Das Seelenleben der Angela M.

von Richard Schütze20.05.2013Innenpolitik, Medien

Kanzlerin Angela Merkel liest ein ganz besonderes Manifest – und trifft den Papst. Unseren Kolumnisten erinnert das an eine ganz persönliche Begegnung mit der mächtigsten Frau Deutschlands.

Angela Merkel liest „Rerum Novarum“. Die ehemalige FDJ-Reformkommunistin und heutige Bundeskanzlerin studiert in diesen Tagen die erste der päpstlichen Sozialenzykliken. Das offenbarte die CDU-Vorsitzende den Teilnehmern der letzten Sitzung des Bundesvorstands vor Pfingsten am vergangenen Montag, dem 13. Mai.

Am 13. Mai 1917, im Jahr der bolschewistischen Oktoberrevolution, war den drei Hirtenkindern im heutigen portugiesischen Wallfahrtsort Fatima erstmals die Mutter Gottes erschienen. Am vergangenen Pfingstsamstag hat die Kanzlerin dann Papst Franziskus im Vatikan aufgesucht.

Das vor 122 Jahren im Mai 1891 veröffentlichte Lehrschreiben „Rerum Novarum“ von Papst Leo XIII. warnt ebenso vor einem ungezügelten Liberalismus als Ausdruck eines egozentrierten Individualismus wie vor dem zum Totalitarismus tendierenden kollektivistischen Sozialismus. Im Zentrum der kirchlichen Soziallehre aber steht die menschliche Person mit ihrer aus der Gotteskindschaft und -ebenbildlichkeit abgeleiteten unvergleichlichen Würde. Der Mensch ist aufgerufen, Freiheit, Gerechtigkeit, Solidarität und das Gemeinwohl zu verwirklichen.

Weht ein Hauch von Wahlkampf durch den Vatikan?

In dem Lehrschreiben, das als „Magna Charta“ der sozialen Fragen und der katholischen Soziallehre gilt, werden unter anderem ein gerechter Lohn und eine gemeinwohlorientierte Sozialpolitik, aber auch das Recht auf Privateigentum gefordert. Daneben reklamierte Papst Leo XIII. gegenüber sozialistischen Angriffen aber auch den Schutz von Ehe und Familie und die elterliche Fürsorge für ihre Kinder. „Rerum Novarum“, die Enzyklika über die „neuen Dinge“ oder den „Geist der Neuerung“, war die erste Sozialenzyklika in einer langen Reihe von Lehrschreiben der Päpste zu existenziellen sozialen Fragen, die bis hin zu „Caritas in Veritate“ (2009) aus der Feder von Papst Benedikt XVI. die Themen Gerechtigkeit und Liebe in Staat, Wirtschaft und Gesellschaft behandeln.

Sind die Bemerkung der Kanzlerin wie auch das Timing ihrer Rom-Visite aber bloße Wahlkampfinszenierungen, um konservative und christliche Wähler wieder stärker an die Union zu binden? Oder eine Vorsehung des Heiligen Geistes und seiner Gabe des guten Rates? Wollte Merkel vielleicht indirekt eine inhaltliche Positionsbestimmung markieren und sich zum christlichen Menschen- und Weltbild bekennen? Wollte sie verdeutlichen, dass auch für sie die auf der Natur der menschlichen Person und ihrer Eigenheiten und Eigenschaften gründende soziale Marktwirtschaft der erfolgversprechende Weg zwischen einem ungebändigten Kapitalismus und einem totalitären Kommunismus ist? Vielleicht von allem etwas. Ich erlaube mir kein Urteil. Schon gar kein vorschnelles.

Und Merkel sagte: „Jetzt“

Vielmehr denke ich zurück an eine Begegnung vor etwas mehr als zehn Jahren in einer bekannten rheinischen Kneipe an der Spree. Mitten im politischen Zentrum der Hauptstadt wurde an jenem Abend eine politische Persönlichkeit geehrt. Irgendwie ergab sich ein Gespräch mit Angela Merkel und irgendwie kamen wir auch auf die katholische Soziallehre und die evangelische Sozialethik zu sprechen. Die protestantische Pastorentochter bat mich, ihr einmal darzulegen, was es mit der katholischen Soziallehre auf sich habe. Auf meine Frage: „Wann?“ antwortete sie spontan: „Jetzt“.

Exakt 30 Minuten lang lauschte sie mitten im Getümmel wie gebannt einem Exkurs über die historische Entstehung der katholischen Soziallehre und einem kleinen Streifzug durch zentrale Dokumente und päpstliche Enzykliken, einem skizzenhaften Überblick über tragende Sozialprinzipien und einer kurzen Porträtierung relevanter Persönlichkeiten aus Sozialphilosophie und -ethik, Theologie, Ökonomie und Staatslehre. Meine abschließende Frage, ob sie alles verstanden habe, beantwortete sie mit einem klaren „Ja“; die Nachfrage, ob sie selbst noch Fragen dazu habe, beschied sie mit einem ebenso klaren „Nein“.

Wie auch immer ihre Einstellung zu den referierten Sachverhalten damals gewesen sein mag oder heute ist, zu welchem Zweck auch immer sie sich damals diese Erkenntnisse hat aneignen mögen: Ich weiß dies ebenso wenig wie ich der Kanzlerin damals wie heute ein wahres und nicht nur machtpolitisch motiviertes Interesse und eine wahrhaftige Reflexion absprechen mag.

Die Kanzlerin bietet Angriffsfläche

Niemand außer dem Heiligen Geist mag und kann im wahrsten Sinn des Wortes wissen, welche inneren Einstellungen und Haltungen ein Mensch im Laufe seines Lebens zu Grundfragen der menschlichen Existenz gewinnt, wie er reift und ob er sich wandelt. Von einer jungen Reformkommunistin mit altersbedingter und statustypischer Begeisterung für den real existierenden Sozialismus à la DDR über in späteren Jahren einige Sympathie für die zuweilen fundamentalistisch argumentierende Alice Schwarzer oder deren emanzipatorischen Feminismus bis hin zur partiellen Befürwortung der wissenschaftlichen Nutzung embryonaler Stammzellen und einer bestenfalls ungeschickten Kritik an dem deutschen Papst Benedikt XVI. wegen dessen Umgang mit Bischöfen der Pius-Bruderschaft reichen die Ansatzpunkte für weltanschaulich geprägte Kritik an Angela Merkel.

Die Kanzlerin aus dem Osten bietet Angriffsflächen. Merkel zieht es aber vor, sich nicht selbst zu rechtfertigen, sondern mit Stil und durch ihren Stil zu wirken. Über ihr Privat- und Innenleben erfährt die Öffentlichkeit nur in dosierter Form. Sie hat gelernt, dass die moralische Fallhöhe in öffentlichen Ämtern gewaltig ist und „Hosianna“ rufende Wegbegleiter schon morgen zur Kreuzigung bereit sein können. Oft hat sie auch selbst lange der Versuchung widerstanden und eigenen Ministern zunächst und solange sie dem politischen Druck standhalten konnte ihr „vollstes Vertrauen“ ausgesprochen. Dann aber hat auch sie wie im Fall des gefallenen Ministers und NRW-Spitzenkandidaten Norbert Röttgen kurzen Prozess gemacht oder sich über das Verhalten ehemals angesehener Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens wie Bayern-Manager Uli Hoeneß persönlich enttäuscht gezeigt. Sie weiß, dass auch sie nicht unfehlbar ist und frei von Tadel.

Eine haarige Angelegenheit

Aber Merkel versucht, Fehler zu vermeiden und sich nicht angreifbar zu machen. Die Kanzlerin wägt ihre Worte immer sorgfältiger und achtet sorgsam darauf, ihr Innerstes nicht auf den Marktplätzen und in den Medienforen dar- und feilzubieten. Umso akribischer suchen Medien- und Merkel-Beobachter Haare in jeder Merkel-Suppe und leuchten Merkel-Biografen und Merkel-Deuter jeden Winkel in ihrer Historie aus, um der „Sphinx aus der Uckermark“ heimzuleuchten. Dabei vernachlässigt die Augurenschar, dass auch im Politbetrieb vieles nicht strategisch vorausgesehen, geschweige denn vorweg geplant ist und manches sich aus einer Gelegenheit ergibt oder aufgrund günstiger oder widriger Umstände zustande kommt.

Vor allem aber wandeln Menschen ihre Anschauungen und können ihr Verhalten dank besserer Einsicht und Weisheit – zwei weiteren Gaben des Heiligen Geistes – korrigieren; gerade Angela Merkel scheint nach der Branchendiktion ein besonders „lernfähiges System“ zu sein. Vor allem aber hält auch die Kanzlerin, deren Kalkül arg viel zugetraut wird, nicht die Fäden der Geschichte in Händen. Für die Anhänger ihrer sich christlich titulierenden Partei dürfte dies allein der Geist sein, der lebendig macht – nicht nur zu Pfingsten.

Der Politbetrieb aber wird auf der Suche nach Merkels Seelenleben und ihren Gemütszuständen nur sich selbst finden: Menschen, die in Sachfragen Prinzipien ab- und Werte erwägen und die Machtverhältnisse einkalkulieren und politische Prozesse berücksichtigen müssen, wollen sie am Stoiber’schen „Ende des Tages“ etwas erreichen, was im Kohl’schen Sinne dann „hinten raus“ kommen kann. Und das dürfte – Gott sei Dank! – in jedem Menschenleben nicht nur Bullshit sein.

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