Der Besserwisser

von Richard Schütze4.03.2013Innenpolitik

Peer Steinbrück kann ein Wünsch-Dir-was-Programm für jedermann aufbieten. Der Wähler muss sich entscheiden zwischen vorläufigem Auf-Sicht-Fahren und es besser wissen.

„Das tut mir leid“, sprach er in ruhigem, aber entschiedenem Tonfall und fixierte mit ernster Miene sein Publikum. Es war aber nicht das Bedauern über seine erneute außenpolitische Entgleisung, bei der er die Überraschungssieger der italienischen Parlamentswahlen, den umstrittenen Medienunternehmer und ehemaligen Regierungschef Silvio Berlusconi und den Komiker Beppe Grillo, als „Clowns“ bezeichnet und damit den italienischen Staatspräsidenten Giorgio Napolitano genötigt hatte, ein gemeinsames Abendessen mit ihm in Berlin abzusagen. Mag sein, dass Berlusconi mit seiner Bunga-Affäre sogar Anlass gegeben hatte, ihm zusätzlich einen signifikanten „Testosteron-Schub“ zu attestieren.

Der „begnadete Polemiker“

Doch SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück dozierte nicht über die von ihm immer wieder und gern betretenen Fettnäpfchen, sondern rechtfertigte vor 2.850 in ein Berliner Hotel geladenen Gästen des Bundesverbandes der Mittelständischen Wirtschaft (BVMW) minutiös die im SPD-Wahlprogramm aufgeführten Steuerpläne. Deutschland erscheine vielen wie Alice im Wunderland, hob der Kandidat an. Doch gebe es inklusive Leih- und Zeitarbeit rund 8 Millionen Menschen in prekärer Beschäftigung und eine klare „Drift in der Einkommens- und Vermögensverteilung“, arbeitete er dialektisch heraus. Das werde auf die Dauer auch in den oberen Etagen der Gesellschaft für Unruhe sorgen. Die SPD denke aber, suchte er aufkeimende Sorgen zu zerstreuen, nicht an eine Substanzbesteuerung der Unternehmen, sondern wolle nur die Einkommen- und Erbschaft- sowie die Abgeltungsteuern wieder erhöhen, die Steuervergünstigungen für Hoteliers zurücknehmen und die Vermögensteuer wieder einführen.

„Einige von Ihnen“, referierte der Kandidat genüsslich, „haben geglaubt, die schwarz-gelbe Regierung ohne die Sozis werde die Steuern senken.“ Wirkpause. Man hätte die berühmte Stecknadel zu Boden fallen hören können. Dass die bürgerliche Koalition von Angela Merkel in Sachen Steuerreform und Entlastung des Mittelstandes nicht viel zu Wege gebracht hat, diese Schlussfolgerung überließ der Redner wie ein reflektierend die Gewissenserforschung formulierender Exerzitienmeister seinem Publikum, um dann zu dem unausgesprochen eingestandenen Irrtum in stillschweigender Hoffnung auf Besserung mit einem pseudosolidarischen „das tut mir leid“ sein den Gewissensbiss noch verstärkendes Mitgefühl auszusprechen.

Nur mühsam unterdrückt der „begnadete Polemiker“, der nach Meinung von Gabor Steingart „mehr Publizist als Redner“ ist und in der Nach-Helmut-Schmidt-Ära eine „glänzende Besetzung“ als „Zeit“-Herausgeber wäre („Handelsblatt“, 28. Februar), in solchen Momenten seine Schadenfreude. Steinbrück braucht den Gegenwind wie ein Adler den Aufwind zum Höhenflug, er durstet nach einem ihm skeptisch gegenüberstehenden Publikum. Das ist sein Geläuf, hier ist er in seinem Element. Kaum jemand in der politischen Arena vermag so wie er vollkommen frei sprechend mit analytischer Schärfe, intellektueller Brillanz und geschliffener Argumentation ein politisches Szenario aufzufächern. In kurzen Sätzen und schnellem Stakkato hämmert Steinbrück mal drei, mal fünf Begründungen für eine Kernaussage ins Publikum; dazu passend Zahlen, Daten und Fakten. Ab und zu fließen auch Fremdworte und soziologische Fachbegriffe in seine Rede ein. Er spricht dann nicht mehr im Habitus eines Politikers, sondern im Stil eines professoral Gelehrten. Die Debatte auf Augenhöhe mit dem Bildungsbürgertum liegt ihm und darin ist er schwer zu schlagen.

„Masterplan“ gleich dem „Man to the Moon“-Projekt

Wärme zu verbreiten, eine volkstümliche Atmosphäre mit Klamauk und Politplattitüden herzustellen und die aufbrausende Politagitation, das ist nicht sein Ding. Eher eine fast höhnisch Feststellung wie: „Selbstverständlich haben wir in Europa längst eine Haftungsgemeinschaft und eine Transferunion – was dachten Sie denn?“ Die hervorgerufene Schockstarre genießt er sichtlich und resümiert in befriedigter Sanftheit: „Sagen wir es doch einfach auch den Menschen.“

Die Rolle von Einpeitschern und Stimmungsmachern, wie Sigmar Gabriel sie zu spielen versteht, liegt ihm nicht. In diesen für ihn unpässlichen Situationen verleitet Steinbrück die Sehnsucht nach Originalität und Zuspitzung dazu, sich mit übertriebener Süffisanz selbst eine Fallgrube zu schaufeln und dann auch unrettbar in diesem rhetorischen Grab unterzugehen. Jene Kavallerie, die er gegen die Schweizer Steuerindianer in die eidgenössischen Reservate schicken wollte, war einer dieser Rohrkrepierer aus der Serie „unfreiwillige Komik und ‚Clowns‘“.

Für Kanzlerin Merkel bedeutet dies, dass sie sich für die direkte Konfrontation in den anvisierten Kanzlerduellen wappnen muss; mit gutem Grund will die CDU-Vorsitzende nur einen gemeinsamen TV-Auftritt mit Steinbrück absolvieren. Denn er würde ihr vorhalten, in puncto Abschaffung der allgemeinen Wehrpflicht, Atomausstieg, Euro-Staatsschuldenkrise, Mindestlohn und Homoehe die „größte Umfallerin Deutschlands“ (Hannelore Kraft) zu sein und sich nach langem Zögern und Zaudern „am Ende der Mehrheit anzuschließen“. Für die Bewältigung der großen Krisen fordert der Kandidat einen „Masterplan“ gleich dem „Man to the Moon“-Projekt von John F. Kennedy. Den wird die Kanzlerin spätestens dann liefern und dabei ihre Partei zusammenhalten müssen. Da hat es der Herausforderer leichter; er kann ungebremst und mit rhetorischer Akrobatik ein „Wünsch Dir was“-Programm für jedermann aufbieten. Der Wähler muss sich entscheiden zwischen vorläufigem Auf-Sicht-Fahren und es besser wissen.

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