„Total verkackt“

von Richard Schütze29.04.2013Gesellschaft & Kultur

Wir haben doch keine Zeit. – Ob im Gymnasium oder an der Uni – in Deutschland wird Lernen und Lehren als Hochleistungssport begriffen, bei dem vor allem die Geschwindigkeit zählt. So ein Unsinn.

„Das war ja heute der größte Scheiß, den es gibt“, schrieb eine verzweifelte Ann-Christin im Netz und wütend sekundierte Schüler Marvin: „Wir haben alle richtig fett verkackt!“ Im Internet brach ein wahrer Shit Storm frustrierter Schüler gegen die umstrittenen Mathematik-Klausuren im diesjährigen NRW-Zentralabitur los, an dem sich schon rund 7.000 protestierende Schüler beteiligen.

Auch in Mathe versierte Pennäler sollen während der Klausuren die Brocken hingeworfen und mit Weinkrämpfen die Klassenzimmer verlassen haben. Aufgebracht demonstrierten mehrere hundert Abiturienten am vergangenen Dienstag vor dem Kultusministerium in Düsseldorf. Schulministerin Sylvia Löhrmann von den Grünen ließ die gestellten Aufgaben zwar von einer Fachkommission überprüfen, lehnte dann aber eine Wiederholung der Klausuren ab. Die Aufgaben seien „lehrplankonform, fachlich korrekt und bezüglich des Anspruchsniveaus angemessen gewesen“, urteilte die Ministerin; allerdings machte sie zugleich ein Hintertürchen auf. Die Lehrer sollten bei der Bewertung ihren Ermessensspielraum nutzen, sprich: versemmelte Klausuren nicht zu scharf und schlecht benoten.

Keinem geht ein Warnlicht auf

NRW ist ein klassischer Fall. Allein für die Mixtur einer Mathe-Klausur fürs Zentralabitur werden Heerscharen von Kultusbürokraten eingespannt: Verschiedene Teams von Mathelehrern stellen Aufgabensets zusammen, die dann von acht ausgesuchten Lehrern gerechnet werden. Dieses Potpourri wird dann einer Kommission von Mathematikern, Pädagogen und Schulaufsichtsbeamten zur Begutachtung vorgelegt. Vier Fachleute erstellen zudem ein wissenschaftliches Gutachten. Danach müssen sich dann wieder die Mathelehrer an den Schulen mit den Aufgaben befassen; eine Hotline im Ministerium nimmt eventuelle Einsprüche oder Warnhinweise entgegen. Wen wundert’s, dass nach solch extensiven Bürokratenschleifen kaum jemand in diesem selbstreferenziellen System ein Warnlicht aufging.

Verkürzte Schulzeiten von zwölf statt bislang dreizehn Jahren gibt es mittlerweile auch in NRW. 121.000 Schüler wollen als Doppeljahrgang in diesem Jahr ihr Abitur machen und kämpfen dabei um eine gute Durchschnittsnote, die ihnen den Zugang zu einem Studienplatz an den überfüllten Universitäten ermöglichen soll. In den meisten Fällen ist auch bei den traditionellen Gymnasiasten mit klassischen neun Jahrgangsstufen (G 9) und erst recht bei Schülern mit einer auf acht Jahre verkürzten Durchlaufzeit (G 8) aber ohne Nachhilfe kein Weiterkommen und schulischer Erfolg möglich.

Zwar stieg die Zahl der Abiturienten in Deutschland kontinuierlich auf mittlerweile 441.700 Schüler im vergangenen Jahr, doch hat man hierzulande aus den Pisa-Studien, die seit dem Jahr 2000 als Schulleistungsuntersuchungen alle drei Jahre von der OECD erhoben werden, offenbar auch falsche Schlüsse gezogen. Immer mehr Stoff in immer kürzerer Zeit in die Köpfe zu pressen, scheint die Devise der Kultusbürokratie zu sein, die mit ihrem Beamtenheer unter anderem in 16 Landesschulministerien und der Kultusministerkonferenz immer neue Lehrpläne ausheckt. Schon mit gesundem Menschenverstand aber wissen Eltern, einsichtige Pädagogen und erfahrene Psychologen, dass Kinder keine Hochleistungsmaschinen sind, die wie Formel-1-Renner druckbetankt werden und mit immer stärkerer Kompression auf immer heißeren Reifen in immer kürzerer Zeit immer schneller Zahlen, Daten und Fakten konsumieren und in Sinnzusammenhängen geordnet reproduzieren können.

Rasch Wissen reinstopfen

Doch das kultusbürokratische Wahnsystem monstert seine Lehrpläne Fach für Fach wie in einem interdisziplinären Wettrennen um das größte Stoffvolumen weiter auf, raubt Kindern Erlebnis- und Freizeit für Spiel und Sport und presst sie in Workaholic-Arbeitswochen, die selbst für ausgewachsene Topmanager die Gefahr eines veritablen Burnouts mit depressiven Angstzuständen, exzessivem Suchtverhalten und aggressivem Mobbing mit sich bringen würden. Dem täglichen Dauerstress mit überbordenden Hausaufgaben und extensiven Leistungsanforderungen begegnen die auf sich allein gestellten Eltern mit von willigen Ärzten verordneten Tabletten gegen Konzentrationsstörungen und ADHS-Zappelphilipp-Syndrome, deren Diagnosen offenbar flächendeckend und epidemisch sprunghaft ansteigen, sowie mit viel und teurer Nachhilfe.

Mittlerweile lebt eine ganze Industrie von schulischen Parallelanstalten, die sich als Lernwerke titulieren, von der Unfähigkeit der vom Steuerzahler reichlich finanzierten Schulbürokraten, Lehr- und Lerninhalte sinnvoll zu strukturieren und dabei Schwerpunkte zu setzen, die noch dem Kerngedanken einer gesamtmenschlichen Bildung und nicht nur der medikamentös unterstützten Heranzüchtung partieller Fähigkeiten dienen. Überall fehlt der Überblick; den Bürokraten über ihre vollgestopften Lehrpläne, den Lehrern über die immer lernunwilligeren, weil überforderten Schüler, den Eltern über ihren Geldbeutel und die Rundum-Beschulung ihrer Kinder, und den Schülern über die grundlegenden Zusammenhänge der sich differenzierenden Fächer und Spezialkompetenzen.

Der Devise „rasch Wissen reinstopfen, fit für den Arbeitsmarkt machen und dann schnell ab ins Berufsleben“ scheint sich auch die Ausgestaltung des Bologna-Reformprozesses an den deutschen Hochschulen verschrieben zu haben. Wer mit einem Abi aus der Turboschule ausgespuckt wird, lernt auch an der Uni entsprechend dem Humboldt’schen Bildungsideal nichts für sein Leben.

Der wichtigste Faktor: Zeit

Der 1999 in Bologna initiierte Angleichungsprozess, den die ehemalige Bundesbildungsministerin Annette Schavan als „europäische Erfolgsgeschichte“ anpreist, hat zwar bewirkt, dass Studienabschlüsse in den 47 am Bologna-Prozess beteiligten Ländern, darunter die Mitgliedstaaten der EU, vergleichbar sind und dass seit 1999 mehr als doppelt so viele deutsche Studenten auch im Ausland studieren und auch die Zahl der ausländischen Studenten in Deutschland auf 8,3 Prozent angestiegen ist. Doch mit dem verschulten Turbostudium mit sechs Semestern durchschnittlicher Regelstudienzeit für den Bachelor- und ein paar Semestern mehr für den Master-Abschluss anstelle des traditionellen Magisters und Diploms lässt sich in der Praxis nicht viel anfangen.

In vielen Unternehmen und Betrieben, die sich dies leisten können und auch über entsprechend qualifiziertes und erfahrenes Personal verfügen, finden umfangreiche Nachschulungen statt, mit denen Abiturienten und Uniabsolventen quasi neu aufgesetzt und an ein systematisches Recherchieren und Analysieren von Hintergrund- und fachübergreifendem Wissen, konzentrierte Detailarbeit und präzise Aufbereitung sowie eine Ver- und Einarbeitung ihrer gewonnenen Erkenntnisse herangeführt werden.

Profundes und eigenständiges wissenschaftliches Arbeiten oder auch nur hinreichende Grundkenntnisse in Grammatik und Orthografie werden an deutschen Schulen und auch an den Hochschulen offenbar nur noch in geringer Qualität vermittelt. Denn der wichtigste Faktor ist ausgeblendet: Zeit. Es fehlt die Zeit zur Besinnung und für eine betrachtende Reflexion der Welt und ihrer Sachverhalte. Es fehlt wertvolle Zeit für die Reifung der eigenen Persönlichkeit. „Johann, fahren Sie bitte langsamer“, wies der Chef aus dem Fond seinen Fahrer am Steuer an. „Chef, Zeit ist doch Geld“, widersprach der Chauffeur. „Eben, Johann, zeigen wir doch den Leuten, dass wir Geld haben.“

Noch Hoffnung für Schulbürokraten?

Geld hat die Kultusbürokratie im Bund und in den Ländern genügend. Viel Geld, mit dem sie sich auch selbst in Dutzenden Kommissionen, Apparaten und Unterorganisationen füttert. Dafür bürdet sie Eltern neue Verpflichtungen und brummt Unternehmen und Betrieben neue Verantwortlichkeiten auf. Vor allem aber nimmt sie den Lernenden wertvolle Lebens- und Lehrzeit weg. Es ist Zeit, höchste Zeit, diesen Wahnsinn zu stoppen und den Kulturbediensteten energisch den Weg raus aus ihrer Sackgasse zu weisen.

Dazu muss die Bürokratie gewaltig schrumpfen und die Bürokraten selbst zurück in die pädagogische Produktion und erneut auf die Schulbänke. Die Erkenntnisse von Hirnforschung und Neurobiologie müssen endlich verinnerlicht werden; nichts hat für den Lernerfolg von Menschen eine so zentrale Bedeutung wie ein guter und nicht nur fachlich qualifizierter Lehrer, der wirklich etwas vom wahren Lehren versteht und dies nicht mit irgendeiner Art von Frontalunterrichtung verwechselt. Vielleicht lässt sich ja der eine oder andere Schulbürokrat noch selbst zu einem veritablen Lehrer, dem Lernen als Erleben selbst Freude und Spaß bereitet, umschulen. Dann wäre allen fürs Erste schon mal geholfen.

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