Demografische Zeitbombe

von Rick Noack11.12.2013Außenpolitik

In den nächsten Jahrzehnten wird das Bevölkerungswachstum in Afrika historische Dimensionen annehmen. Statt eines ökonomischen Booms könnte dem Kontinent ein katastrophales Jahrhundert bevorstehen.

Wer Afrikas angeblichen Boom erleben möchte, der sollte sich an den Grenzübergang zwischen Burundi und Ruanda stellen. Auf der ruandischen Seite werben bunte Plakate für Telefonanbieter, in Burundi führt die asphaltierte Straße nach wenigen Kilometern zu einer Schotterpiste. Die beiden Länder könnten gegensätzlicher kaum sein: Ruanda steht für den Fortschritt, für Hoffnung. Wie auch in anderen afrikanischen Ländern entstehen Mittelschichten und Dienstleistungssektoren, die Kaufkraft nimmt ebenso zu wie ausländische Investitionen. Burundi hingegen landet regelmäßig auf den hintersten Plätzen in internationalen Rankings: Es ist der Teil Afrikas, der lange die öffentliche Wahrnehmung des Kontinents geprägt hat. Für einige Journalisten und Experten steht nun fest: Burundi gehört zu Afrikas Vergangenheit, Ruandas Modell ist die Zukunft. Titelbilder wie die des TIME Magazine, das 2012 „Afrikas Aufstieg“ verkündete, basieren in der Tat auf soliden Zahlen. Der Weltbank zufolge wird das afrikanische Bruttoinlandsprodukt in den nächsten Jahren jeweils um rund fünf Prozent wachsen – Tendenz steigend.

Doch der erste Eindruck täuscht. Die Zukunft des subsaharischen Afrikas hängt nicht vom Geld ausländischer Investoren ab und kann nicht anhand von Werbeplakaten analysiert werden. Stattdessen werden Afrikas Müttern darüber entscheiden, wie Afrika in nicht allzu ferner Zukunft aussehen wird. In rund hundert Jahren wird Nigerias Bevölkerung mit der von China vergleichbar sein – auf einer Fläche, die der Größe des US-Bundesstaates Texas entspricht. Es wird kein Einzelfall bleiben. Innerhalb der nächsten 100 Jahre könnte sich Afrikas Bevölkerung vervierfachen. Statt einer Milliarde Menschen müssten dann vier Milliarden Afrikaner mit bereits heute nicht ausreichenden Ressourcen überleben. In Burundi könnte diese Entwicklung jegliche wirtschaftliche und politische Verbesserung verhindern. Doch selbst Vorzeige-Länder wie Ruanda stehen vor kaum zu bewältigenden Herausforderungen.

Bevölkerungswachstum an sich ist nichts Schlechtes: Er kann zur Chance werden, vorausgesetzt die wirtschaftlichen Bedingungen sind günstig. Doch das subsaharische Bevölkerungswachstum ist da am stärksten, wo die wirtschaftliche Situation am prekärsten ist. Um einen Wirtschaftsboom nach asiatischem Vorbild zu erzeugen, müssten viele afrikanischen Regierungen erst einmal einen enormen Job-Boom erzeugen. Denn demographischer Wandel kann wie ein Katalysator wirken: Trifft er auf positive Bedingungen, kann er zum Wunder werden und Wohlstand erzeugen. In Afrika hingegen ist es wahrscheinlicher, dass er eine Katastrophe auslöst.

Denn zusätzlich ist eine weitere Entwicklung zu beobachten: Bislang machten Kinder den Großteil der Bevölkerung aus, doch das Durchschnittsalter steigt an. Aus Kindern werden junge Erwachsene, die Familien gründen und arbeiten wollen. Doch die Arbeitslosigkeit ist in den letzten zehn Jahren deutlich langsamer gesunken, als das Bruttoinlandsprodukt gewachsen ist. Im Gegensatz zu Kindern, sind junge Erwachsene unter schlechten wirtschaftlichen Bedingungen jedoch vor allem eines: Opfer, die sich wehren können. Insbesondere junge Männer neigen zu Gewalt, wenn sie ihre Zukunft gefährdet sehen. Die daraus resultierende politische Instabilität würde die fragilen wirtschaftlichen Verbesserungen zerstören und Investoren abschrecken. Infolgedessen ist der demographische Wandel südlich der Sahara keine Chance. Er ist eine Gefahr.

Davon betroffen sind nicht nur Länder wie Burundi. Politische Instabilität und Flüchtlingsströme würden auch Hoffnungsträgern treffen. Das Beispiel Ruandas zeigt besonders stark, warum die demographische Bedrohung mehr als eines von vielen Szenarios ist. Die Regierung in Kigali ist eine der wenigen, die sich der Gefahr bewusst sind. Sie hat in den letzten Jahren umfangreiche Programme für eine bessere Familienplanung auf den Weg gebracht, um die Geburtenrate zu senken. Doch obwohl die Rate inzwischen sinkt, wird die Bevölkerung insgesamt weiter wachsen. Der Grund: Demographische Trends verändern sich nicht innerhalb von wenigen Jahren, sondern innerhalb von Generationen. Trotz der Anstrengungen wird sich Ruandas Bevölkerung bis 2100 voraussichtlich vervierfachen – zusätzlich zu mutmaßlichen Flüchtlingsströmen und der absehbaren Instabilität in den Nachbarländern.

NGOs und Regierungen stehen vor einer dringenden und gewaltigen Aufgabe: Sie müssen Frauen stärken und ihnen die Mittel zur Verfügung stellen, selbst über ihre Familienplanung zu entscheiden. Eine Möglichkeit sind „Cash for Work“-Programme, die eine große Anzahl an Arbeitern beschäftigen und Frauen eine Chance geben, Geld für die Bildung ihrer Kinder zu sparen.

In Ruanda existieren bereits eine Vielzahl solcher Projekte. Auch in der Hauptstadt Kigali entstehen Bankgebäude und neue Unternehmen, die Straßen sind sauber und asphaltiert. Es scheint so, als hätte Ruandas Wirtschaft die Aufholjagd mit dem Bevölkerungswachstum des Landes begonnen.

Viel Zeit bleibt aber nicht: Denn im Gegensatz zur Wirtschaft kennt der demographische Wandel in Afrika keine Krisen.

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