Neu-Metall

von Richard Schütze17.09.2012Innenpolitik

Rainer Dulger folgt auf Martin Kannegiesser als neuer Gesamtmetallpräsident. Auf den Neuen wartet ein Mammut-Projekt, bei dem er an alte Erfolge anknüpfen muss.

Seine Fußstapfen sind riesig. Zwölf Jahre lang präsidierte der in Posen geborene Mittelständler Martin Kannegiesser Deutschlands bedeutendsten Arbeitgeberverband „Gesamtmetall“. Mit 70 Jahren übergibt der Unternehmer, dessen Firma mit der Herstellung von Aggregaten für moderne Großwäschereien zum Weltmarktführer im Bereich der industriellen Wäschereitechnik aufstieg, die Leitung des für die exportabhängige Volkswirtschaft am High-Tech-Standort Deutschland entscheidenden Verbandes nun in jüngere Hände. Kannegiesser trug entscheidend mit dazu bei, den jahrzehntelangen tief greifenden Klassenkampf mit den deutschen Gewerkschaften, allen voran mit der größten Einzelgewerkschaft der Welt, der IG Metall, zu entschärfen. Die noch in den 60er- und 70er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts sich als marxistische Vorkämpferin fühlende Gewerkschaft, die ein der sozialen Marktwirtschaft konträr gegenüberstehendes sozialistisches Wirtschaftssystem propagierte und den von ihr empfundenen Grundwiderspruch zwischen Kapital und Arbeit durch eine umfassende Vergesellschaftung des Kapitals überwinden wollte, hat sich in den vergangenen Jahrzehnten zu einer staatstragenden Ordnungsmacht entwickelt. Dies ist auch auf die beharrliche Dialogbereitschaft Kannegiessers bei gleichzeitiger Prinzipientreue zurückzuführen.

Martin Kannegiesser: Systemintegrator und Moderator

Sein Konzept einer Verantwortungs- und Sozialpartnerschaft hat bewirkt, dass trotz aller Härte in Tarifauseinandersetzungen und Arbeitskämpfen das Klima zwischen Arbeitgebern und Unternehmern auf der einen und den Gewerkschaften auf der anderen Seite aufgetaut ist. Scheinbar unvereinbare Positionen zwischen „flächentarifvertraglichen Regelungen“ und „betriebsnahen Lohnfindungen“ wurden von dem gewieften Tarifpolitiker in dem sogenannten „Pforzheim-Kodex“ des Metalltarifvertrags von 2004 aufgelöst. Neben den mit den Gewerkschaften ausgehandelten Rahmenbedingungen spielen inzwischen immer mehr auch der jeweiligen ökonomischen Situation in den Unternehmen gerecht werdende betriebliche Vereinbarungen mit den Arbeitnehmervertretern vor Ort, den Betriebsräten, eine Rolle; die Begriffe Kooperation und Flexibilität sind mit Kannegiessers Interpretation der Präsidentschaft von Gesamtmetall eng verbunden. Diese Funktion eines „Systemintegrators“ und „Moderators“ will Rainer Dulger als neuer Gesamtmetallpräsident von seinem Vorgänger Kannegiesser übernehmen. Der 48-jährige Heidelberger Zweimetermann und promovierte Maschinenbauer sieht in der Anerkennung der Tarifautonomie und einer vom Gesetzgeber zu leistenden Heilung der Tarif- und damit einer Bewahrung der Koalitionseinheit anstelle einer weiteren Zersplitterung durch die von Funktionseliten wie den Lokführern, den Fluglotsen oder den Flugbegleitern in rabiat egoistischen Verteilungskämpfen herbeigeführte Aufsplitterung der Tariflandschaft eine wesentliche Voraussetzung für die weitere wirtschaftliche Entwicklung in Deutschland. Betrieblicher Frieden und Planungssicherheit für die Unternehmen sind für ihn entscheidende Größen; dabei muss der Unternehmer, der gemeinsam mit seinem Vater und seinem Bruder in einer weltmarktführenden und auch technologisch als globaler „hidden champion“ aufgestellten Unternehmensgruppe 2.300 Mitarbeiter, davon 600 in Deutschland, beschäftigt und Wasseraufbereitungsanlagen und Dosierpumpen herstellt, den Spagat zwischen den Interessen von Großkonzernen und mittelständischen Unternehmen, von Elektrofirmen und Maschinenbauern und von Autoherstellern und deren Zulieferern in zum Teil auch sehr unterschiedlichen konjunkturellen Situationen bewältigen. 3,7 Millionen Beschäftigte verdienen Lohn und Brot in Deutschlands größter Branche, der Metall- und Elektroindustrie; 6.300 Unternehmen wie Siemens, BMW, Daimler und Bosch sind Mitgliedsunternehmen in den im Dachverband Gesamtmetall zusammengeschlossenen regionalen und Bezirksarbeitgeberverbänden der Metall- und Elektroindustrie und bringen damit rund 2 Millionen Arbeitnehmer auf die ökonomische und sozialpolitische Waage. Der katholische Christ, Hobbypilot und sich als „neokonservativ“ („Die Zeit“, 13. September 2012) bezeichnende Vater zweier Söhne, für den privat die Familie an erster Stelle steht, weiß, dass die soziale Gerechtigkeit in der Ordnung der sozialen Marktwirtschaft neben der globalen Wettbewerbs- und Innovationsfähigkeit ein maßgeblicher Erfolgsfaktor ist und bleiben wird.

Dulger muss Kannegiessers Arbeit fortführen

Nicht nur bei den Themen Zeitarbeit und Mindestlohn, Berufung von Frauen in Führungspositionen bei gleichzeitiger Berücksichtigung der Belange der Familien, bei der Begeisterung der Jugend für die Naturwissenschaften und der Befähigung auch von bildungsschwächeren Auszubildenden für ein qualifiziertes Berufsleben wird Dulger auf die Zusammenarbeit mit den Gewerkschaften und auch mit der Politik angewiesen sein. In Deutschlands industrieller Herzkammer Baden-Württemberg hat er sich seit 2009 als Präsident des Arbeitgeberverbands Südwestmetall seine Sporen verdient und den Tarifverhandlungen zu Jahresbeginn auch seinen Stempel aufgedrückt. Im Südwesten „brummt der Exportmotor auch weiterhin“, die Betriebe seien „wettbewerbsfähiger denn je“ und „mit 2,4 Prozent liegt die Jugendarbeitslosigkeit in Baden-Württemberg so niedrig wie nirgendwo in Europa“, resümiert Dulger selbstbewusst. „Wir können also mit Fug und Recht feststellen: Baden-Württemberg ist ein Musterland für gute Arbeit“, konstatiert der neue Präsident. Jetzt muss Dulger das auch für ganz Deutschland umsetzen – selbst wenn im kommenden Jahr mit dem IG-Metall-Vorsitzenden Berthold Huber ein weiterer Grande der Sozialpolitik die Bühne verlassen und einem Jüngeren Platz machen wird.

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