Der gerechte Lohn

von Richard Schütze24.02.2013Gesellschaft & Kultur, Wirtschaft

Wie viel darf ein Top-Manager verdienen? Der Fall des scheidenden Novartis-Präsidenten Daniel Vasella zeigt, dass die ganz großen Exzesse nicht mehr geduldet werden. Und dass es Alternativen gibt.

Das hatte sich Daniel Vasella (59) anders vorgestellt. Der zum internationalen Topmanager avancierte Schweizer Oberarzt, von 1996 bis 2010 Chief Executive Officer und seit 1999 zusätzlich bis zum Donnerstag in der vergangenen Woche auch Verwaltungsratspräsident von Novartis, gehörte schon immer zu den bestbezahlten Managern in Europa. Unter seiner Ägide war Novartis zum weltweit zweitgrößten Pharmahersteller aufgestiegen. Mit der kostenfreien Abgabe von Lepramedikamenten und vielen weiteren Aktivitäten hatte sich der 1996 aus der Fusion von Ciba-Geigy und Sandoz hervorgegangene Konzern bemüht, eine nachhaltige und auch ethisch fundierte Reputation zu erwerben. Vasella konnte auf der langjährigen Arbeit von Ciba-Chef Alex Krauer aufbauen, der nach der Fusion von 1996 bis 1999 als Präsident von Novartis den Übergang zur Ära Vasella moderierte.

Der Fall Vasella

Während der zurückhaltend auftretende Krauer in der Schweiz als „Ikone des Vertrauens“ mit „unantastbarer Glaubwürdigkeit“ („Bilanz“) nahezu wie ein Heiliger verehrt wird und größte Sympathie genießt, ist Vasella mit seiner US-amerikanisch geprägten Managementkultur fast zu einer Hassfigur geworden. Von Krauer wird berichtet, er sei mit der Tram in die Firma gefahren und habe einen mausgrauen Volvo benutzt. Vasella hingegen ließ sich mit dem Hubschrauber von seinem Wohnsitz im günstigsten Schweizer Steuerkanton Zug nach Basel einfliegen. Sein mit Novartis ausgehandelter „Abdankungs“-Vertrag über zwölf Millionen Schweizer Franken jährlich sollte dem Manager über sechs Jahre insgesamt 72 Millionen Schweizer Franken oder umgerechnet 58 Millionen Euro in die private Schatulle spülen. Dafür wollte der Spitzenmanager ein ihm offenbar vorliegendes Angebot eines Konkurrenten ausschlagen und Novartis auch weiterhin treu zur Seite stehen.

Das aber schlug dem Fass den Boden aus. Von der Schweizer Bischofskonferenz bis zum Nationalrat war die eidgenössische Öffentlichkeit erst ungläubig entsetzt und dann nachhaltig empört; gut zwei Drittel der Schweizer befürworten nun eine Volksinitiative gegen Abzockerei, die das Schweizer Aktienrecht fundamental verschärfen könnte. Dass Mitarbeiter sich mithilfe von Know-how, das sie in den sie beschäftigenden Unternehmen erworben haben, sowie mit angeeigneten kundenrelevanten Daten und Kontakten selbstständig machen oder auch zur Konkurrenz wechseln, ist in unserer Gesellschaft fast schon der Normalfall. Bei den Handelnden, auch vielen ansonsten sich ethisch gerierenden Auftraggebern und Partnern, verursacht dies keinerlei Gewissensbisse. Zumeist wird die Situation bedenkenlos ausgenutzt. Allenfalls blickt man verschämt zur Seite oder duckt sich feige weg, wenn man dem ehemaligen Arbeitgeber oder Geschäftspartner begegnet. Die in einem „Wirtschaftskrieg“ eskalierten Auseinandersetzungen beim Wechsel des Automanagers Ignacio Lopez 1993 von Opel zu Volkswagen als eine Spitze des Eisbergs scheinen wenig bewirkt zu haben.

Im Fall Vasella hinterfragt die Öffentlichkeit, welches Wissen denn so brisant und welches Können so exorbitant ist, dass es nicht bereits mit den jährlichen Vergütungen in zweistelliger Millionenhöhe bestens abgegolten und ob nicht jeder Mitarbeiter eines Unternehmens schon arbeitsvertraglich zu absolutem Stillschweigen über alle relevanten Vorgänge auch nach seinem Ausscheiden verpflichtet ist. Wären Kompetenz, Kenntnisse und Kontakte aber so unverzichtbar, wie dies die Novartis-Gremien bei Vasella offenbar einschätzen, so stellt sich die Frage, ob es sich dieser Weltkonzern überhaupt leisten kann, auf die Mitwirkung dieses besonderen Managers in einer Führungsposition zu verzichten. Vasellas Ausweich- und Ablenkungsmanöver, den Nettobetrag nach Abzug von Steuern und Sozialabgaben für gemeinnützige Zwecke zur Verfügung stellen zu wollen, konnte zu dessen Verblüffung nicht mehr verfangen.

Verantwortung für das gesamte Unternehmen

Was bei Microsoft-Gründer Bill Gates und SAP-Eigner Hasso Plattner – wenn sie sich nicht untereinander über den Beitritt zu ihren Wohltätigkeitsinitiativen streiten – funktioniert, fruchtet bei Managern selten. Gates und Plattner sind als Mäzene, Sponsoren und Spender bekannt und anerkannt. Sie verfügen dabei aber über eigenes Vermögen; Vasella jedoch wollte dem Gemeinwohl mit Geldern dienen, die er zuvor dem ihn beschäftigenden Unternehmen entziehen würde. Mit Recht aber mahnt der Verfassungsrechtler Paul Kirchhof an, dass die sozialwirtschaftliche Marktordnung zum Raubtierkapitalismus degenerieren und das Institut des Privateigentums an Produktionsmitteln und mit ihm das Unternehmertum erheblichen Schaden nehmen kann, wenn die Verbindung zwischen privatem Eigentum, unternehmerischer Verantwortung und persönlicher Haftung aufgehoben wird.

Die Unternehmer und Firmeneigentümer Madeleine Schickedanz (Karstadt/Quelle/Arcandor), Adolf Merckle (Ratiopharm/HeidelbergCement u.a.) und Maria-Elisabeth Schaeffler (Schaeffler-Gruppe/Ina) könnten davon ein Lied singen, wie anspruchsvoll und hart eine unternehmerische Existenz sein kann. Schickedanz verlor 2009 aufgrund des Missmanagements ihrer Topmanager nahezu ihr gesamtes Vermögen, Merckle sah im Januar 2009 nur noch im Freitod einen Ausweg aus seinem unternehmerischen Dilemma und Schaeffler kämpft bis heute mit den Folgen der Übernahme von Continental just zu Beginn der durch die Banken- und Finanzkrise ausgelösten Autokrise im Jahr 2008.

Wer zur Kaste der Topmanager gehört, dem obliegt die Verantwortung für das Wohl und Wehe von Unternehmen, für deren eventuellen Niedergang er, strafbares Verhalten ausgeklammert, allenfalls mit einem Boni-Verzicht oder anderen Gehaltseinbußen haftet. Nach Nomaden-Art oder wie ein Fußballtrainer als Legionär von einer zur anderen Firma zu wandern und dabei von dem Beziehungsgeflecht in den oberen Etagen der Konzerne wie durch ein Sicherheitsnetz getragen zu werden, verstärkt den Verdacht, anonymisierte Wirtschaftskonglomerate in Form juristischer Personen seien Kennzeichen für den Übergang in das Zeitalter des Managersozialismus. Dazu passt die Art, wie Transparenz vermieden und die Offenlegung von Zahlen, Daten und Fakten umgangen wird. Bei Novartis ist nun gar von einem neuen Beratervertrag für Daniel Vasella die Rede; anstatt dies offen darzustellen, wird weiter geheimnist, neuer Unmut erregt und lieber mit der Vorbereitung einer Strafanzeige nach dem Verräter in den eigenen Reihen gefahndet. So aber ruiniert man sein Image in kürzester Zeit.

Topmanager sind weder Spitzensportler noch Rockstars

Martin Winterkorn scheint die Zeichen der Zeit erkannt zu haben. Der VW-Chef hat am vergangenen Freitag den Aufsichtsrat auf eigenen Antrag über eine Deckelung seiner Bezüge auf allenfalls 14,5 Millionen Euro entscheiden lassen. Er vergleicht sich nicht mit Showstars und Spitzensportlern. Sportler müssen innerhalb weniger Jahre mit Höchstleistungen überzeugen und opfern dafür viel Freizeit, Genuss und nicht selten auch ihre Gesundheit. Wer versagt oder fällt, wird zumeist von niemandem aufgefangen. Udo Jürgens mag immense Summen verdienen und die Gagen-Hitliste im deutschsprachigen Raum mit weitem Abstand anführen; doch der 78-jährige Komponist und Sänger begeistert mit dreistündigen Liveshows und einem unglaublichen physischen Einsatz an Klavier und Mikrofon sein freiwillig zahlendes Publikum und steht weiter im Zenit seines künstlerischen Schaffens.

Wenn nun in Deutschland in der Stahl- sowie der Metall- und Elektroindustrie und anderen Branchen neue Tarifverhandlungen beginnen, dann geht es wieder um die Frage nach dem gerechten Lohn. Produktivitätszuwachs, Inflationsausgleich und eine Umverteilungskomponente waren immer Parameter der Lohnfindung. Die Macht der Arbeitgeber ist mit der Gegenmacht der Gewerkschaften konfrontiert. Auch die Diskussion um Mindestlohn, Lohnuntergrenzen und Zeitarbeit hält weiter an. Für den Zusammenhalt einer Gesellschaft aber ist es wichtig, dass das Gerechtigkeitsempfinden der Menschen berücksichtigt wird. So hat der „Bund Katholischer Unternehmer“ vorgeschlagen, die Managergehälter in ein angemessenes Verhältnis zur Mitarbeiterbesoldung zu setzen. Das könnte ein erster Schritt sein zu mehr Gerechtigkeit – wenn auch der gerechte Lohn hier auf Erden nicht zu finden ist.

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