Der Teufel übertreibt

von Richard Schütze24.09.2012Innenpolitik

Die Proteste gegen das islamfeindliche Video namens Unschuld der Muslime machen vor allem eines deutlich – wir brauchen einen viel tieferen Dialog über das Verhältnis von Religion und säkularem Staat.

In Teilen der muslimischen Welt kochen die Gemüter. Die Ausschreitungen bei Kundgebungen und Demonstrationen in Bangladesch und Pakistan gegen das in den USA produzierte islamfeindliche Schmähvideo „Unschuld der Muslime“ haben dort schon mindestens zwanzig Menschen den Tod gebracht, Hunderte wurden verletzt. Der pakistanische Eisenbahnminister Ghulam Ahmad Bilour hat ein Kopfgeld in Höhe von hunderttausend Dollar für die Ermordung des Produzenten ausgelobt und die Taliban sowie das Terrornetzwerk al-Qaida aufgefordert, sich dieser „noblen Sache“ anzuschließen. Offenbar hält er nur diese Killerorganisationen für professionell gerüstet und qualifiziert genug, seinen öffentlichen Mordaufruf auch im westlichen Ausland erfolgreich umzusetzen, oder er will seinem mörderischen Ansinnen zumindest hinreichend Nachdruck verleihen und dem Westen entsprechende Ängste einflößen. Obgleich Pakistan im Antiterrorkampf offiziell an der Seite des Westens und insbesondere der USA steht, ist mit einer Abberufung des Ministers durch seinen Regierungschef oder gar einem Rücktritt aus freien Stücken nicht zu rechnen. Vielmehr findet der unverhohlene Terroraufruf des Ministers insbesondere in Peschawar, seiner Heimat, rundum breite Zustimmung und trifft dort offenbar auch Volkes Seele.

In Deutschland zeigen sich die Muslime bislang besonnen und gewaltfrei

Derweil breiten sich im Westen Sorgen und Hilflosigkeit aus. Die Staats- und Regierungschefs bekunden ihr Bedauern und verurteilen das Video. Botschaften, Institute und andere Einrichtungen in islamischen Ländern werden geschlossen. Die Mitarbeiter reisen hastig ab oder verbarrikadieren sich und richten sich auf eine Rundum-Verteidigung ein. Die nationalistische Gruppierung „Pro Deutschland“ nutzt obszön die Gelegenheit, um mit ihrer Ankündigung einer öffentlichen Vorführung des Videos in Berlin die Bundesregierung zu provozieren und vorzuführen. Schon springen einige Minister und auch Bundeskanzlerin Angela Merkel über das vorgehaltene Stöckchen und räsonieren reflexartig über ein Verbot der Aufführung, da dies die öffentliche Ordnung zu gefährden drohe. Dabei zeigen sich die Muslime in Deutschland bislang besonnen und demonstrieren wider Erwarten vollkommen gewaltfrei. Bei der Verunglimpfung religiöser Gefühle und der Schmähung von religiösen Symbolen auch mit – je nach Anschauung – nur vorgeblichen Mitteln der Kunst und Satire lassen sich hierzulande drei Kategorien grob unterscheiden. Mit null Toleranz wird der Schmähung der jüdischen Religion und der Leugnung des Holocaust begegnet. Die planmäßige Ermordung von sechs Millionen Menschen jüdischen Glaubens in Deutschland gilt als derart barbarisch und menschenfeindlich, dass schon eine öffentlich geäußerte falsche Tatsachenbehauptung, dieser Genozid habe nicht oder nicht in der überlieferten Weise („Auschwitzlüge“) oder nicht in dem berichteten Ausmaß stattgefunden, als Volksverhetzung gemäß § 130 Absatz 3 Strafgesetzbuch strafbar ist. Und der sich ansonsten sogar über das linksintellektuelle Milieu hinaus großer Beliebtheit und Anerkennung erfreuende Filmemacher Rainer Werner Fassbinder hat sich mit seinem umstrittenen Theaterstück „Der Müll, die Stadt und der Tod“ schon 1975 dem Vorwurf, ein „antisemitisches Machwerk“ produziert zu haben, erwehren müssen; bis heute ist die Diskussion über dieses Drama nur wenig abgeebbt. Das Kainsmal der nationalsozialistischen Judenverfolgung ist – verständlicher Weise – besonders in Deutschland tief eingebrannt; gesellschaftsfähig ist hierzulande allenfalls ein recht behutsamer Humor, wenn etwa in Deutschland hoch verehrte jüdische Literaten wie Ephraim Kishon oder der viel Aufmerksamkeit genießende Journalist Henryk M. Broder selbst jiddische Witze wiedergeben. Demgegenüber gelten eine rabiate Kritik und Schmähungen christlicher Symbole oder Gestalten bis hin zu einer von Christen als Gotteslästerung empfundenen Schmähkritik auch am Namensgeber dieser monotheistischen Religion, Jesus Christus, als belanglos. Auch das die historischen Tatsachen verdrehende Theaterstück des Dramatikers Rolf Hochhuth von 1963, „Der Stellvertreter“, über die angebliche Gleichgültigkeit von Papst Pius XII. gegenüber dem Holocaust, kann ebenso weiter aufgeführt werden wie eine erneute Publikation von Urinflecken auf päpstlichen Soutanen in Satiremagazinen à la „Titanic“ ohne eine auffällige öffentliche Erregung nach der Rücknahme von zunächst eingeleiteten rechtlichen Schritten seitens der katholischen Kirche möglich ist. Man zuckt allenfalls die Achseln und geht zur Tagesordnung über. Das zentrale Symbol des Christentums für die göttliche Liebe und die Erlösung des Menschen aus Schuld und Verfehlung, das Kreuz, ist sogar gänzlich unabhängig von einem religiösen Bekenntnis zum alltäglichen Modeartikel geworden, der als Anhängsel Millionen Halsketten auch von Nichtgläubigen ziert.

Die islamische Welt steht erst am Anfang

Während sich aus den jüdisch und christlich geprägten Gesellschaften in den Jahrhunderten seit der auf Christi Geburt datierten Zeitenwende säkulare Rechtsgemeinschaften und Staaten entwickelt haben, die Menschen- und Grundrechte hervorgebracht haben und anerkennen, steht die islamische Welt erst am Anfang einer Entwicklung hin zu einer Akzeptanz von Pluralismus und Toleranz. Noch immer wird die im Koran begründete Heilsgeschichte von den islamischen Eliten mit der Säkulargeschichte ihrer Völker und einer islamisch verfassten Staatlichkeit gleichgesetzt. Der in Rom lehrende Philosoph und Politikwissenschaftler Martin Rhonheimer zeigt in seinem Werk „Christentum und säkularer Staat“ auf, wie insbesondere das Christentum sich in vielen heftigen Konflikten und tragischen Verwicklungen in einem langen historischen Prozess immer mehr von der Politik emanzipiert hat und deren Eigengesetzlichkeit und Eigenständigkeit zu respektieren gelernt hat. Papst Benedikt XVI. hat vor einem Jahr in seiner Freiburger Rede die „Entweltlichung der Kirche“ im Sinne eines Dualismus des geistlichen Lebens der Christen als Gläubige bei einer gleichzeitigen Wahrnehmung ihrer weltlich-politischen Verantwortung als Staatsbürger herausgestellt. Den islamischen Gesellschaften steht dieser historische Prozess noch bevor. Das weltweit verfügbare Internet, die fortschreitende Alphabetisierung, der Massentourismus und die ökonomischen Verflechtungen der globalisierten Welt dynamisieren diese Entwicklung, die sich auch in Gewaltausbrüchen ihrer Ohnmachtsgefühle zu entledigen sucht. Wir helfen der Entwicklung hin zu mehr Verständnis und Toleranz aber nicht, wenn wir der Gewalt Raum geben und uns zurückziehen. Statt nur mit vor allem mehr Ordnungs- und Polizeirecht und vornehmlich gegen die Störer von öffentlichem Frieden und vermeintlicher Eintracht vorzugehen, muss endlich auch ein viel tieferer Dialog über das Verhältnis von Religion und säkularem Staat und über politische Meinungs- und die Religionsfreiheit (übrigens auch für die Christen in der islamischen Welt) geführt werden.

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