Duell in der Dämmerung

von Richard Schütze25.08.2013Innenpolitik

Er kommt näher, der große Höhepunkt dieses recht holprigen Wahlkampfs: der große Showdown, das TV-Duell. Wie steht es um die Kontrahenten, wenige Wochen vor dem Urnengang?

Ausgeglüht liegen die Felder am Ende des Sommers brach und wirken verlassen und öde. Die Zeitarbeiter in den Parlamenten haben ihren Job getan und sich bis zuletzt verausgabt. Nun laufen die Uhren für die große Schlusskampagne.

Unten in den Feldfurchen haben sich SPD und Grüne schweißtreibend abgemüht und im Akkord von Halm zu Halm vorangeackert. Oben auf den Wagen droschen derweil fast lustlos die amtierenden Maschinisten, die Hände an den Hebeln, gelangweilt ihr Stroh. Am Zahltag erwarten alle gespannt den Lohn für ihre Plackerei und das Abmühen in der Ebene. Ein jeder mag sich dabei als Held der Ernte fühlen. Sieger und Besiegte hinterlassen dann abgeerntet und verstoppelt die auf- und umgewühlten Flächen.

Wahlverdrossenheit im Lande bekämpfen

Unter der Sonne des Südens werden die bajuwarischen Recken am 15. September eine erste Ernte heim auf ihre Gehöfte schaffen. Eine Woche später schlägt dann allen die Stunde der Wahrheit. Die meisten hoffen, nach der Schlussabrechnung auch bei der nächsten großen Ernte irgendwie wieder mit dabei zu sein. Zuvor aber wird noch mal nach allen Seiten kräftig und mit der inständigen Hoffnung ausgeteilt, die weit verstreute Saat möge aufgehen und auch die eigene Scheuer füllen.

Im Zenit der Kampagne kommt es am 1. September zu einem Showdown. SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück fordert Kanzlerin Angela Merkel heraus und die CDU-Chefin stellt sich dem rhetorischen Zweikampf. Auf vier großen Sendern ist im freiwillig gleichgeschalteten öffentlich-rechtlichen und privaten Fernsehen Showtime. Mit dabei als Stimmungskanone und professioneller Jugendversteher das unberechenbare Multitalent und Enfant terrible des rhetorischen Übergriffs Stefan Raab. Seine Mission: Raab soll als Mister Bean des Politentertainments potenzielle Wähler unter 35 an die Bildschirme locken und die grassierende Polit-, Parteien- und Wahlverdrossenheit im Lande bekämpfen.

Nicht nur schräge Vögel fliegen dann hoch

Doch der Wahlkampf in Bayern und im Bund kommt erst langsam und holprig auf Touren. Die Gemengelage in Deutschlands Allparteienkonsensgesellschaft ist so verquirlt, dass bis auf die totalen Sozial- und Schuldenstaats-Träume der Umverteiler-Linkspartei und die Anti-Eurozwangsstaats-„Alternative für Deutschland“ erst auf den zweiten Blick gravierendere Unterschiede zu erkennen sind.

Die Sozialdemokraten intonieren mit wenig Inbrunst das alte und neue Lied der sozialen Gerechtigkeit, die FDP versucht sich erneut als Antisteuererhöhungspartei und die Union laviert sich mit einem Cocktail aus allen Zutaten zum Status eines breit aufgestellten Kanzlerwahlvereins. Die Regierung bevorzugt in unaufgeregter Manier, demoskopisch siegesgewiss gestimmt, die seichte Breite, denn die schmale Tiefe.

Wenn nicht Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble unerwartet und vielleicht sogar versehentlich mitten in die schaffige Stille hinein einen laut dröhnenden Warnschuss abgefeuert hätte. Der Schäuble’sche Griechenland-Böller hallt über die Kampagnenfelder und donnert über Plätze und Gassen. Sein Echo beeinflusst auch die Aufstellung der TV-Duellanten. Sie werden beim High Noon auch mit Kugeln aus Schäubles Magazin unter Feuer genommen werden. Nicht nur schräge Vögel fliegen dann hoch auf.

Tendenz zu Enteignung und Entmündigung

Denn aufgeschreckte Bürger, die gern vor den Wahlen noch einen Ausblick auf die kommende Erntesaison erhalten mögen, bewundern nicht nur argwöhnisch den verwegenen Mut der Grünen, ihre zum Teil fulminanten Steuererhöhungs- und andere gesellschaftsverändernde Instrumente offen vorzuzeigen; sie misstrauen offenbar in immer höherem Maße zugleich auch den etablierten Parteien, mit der Euro- und Staatsschuldenkrise, mit explodierenden Energiepreisen und einer bislang planwirtschaftlich konzipierten Energiewende sowie mit den Folgen der desaströsen demografischen Entwicklung noch beherrschbar umgehen zu können und dabei die Steuerbürger mental und finanziell nicht zu überfordern.

Suchen die Grünen, die SPD vor sich hertreibend, die Sozialdemokraten in die Zange zu nehmen und in einen weltanschaulich motivierten Lager- und Kulturkampf hineinzuziehen, der die Sozialdemokraten unverbrüchlich an ihre Seite zwingen und den Versuchungen einer großen Koalition entwinden soll, so wird die „Alternative für Deutschland“ immer mehr zu einem Sammelbecken für der Union und auch der FDP zunehmend misstrauende Bürger.

Schon merken die Demoskopen an, dass sich der Zulauf zur AfD von einem Drei-Prozent-Sockel allmählich nach oben bewegt und die Medien nehmen die AfD in den Fokus. Treten die Grünen mit einem voluminösen Zweihundertseiten-Politprogramm für mehr staatliche Fürsorge und Bevormundung in nahezu allen gesellschaftlichen Bereichen mit einer Tendenz zu Enteignung und Entmündigung an, so bleibt immer auffälliger die Union in zentralen Bereichen mit ihren Ansagen eher vage.

Steinbrücks kühle Distanz zum Publikum

Chefmaschinistin Angela Merkel sucht ihren Platz als verhalten agierende Mutter der Nation und souveräne Königin aller Köche noch ein Weilchen zu behaupten und die Kellner ordentlich flitzen zu lassen. In letzter Zeit war ihr viel Personal abhanden gekommen oder musste gar gefeuert werden. Die personelle Decke der Union in Bund und Ländern ist ausgedünnt und die programmatische recht kurz geworden.

Insbesondere die CDU erodiert an Haupt und Gliedern und hat nicht nur Häupter und Häuptlinge, sondern seit Dezember 2012 auch erneut fast drei Prozent ihrer ehemaligen Mitglieder verloren. Mit nur noch rund 476.000 Mitgliedern in Ost und West ist sie jetzt auf das Niveau der damaligen West-CDU von 1975 abgesackt und liegt damit wieder hinter den Sozialdemokraten, die im 150. Jahr ihres Bestehens aber auch nur noch rund 472.500 Mitglieder zählen. Verzagt feiern die Genossen ihr Jubiläum; doch ein strahlendes Selbstbewusstsein sieht anders aus.

Denn von Anbeginn war Peer Steinbrücks Kanzlerkandidatur ein grandioses Missverständnis. Gebückte, kleinkarierte Feld- und kuschelige Nachbarschaftsarbeit entsprechen nicht seinem gern aufbrausenden Temperament, das immer wieder unkontrollierbar eruptiv und mit besserwisserischer Attitüde in scharfzüngiger Polemik und mit zuweilen süffisantem Zynismus aus ihm hervorbricht. Seine geschliffene Argumentation und intellektuelle Brillanz benötigen wie ein Greifvogel den Gegenwind und eine eher kühle Distanz zum Publikum, um sich emporzuschwingen.

Merkel hat sich kräftig bedient

Volkstümlichen Klamauk und abgeklapperte Politplattitüden beherrscht der eher sprunghaft veranlagte SPD-Chef Sigmar Gabriel als Einpeitscher und Stimmungsmacher allemal besser. Dass Steinbrück dann auch noch viel Kreide fraß, um nicht als Genosse der Bosse, sondern als Boss der Genossen zu erscheinen, trug ihm die schlimmste aller Belohnungen ein: das Mitleid der Leute. Sein vergebliches Mühen erkennend, übermannten ihn Tränen des Selbstmitleids und stutzten dem kühnen Adler endgültig die Flügel. Authentisch sein sieht anders aus.

Dabei hatte er weitsichtiger als der rechthaberisch auf sein akribisch ausgetüfteltes Steuererhöhungsmodell fixierte grüne Bürgerschreck Jürgen Trittin die Finger in die Merkel’sche Wunde gelegt. Steinbrück vermisst bei der wendigen Kanzlerin ebenso wie ein Teil ihrer eigenen werteorientierten Unionsgefolgschaft einen strategischen „Masterplan“ für das von der im Osten aufgewachsenen Physikerin angeblich zu wenig euphorisch geliebte Europa und für die Lösung der großen Krisen.

Obgleich sich Merkel in puncto Eindämmung der Mietpreise oder beim Mindestlohn sowie den Regeln für die Zeitarbeit schon im programmatischen Katalog der Sozialdemokraten kräftig bedient hatte, hat sie ihre Programmatik nicht als eine bürgerliche „Agenda“ konzipieren und präsentieren wollen. Die in viele Einzelteile zerlegten komplexen Probleme erscheinen zwar cool und mit kluger Zurückhaltung gemanagt, aber es fehlt erkennbar eine aus einem Guss gestaltete Gesamtperspektive. Mit ihrem weltanschaulichen Markenkern droht die Union gar ihr Profil zu verlieren.

Merkel aber hat hoch oben in der Publikumsgunst wenig zu fürchten und viel zu gewinnen: Mit kühnem Wurf könnte sie eine attraktive Agenda für ein starkes Deutschland in der Mitte eines aus fataler Lähmung und düsterer Untergangsstimmung sich erhebenden Europas entwerfen.

Ob sie das sich darbietende Feld mit mitreißenden Ideen bestellen kann, die Herbststürmen standhalten, Frost und Eis trotzen und zu großen europäischen Idealen heranreifen können, kann für Deutschland, aber auch die Union eine Schicksalsfrage sein. Damit aber könnte Merkel punkten – auch beim TV-Duell.

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