Das Ende der Fahrgemeinschaft

von Richard Schütze2.07.2012Außenpolitik, Innenpolitik, Wirtschaft

Der europäische Fahrplan hat sich geändert – welcher Zug wohin fährt, kann Bahnvorsteherin Angela Merkel noch nicht sagen. Fest steht, Deutschland muss die Fahrscheine der Südeuropäer subventionieren.

Wir leben in einem Zwischenraum wie in einem Wartesaal, und wissen nicht genau, was kommt. Vielleicht ein „Eurocity“, der über Stock und Stein in Richtung „Vereinigte Staaten von Europa“ rattert. Oder ein „Intercity“, der von Metropole zu Metropole eilend die Vaterländer des Kontinents weiter miteinander verbindet. Vielleicht kommt auch erst mal nur ein „Regionalexpress“, der durch die Provinz zuckelt. Unsicherheit und Erwartung, aber auch Sorgen und Befürchtungen machen sich breit. Niemand kann so richtig und mit Gewissheit Auskunft geben. Dabei wüssten die Reisenden hierzulande gern, wohin es nun gehen soll. Muss man noch rasch Geld abheben, um unterwegs genug dabeizuhaben und versorgt zu sein? Oder ist die bevorstehende Reise doch so unsicher, dass man sein Geld besser auf der Bank lässt und nur mit leichtem Gepäck unterwegs ist? Sollte man vielleicht sogar vor Antritt der Reise Hab und Gut in Deckung bringen oder sich gar nicht erst auf den Weg machen, sondern eine Immobilie erwerben und sich auf der eigenen Scholle festkrallen? Und mit dem Rest des Ersparten einen Schatz anlegen und diesen nach guter alter Sitte unter dem Kopfkissen verstecken oder auf einem Acker vergraben?

Keine Verbindung ins Euroschuldenland

Weichensteller Wolfgang Schäuble versucht, die Reisenden zu beschwichtigen und ihre Ängste zu zerstreuen. Es gehe in jedem Fall schon weiter, das sei gewiss, und man sei ganz zuversichtlich, dass ein Zug kommen werde. Er werde die Weichen schon in die richtige Richtung stellen. Seine Chefin, Bahnvorsteherin Angela Merkel, versichert, es gebe auf keinen Fall einen Zug nach nirgendwo. Solange sie lebe, werde es auch keine Verbindung ins Euroschuldenland mit seinem gefährlichen Treibsand, seinen unheimlichen Sümpfen und endlosen Wüsten geben. Erst in vielleicht fünf Jahren, wenn in den Südländern stabile Brückenpfeiler stünden und diese ganz sicher fundiert seien, könne man an eine solche Zugverbindung denken und auch dorthin Gleise verlegen. In ganz Euroland warteten 500 Millionen Menschen auf eine Bekanntgabe der neuen Fahrpläne. Das seien zwar nur acht Prozent der Weltbevölkerung; doch diese Leute führten noch immer ein Viertel aller Reisen auf dem Globus durch. Diese Mobilität und Geschäftigkeit gelte es, um fast jeden Preis zu erhalten. In der Tat gelten die Leute im deutschen Wartesaal als besonders reiselustig und treiben dabei eifrig Handel und Wandel. Fast immer hat man viel und mit Geschick kunstvoll Gebasteltes im Gepäck dabei, kauft unterwegs noch hinzu, legt auf der Strecke Depots an oder gründet am Zielort eigene Handelsniederlassungen. Man setzt darauf, das Mit- und Zusammengebrachte in aller Herren Länder mit Gewinn an den Mann und die Frau zu bringen.

Radikaler Kurswechsel

Derweil reklamiert die Bahnaufsicht BVG, dass gegen die neuen Fahrpläne unverzüglich nach deren Beschlussfassung am vergangenen Freitag allerlei Beschwerden eingegangen seien und sich die Abfahrt wohl verzögern werde. Zunächst müsse man sich die neu vorgelegten Pläne genau anschauen, ob hier nicht ein radikaler Kurswechsel vollzogen werde. Ohne die Zustimmung der Reisenden könne der Bahnvorstand die Richtung nicht einfach ändern, selbst wenn sogar die Mitglieder des ansonsten opponierenden grünen und besonders naturverbundenen Bahn- und Schrankenwärterverbundes und vor allem auch die im Sozialverband Praktizierender Durchreisender (SPD) organisierten Fahrgastbegleiter beim Deutschen Fahrtag den Plänen des Bahnvorstands zugestimmt hätten und es ihnen darüber hinaus gar nicht rasch genug mit der Planung von weiteren Trassen gerade auch in die unwirtlichen Südländer vorangehe. Gegebenenfalls müsse der gesamte Fahrplan allen Passagieren vorgelegt und deren Einverständnis dazu eingeholt werden. Denn die Reise könne nun auch länger dauern und viel beschwerlicher werden, als sich manche dies vorstellen und wünschen würden. Unterwegs werde man viele Mitreisende aus anderen Ländern aufnehmen, die um Geld und Spenden nachsuchten, damit die Weiterfahrt insgesamt möglich bleibe. Da könne es dann aber auch passieren, dass das Geld ausgehe und auch die Reisenden aus dem deutschen Wartesaal dann mittellos an einem Bahnsteig in Nirgendwo strandeten. Was als europäischer Fahrverbund begonnen und sich als einverständige Fahrgemeinschaft auf den Weg gemacht hat, könnte auch im Zerwürfnis auseinandergehen. Schon jetzt sind sich die Reisenden nicht mehr grün und schielen angesichts der bevorstehenden und wohl recht aufwendigen Tour begehrlich die einen und mit Sorge die anderen auf die Geldbörse des Nachbarn.

Wenig hilfreiche Fahrplanauskunft

Bahnvorsteherin Merkel hatte sich den Entwurf ihres Fahrplans von den europäischen Kollegen im Streckenverbund in puncto Kostenübernahme und Zinsen in einem nächtlichen Geheddere zerrupfen lassen. Damit die Südeuropäer weiter mitfahren können, müssen die Reisenden aus Deutschland deren Fahrscheine nun ordentlich subventionieren, ohne aber den Kurs entscheidend mitbestimmen zu können. Auch der Bahnsteigbeamte Rainer Brüderle von der Fahrgemeinschaft Divergierender Planetarier (FDP) gibt zu, dass man am vergangenen Freitag beim Deutschen Fahrtag die „innere Verfasstheit“ der deutschen Fahrgemeinschaft geändert habe und sich nun in einem fahrplanpolitischen „Neuland“ bewege. Eine historische Zeitenwende steht bevor. Mit dem neuen Fahrplan wird es auch ein neues Kursbuch geben, das die Reisen jedes einzelnen Bürgers und auch den gemeinsamen Kurs der deutschen Reisegruppe sowie der gesamten europäischen Reisegesellschaft maßgeblich beeinflussen wird. Dieses voluminöse Werk aber ist leider selbst für Experten kaum zu durchschauen und die Fahrplanauskunft hilft wenig weiter. Dennoch wird sich jeder einen Überblick verschaffen und dazu eine Meinung bilden müssen. Das ist die zuweilen auch mühsame Verantwortung der Reisenden, wenn sie nicht den Bahnvorstehern mit der Reise- auch gleich die Lebensplanung anvertrauen und sich aus der Verantwortung für den eigenen Lebensweg nehmen wollen.

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