie für sich behalten wollten.

Produktion erzeugt zusätzlich, gut bezahlte Arbeitsplätze (und steigert die Löhne im ganzen Land), sie unterstützt somit neue, gut bezahlte Dienstleistungsjobs und diversifiziert die Wirtschaft. Das sorgt wiederum für höhere Steuereinnahmen und damit natürlich auch für langfristige Investitionen in Gesundheit, Bildung, Landwirtschaft und Infrastruktur.

Koloniale Handelsmuster

Obwohl diese Tatsache seit über 400 Jahren bekannt ist, wurde die Idee der nationalen Wirtschaftsentwicklung in den vergangenen Jahrzehnten allerdings heruntergespielt. Das neue Versprechen heißt Globalisierung: Die Teilnahme an der Weltwirtschaft, unabhängig der eigenen Entwicklungsstufe. Populäre Maßnahmen wie „Armutsbekämpfung“ und der Fokus auf Sozialindikatoren (man denke an die Millenium-Entwicklungsziele der Vereinten Nationen) haben die konventionellen Indikatoren wirtschaftlicher Entwicklung völlig in den Hintergrund gedrängt. Wären die vormaligen Indikatoren noch auf der Agenda, würden wir beispielsweise auf andere Faktoren achten. Beispielsweise den Einfluss des produzierenden Sektors aufs Bruttoinlandsprodukt oder die Wertschöpfung dieses Sektors im Export achten. Diese Werte sind alarmierend.

Eine “neue UN-Studie dieser Indikatoren”:http://unctad.org/en/Docs/aldcafrica2011_en.pdf fand heraus, dass der Großteil afrikanischer Länder – trotz Verbesserungen in wenigen Ländern – entweder stagnieren oder den Pfad der Industrialisierung zurückgehen. Der Anteil des produzierenden Sektors im afrikanischen Bruttoinlandsprodukt ging von 2000 bis 2008 von 12,8% auf 10,5% zurück. Gleichzeitig verringerte sich sein Anteil in den Exporten von 43% auf 39%. 23 afrikanische Länder weisen in diesem Bereich ein negatives Wachstum auf, und zwischen 1990 und 2010 wuchs die Produktion pro Kopf in lediglich fünf Ländern über 4%. Die Studie zeigt auch, dass Afrika in arbeitsintensiver Produktion den Anschluss verliert: Der Anteil des Kontinents an der weltweiten Niedrigtechnologiefertigung ging von 2000 bis 2008 um 3% zurück, die Exporte fielen gleichzeitig von 25% auf 18%. Solche Statistiken passen kaum zur Erzählung einer „Wirtschaftsmacht Afrika“.

Der Grund dafür liegt auch heute noch in kolonialistischen Handelsmustern, die sich über die Jahre behauptet haben. Viele Länder exportieren lediglich Rohstoffe und importieren anschließend daraus hergestellte Güter aus reicheren Ländern.

Das ist auch die Schuld der großen Industrieländer. Diese propagieren zwar den Freihandel, nutzen aber eine Vielzahl von Maßnahmen – wie Handelsbarrieren, Subventionen, niedrige Zinssätze, öffentlich geförderte Forschungsprojekte – um ihre Industriesektoren aufzubauen. Eigentlich müssten afrikanische Länder die gleichen Tricks anwenden um auch einmal die Vorzüge der Industrialisierung genießen zu können. Doch es gibt ein Problem: Viele dieser Maßnahmen werden von der Welthandelsorganisation verboten oder von bilateralen Handels- und Investitionsverträgen eingeschränkt, die reiche Länder den afrikanischen Staaten aufzwingen.

Handlungsspielraum behalten

Diese Tatsache war auch das zentrale Thema auf der jährlichen Konferenz afrikanischer Wirtschafts- und Finanzminister, die im März in Abidjan, Côte d’Ivoire zusammenkamen. Wie können afrikanische Länder effektivere industrielle Strategien anwenden, um die Wirtschaftskraft zu verbessern und die Abhängigkeit von Exporten zu vermindern? Nkosazana Clarice Dlamini-Zuma, Vorsitzende der Kommission der Afrikanischen Union (AUC) sagte: „Industrialisierung ist kein Luxus für unseren Kontinent. Es ist eine Notwendigkeit für und langfristiges Überleben.“

Aber um industrialisieren zu können müssen die afrikanischen Regierungschefs dem kommerziellen Druck reicherer Länder und großer Investoren standhalten können. Sie dürfen keine Verträge unterzeichnen, die ihre wirtschaftlichen Möglichkeiten zu sehr einschränken. Südafrika gab vor kurzem bekannt, dass es seine bisher unterzeichneten Verträge dieser Art nicht verlängern möchte – und gleichzeitig die Regeln für Investitionen so umgestaltet, dass Handlungsspielraum für das eigene Land und für südafrikanische Investoren erhalten wird. Man kann nur hoffen, dass andere Länder nachziehen.

_Übersetzung aus dem Englischen_

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