Dreifaches Versagen

von Richard Schütze18.08.2013Innenpolitik, Medien

Vor 25 Jahren sorgte das Gladbecker Geiseldrama für Aufsehen. Die Lehren aus diesem Fall sind auch heute noch gültig.

Noch fünf Kilometer. Wir verstummen. Soeben ist die Autobahn wieder frei gegeben worden. Als eines der ersten Fahrzeuge schwebt der Wagen aus Frankfurt kommend über die hügelige Landschaft. In ausrollenden Wellen gleitet der Westerwald in das Siebengebirge hinüber. „Bad Honnef / Linz“ steht weiß auf einem blauen Schild. Eine Abfahrt weiter befindet sich die Ausfahrt nach Bonn. Am Petersberg schlängelt sich dort die Straße in Serpentinen hinunter in das Rheintal und die Kölner Bucht. Die Sonne steht hoch am Himmel, gerade erst ist die Mittagszeit vorüber. Es ist angenehm warm. Hier oben liegt ein tiefer Frieden über der ruhig dahinfließenden Landschaft.

Von einer Kuppe aus sehen wir sie. Gegenüber am Hang des Ägidienbergs liegen talwärts neben- und hintereinander aufgereiht und wie eine Phalanx über die gesamte dreispurige Fahrbahn verteilt demolierte und zertrümmerte Fahrzeuge. Neben einem auf dem Standstreifen stehenden 7er BMW mit zertrümmerten Scheiben klebt ein wuchtiger S-Klasse-Mercedes, offenbar ein gepanzertes Fahrzeug, dessen rechter Kotflügel mit Vorderrad vollkommen zerstört ist. Menschen laufen aufgeregt hin und her und irren zwischen den Autos herum. Ein Hubschrauber parkt auf den Fahrstreifen.

Kardinale Fehler wiederholten sich

Um 13.57 Uhr ist am 18. August 1988 – gestern vor 25 Jahren – das „Gladbecker Geiseldrama“ auf der A3 bei Bad Honnef im Kugelhagel blutig zu Ende gegangen. Rund 60 Schüsse hatte ein Sondereinsatzkommando der Kölner Polizei auf den BMW der Gangster abgefeuert, in dem neben den beiden Bankräubern und Kidnappern Hans-Jürgen Rösner und Dieter Degowski sowie Rösners Freundin Marion Löblich aber auch die beiden Geiseln Silke Bischoff und deren Jugendfreundin Ines Voitle (beide damals 18 Jahre jung) saßen. Für die blonde Silke Bischoff bedeutete die Polizeiaktion am Ende einer dreitägigen Irrfahrt durch Norddeutschland über Aachen in die Niederlande und nach Köln den Tod. Sie starb auf der A3 durch eine wahrscheinlich versehentlich ausgelöste Kugel aus dem Revolver von Rösner.

Dreimal ist in Deutschland den Sicherheitskräften in aufsehenerregender Weise das Geschehen durch desaströses Handeln entglitten und tödlich geendet. Schon aus den dramatischen Abläufen um die Geiselnahme der israelischen Olympiamannschaft durch eine palästinensische Terrorgruppe bei den Olympischen Spielen in München vor 41 Jahren im Sommer 1972 und deren blutigem Ende mit dem Tod aller neun Geiseln, von fünf Terroristen und einem Polizisten sowie mehreren Schwerverletzten bei der vollkommen missglückten Befreiungsaktion auf dem Militärflughafen Fürstenfeldbruck hätte man Entscheidendes lernen können.

Damals schon tummelten sich zahlreiche Pressevertreter im olympischen Dorf an der Frontlinie zwischen den Entführern und ihren Geiseln sowie der Polizei und dem mit den Terroristen verhandelnden damaligen Bundesinnenminister Hans-Dietrich Genscher und lieferten den Kidnappern via Fernsehen und Hörfunk jeweils aktuelle Lageberichte der polizeilichen Operationen frei Haus. So mussten mehrere Rettungsaktionen abgebrochen werden. Obgleich die Polizei ausreichend Zeit hatte, sich auf die geplante Befreiungsaktion in Fürstenfeldbruck vorzubereiten, gab es dann vor Ort nicht einmal genug Gewehre, Schutzhelme und Sicherheitswesten für die Scharfschützen im Einsatz. Erst in dem Augenblick, als die Terroristen Handgranaten zündeten und in die Hubschrauber mit den Geiseln warfen, erreichten auch die angeforderten und im Verkehrsgewühl stecken gebliebenen Panzerfahrzeuge den Flughafen, die zuvor am Tatort nicht verfügbar waren.

Beim „Gladbecker Geiseldrama“ jedoch wiederholten sich kardinale Fehler. Wieder versagten die Medien im Spannungsfeld ihres Auftrags zu aktueller und möglichst umfassender Berichterstattung und der Herstellung von Öffentlichkeit auf der einen und einer gebotenen Zurückhaltung im Interesse der Sicherheit der Geiseln und unbeteiligter Dritter auf der anderen Seite. Reporter wie der spätere „Bild“-Chefredakteur Udo Röbel und Journalisten wie Frank Plasberg boten den Tätern eine öffentliche Bühne und lieferten sich mit der Polizei wilde Verfolgungsjagden auf der Hatz nach Sensationellem. Im denkbar ungeeignetsten Augenblick erfolgte alle Rücksichtnahme auf das Leben der Geiseln beiseite schiebend der Einsatz- und Zugriffsbefehl einer vollkommen entnervten und heillos überforderten Polizeiführung.

Die Medienmeute zur Besinnung bringen

Zuvor hatten die Geiselgangster aufgrund eines vorangegangenen polizeilichen Versehens den erst 15-jährigen italienischen Schüler Emanuele De Giorgi in einem Bus bei Bremen erschossen und ein Polizist war bei einen Unfall ums Leben gekommen. Und wenige Wochen zuvor war just der Polizei in Bremen die Übung einer Geiselbefreiung in einem Omnibus als eine zu teure Maßnahme untersagt worden. Auch im Fall der „Gladbecker Geiselnehmer“ hatte kein Politiker und kein Polizeipräsident die Initiative ergriffen und mit Verlagsleitern oder Chefredakteuren abgestimmt, die „Medienmeute“ vor Ort zur Besinnung und zurück in die Redaktionen zu rufen, damit die Polizei geordnet agieren konnte.

Ein heilloses Desaster ereignete sich dann erneut vor rund 20 Jahren am 27. Juni 1993 bei einer Festnahmeaktion der berühmten GSG-9-Spezialeinheit auf dem mecklenburgischen Bahnhof in Bad Kleinen. Beim Versuch der Festnahme der RAF-Terroristen Birgit Hogefeld und Wolfgang Grams kam es wegen zahlreicher Kommunikationspannen und missverständlicher Funksprüche trotz des Einsatzes von insgesamt 59 Polizisten zu einer wilden Schießerei auf dem Bahnsteig, bei der der Polizist Michael Newrzella so schwer verletzt wurde, dass er im Krankenhaus starb. Auf dem gegenüberliegenden Bahnsteig wurde eine Schaffnerin von Polizisten angeschossen und der Terrorist Grams tötete sich auf den Gleisen schließlich selbst durch einen Kopfschuss.

Schweigend und in uns gekehrt passierten wir an jenem 18. August 1988 auf der Gegenspur die Unfallstelle, die zum Tatort geworden war. Auch der Staat kann das Leben seiner Bürger nur dann schützen, wenn alle Handlungsbeteiligten inklusive der Medien sich ihrer Verantwortung bewusst sind und die polizeilichen Einsatzleiter wie auch die politischen Repräsentanten sich ein zu kleinkariertes föderalistisches Denken versagen und mit mehr Weit- und Überblick agieren.

Kommunikation, Krisenmanagement und auch eine Abstimmung mit den Medien können eingeübt werden. Am besten immer wieder.

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