Der Troubadour der Deutschen ist tot

von Richard Schütze22.12.2014Gesellschaft & Kultur

Udo Jürgens glaubte nicht an ein Leben nach dem Tod. Er wird trotzdem voller Hoffnung gestorben sein.

Am Ende legte er den Bademantel ab, kam verschwitzt für eine weitere „Zugabe“ noch einmal raus auf die Bühne, nur in Jeans und in einem Hemd, das ganz unordentlich halb über den Hosengürtel herunter hing. So kannte man ihn nicht, allenfalls auf Fotos aus dem Backstage. Mit versteinerter Miene setzte er sich, griff in die Tasten und schaute über den Flügel hinweg in die Ferne. Tränen standen in seinen Augen, die riesengroß auf die Leinwand hinter seinem Orchester und dem Chor projiziert wurden. Wir erschraken. Der „Traumtänzer“ schien an diesem Abend schon an Bord seines „Narrenschiffs“ und mit wehmütiger Verzweiflung im Gesicht „Abschied von Dir“ zu nehmen. Das Publikum in der O2-Arena wartete auf „Merci Chérie“. Doch bei diesem letzten Auftritt in der deutschen Hauptstadt brach er mit dem Ritual und sang das Lied, das nur er mit Inbrunst und einer unvergleichlichen Spannung in der Stimme wie versunken in sich selbst interpretieren konnte, nicht.
Wir waren sicher, dass dies, wenige Tage nach dem 25. Jubiläum des Mauerfalls, sein letzter Auftritt in Berlin war.

Musikalischer Marathon-Mann

Denn diesmal war alles anders. Bei seinen Tourneeauftritten im März und November 2012 hatten Hunderte Fans im Anschluss an den letzten Vorhang weiter ausgelassen auf dem Parkplatz vor der Arena gefeiert und seine Lieder gesungen. Von kurz nach 8 am Abend bis fast Mitternacht hatte der 78-Jährige die Bühne gerockt wie es viele Jüngere so einfach nicht hinkriegen. Doch an diesem 15. November 2014 tänzelte er nicht mehr beschwingt und ausgelassen wie sonst, sondern lehnte sich nachdenklich an seinen Flügel, als suche er einen letzten Halt. Selten erschien ein Lächeln in seinem Gesicht, oft schien er mit der Erschöpfung auf seinen Zügen zu ringen.

Und mit dieser Melancholie, dem sanften Ernst hinter den „Masken“ und dem „lauten Lachen“ der Welt. Einsamkeit, Traurigkeit und zuweilen auch Verzweiflung haben Udo Jürgens immer wieder eingeholt und geprägt. Wie auch die pure Lebenslust und -gier waren die Wehmut eines wahren „Gauklers“ und die Melancholie des Poeten der Soundtrack seines im Beruflichen professionell gemanagten und im Privaten oft zügellosen Lebens, so wie seine Lieder die Stimmungen und Gefühle der Deutschen durch die Umbrüche der Nachkriegszeit begleitet und ihnen musikalischen Ausdruck verliehen hatten. Zuweilen, wie er es ausgedrückt hätte, hat er mit seinen Botschaften manchen gesellschaftlichen Wandel auch „ein wenig“ kämpferisch und nicht ohne missionarischen Eifer voran gebracht. Mit seinem Tod, „mitten im Leben“, wie der Titel seiner 25. und nun unvollendeten Tournee heißt, geht im großen Gedächtnisjahr 2014 die Nachkriegszeit beider Weltenkriege, einhundert Jahre nach Ausbruch des ersten und 75 Jahre nach Beginn des zweiten Weltkriegs, im deutschsprachigen Europa auch mental endgültig zu Ende.

Eine absolut professionelle Berufsauffassung und Hingabe bis zum pedantischen Perfektionismus bei den Arrangements seiner Auftritte, kreatives Einfühlungsvermögen bei der Gestaltung und Vertonung von auch höheren lyrischen Ansprüchen genügenden Texten, virtuose Musikalität und ein geniales kompositorisches Gespür verbanden sich bei diesem musikalischen Marathon-Mann auf einzigartige Weise.

Mehr als fünf Jahrzehnte trat er in Tausenden Konzerten mit seinen tausend Liedern und über Hundertmillionen verkauften Tonträgern auf. Keine größere Stadt auf diesem Globus und keine bedeutende Musikhalle weltweit, in der nicht der Mann am Klavier seine Lieder zum Klingen gebracht hat. Kaum ein Komponist oder Sänger der Moderne hat mit seinem „was ich Dir sagen will, sagt mein Klavier“ und vielen weiteren Kompositionen das Tasteninstrument so inbrünstig und erfolgreich propagiert wie Udo Jürgen Bockelmann. Er war ein perfekter Botschafter der aus den Trümmern des zweiten Weltkriegs aufstrebenden Bundesrepublik, der sich und der Welt beweisen konnte, dass Deutschland sich wieder harmonisch und friedlich und mit einem überzeugenden Willen zum Guten in das Konzert der Völker einbringen wollte. Immer bestrebt, großartige Leistungen zu vollbringen, erfolgreich zu sein, Zustimmung und Anerkennung zu erlangen, Ruhm und Ehre zu erjagen, voll Hunger nach Applaus, Zuneigung und Liebe, war er zeitlebens aber auch selbst ein Getriebener. Begeisterungsfähig, euphorisch, leidenschaftlich, kämpferisch, willensstark, romantisch und charmant, war er aber auch zugleich ichbezogen und bindungsunfähig. Oft allein mit seinen Ängsten, am Ende doch noch zu versagen. Und Udo wusste, dass er auch „der Schuft neben Dir“ sein konnte, der „nur das eine“ wollte.

Spiegel der deutschen Seele

Aber weder sein ungezügeltes Leben als „Vagabund“ noch der Spott in seinen gesellschaftskritischen Liedern verletzte die Menschen. Von Jung bis Alt vermochte er Intellektuelle und Dichter ebenso wie „Lieschen Müller“ zu faszinieren. Der „Musiker“, wie er sich gern bezeichnete, verstand es, sich klein zu machen, Generationen von Menschen in seine Seele hineinzulassen und in sein Leben einzuladen: „Doch alles, was ich bin, ist ein Träumer, ein Poet, der mit seinen Liedern auf Märchenreisen geht. Alles, was ich bin, ist ein blinder Passagier auf dem Schiff der Fantasie. Und wenn du willst, dann träum’ mit mir.“

Vom kitschigen Gassenhauer über kritische und auch frivole Songs und lyrische Balladen bis hin zum nachdenklichen Chanson reicht die Klaviatur, die der Schlagerstar, Liedermacher und Barde abdeckte. Von „17 Jahr’, blondes Haar“ über das „ehrenwerte Haus“, „vielen Dank für die Blumen“ bis zu den alten Bärten der ergrauten Eliten von „Lieb Vaterland“. Kein Etikett vermag ihn richtig zu fassen, denn er war mehr als nur ein Sänger. Udo Jürgens war auch ein Spiegel der Seele der Deutschen. Das, was sie sind, oder zumindest so, wie sie sein und sich sehen wollten. Ein verwegener Held und unbedachter Abenteurer, aber auch ein präziser Ingenieur – und dann wieder ein „Narr“ und „Clown“, der „auf der Suche nach sich selbst“ immer wieder unsicher und dann auch wieder selbstbewusst, stolz und eitel auftrat.

Auch im Trumpf demütig und bescheiden und als Mensch mit ethischen Prinzipien. Immer voll Pflichtbewusstsein in seiner Profession und zugleich chaotisch, hingerissen und verantwortungslos in seinen Beziehungen, ein wenig auch behaftet mit Schuldgefühl. Oft war er auch als stimmgewaltiger Ankläger auf den Wellen des Zeitgeists gegen Rüstungswahn, Weltzerstörung, Überbevölkerung und Untergang („5 Minuten vor Zwölf“) unterwegs im „Kaffee Größenwahn“ und kritisierte den barbarisch und korrupten Menschen, der sich als „Krone der Schöpfung“ und „Held der Evolution“ immer wieder auf den Weg nach „Babylon“ statt nach „Atlantis“ macht. Selbstkritisch bis schmerzhaft klingt der Refrain, der dem vom Elend der Welt wegschauenden Wohlstandsbürger und Halunken aller Art ins Gewissen redet: „Und wer soll uns das je verzeih’n?“

Abschied mit Hoffnung im Herzen

Sehnsucht und Romantik, ein Gefühl des Verlorenseins, doch auch des Aufbegehrens „gegen Unrecht und Gewalt“, Tatkraft, die zupackend weiß, „heute beginnt der Rest Deines Lebens“: Diese Koordinaten suchte er in seinem Leben, das immer weniger privat und immer mehr ein öffentliches war, zusammenzubringen. Am Schluss reifte der Unterhaltungskünstler zu einer künstlerischen Instanz mit beeindruckend ethischer Haltung. Sein Tod hinterlässt eine große Leere, die sich in den Zeitungen und auf den Bildschirmen spiegelt. Die riesengroße Dankbarkeit der Deutschen, Österreicher und Schweizer und mit ihnen vieler anderer Musiker, Künstler und Fans („Bild“: „Merci Genie!“) wird so bald keinen neuen Troubador finden, der ihre Seelenlage und Befindlichkeit so trefflich in Töne und Texte kleiden kann. Udo Jürgens hatte diese Sehnsüchte einzigartig gespiegelt und zugleich erfüllt. Er war der Frank Sinatra Deutschlands.

Die Frage in seinem Lied „Wer, wer ist der, der uns das Leben schenkt und uns’re Wege lenkt?“ hat der Sänger nicht mehr abschließend beantwortet. In manchem Interview gab er zu Protokoll, nicht an Gott oder ein Weiterleben nach dem Tod zu glauben; doch scheinen seine Lieder und seine Musik auch eine andere Sprache zu sprechen: „Am Ufer aus geglückter Zeit, Ein Raum des Lichts, Du bist die Tür. Ich schließ’ die Augen, bin bereit, Ich lebe – und ich ahn’, wofür. Mein Weg zu mir war krumm und weit und scheint auch vieles noch verschwommen, Am Ufer aus erfüllter Zeit bin ich nun endlich, endlich angekommen.“ Denn, und da war er sich sicher, „immer, immer wieder geht die Sonne auf – denn Dunkelheit für immer gibt es nicht – die gibt es nicht.“ Drei Tage vor Weihnachten bleibt der Wunsch, dass er mit Hoffnung in dem Herzen, das am vierten Advent aufhörte zu schlagen, Abschied von dieser Welt und ihren Bühnen hat nehmen dürfen.

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