Kohl und sein Mädchen

von Richard Schütze3.09.2012Innenpolitik

Merkel und Kohl vereint der Wille zur Macht – doch im Leben der Kanzlerin gibt es dunklere Phasen.

Ein Urteil wird zuweilen rasch gefällt, manchmal aber auch erst nach reiflicher Abwägung gesprochen. Häufig bleiben Zweifel, ob die vorgetragenen und in Augenschein genommenen Tatsachen als Beleg ausreichen oder etwas in das Geschehen oder Personen hineingeheimnist wird, was dann auch wieder herausinterpretiert und nach Gusto zurechtgebogen und ergebnisorientiert gedeutet werden kann. Vor Gericht und auf hoher See sind Be- und Verurteilte oft auch Willkür oder den Winden des Zeitgeists ausgeliefert. Das Prinzip einer mehr oder weniger freien richterlichen Beweiswürdigung macht’s möglich. Auch der Autor dieser Zeilen hat im Justizdienst schon veritable Fehlurteile mit einer plausibel-stimmigen Dichtung an den undichten Stellen abgeliefert, die nur aufgrund sich selbst offenbarender Umstände korrigiert werden konnten und dann folgenlos geblieben sind – Gott sei Dank! „Wo bei der Verurteilung von Menschen und der Beurteilung von Geschehnissen manche ein Ausrufezeichen machen, da mache ich oft ein Fragezeichen“, gab mir ein weiser Priester zu bedenken; fest verwurzelt in seinem Glauben und sich der von ihm vertretenen Heilsbotschaft ganz gewiss, ergänzte er: „Ich habe einen Karton mit Zetteln, auf denen schon viele Fragen stehen und immer mehr hinzukommen; den will ich in den Himmel mitnehmen und hoffe, dann dort alle Antworten zu finden!“

Macht im Hochstress verteidigt

Zwei Bücher beleuchten in diesen Tagen zwei zentrale Figuren der deutschen und europäischen Politik und rufen große Anerkennung, aber auch heftigen Widerspruch hervor. Das voluminösere Werk betrachtet Leben und Wirken der ebenfalls voluminöseren Gestalt; der Held ist ein „Wessi“, katholisch, ein Riese von Gestalt und fühlte sich der Überwindung von Grenzen und der Bewältigung der vielfach auch unheilvollen Geschichte der europäischen Völker verpflichtet, wenngleich er kaum eine andere als seine Muttersprache beherrscht. Das kämpferische Buch kommt schnittiger daher und porträtiert eine Frau aus dem Osten, mit eher gedrungener Figur, evangelisch, über deren Überzeugungen kontrovers debattiert und auch spekuliert wird und die gleich mehrere Sprachen beherrscht, darunter auch Russisch. Die CDU-Kanzler Helmut Kohl und Angela Merkel mögen sehr unterschiedlich sein; doch eint sie der Wille zur Macht und eine enorme Physis, die ihnen die Fähigkeit verleiht, ihre Macht im Hochstress des politischen Alltags auch mit Zähigkeit zu verteidigen und Epochen zu prägen. Beide umgeben sich mit einer Prätorianergarde; waren dies bei Kohl die beflissen loyalen und sich ihrer Bedeutsamkeit gewissen Getreuen wie zum Beispiel sein Kommunikationsdirektor Eduard Ackermann, sein zeitweiliger Sprecher Andreas Fritzenkötter oder auch sein langjährig getreuer Fahrer Ecki Seeber, die einem Gesprächspartner auch schon mal den Zutritt zu dem engeren Kreis um den Kanzler der deutschen Einheit durch Schulterschluss verwehrten, so sind dies bei Kanzlerin Merkel ihre Büroleiterin Beate Baumann, die Medienberaterin Eva Christiansen, Bildungsministerin Annette Schavan, Staatssekretär Peter Hintze, Kanzleramtsminister Ronald Pofalla und Generalsekretär Hermann Gröhe. Wenn Kohl trotz eifersüchtiger Abschirmung durch seine Phalanx eine Information oder Botschaft erreichen sollte, so empfahl es sich, dies über einen im Parteijargon „Mini-Fouché“ titulierten Mitarbeiter (Klarnamen tun hier nichts zur Sache) zu lancieren. Bei CDU-Parteitagen begab man sich im Tagungshotel dann geschickterweise in die Sauna, wenn auch „Mini-Fouché“ dorthin ging. Platziert in seiner Nähe, erzählte man einem dazu mitgebrachten Freund die für bedeutsam gehaltene Geschichte in dramatischem Tonfall und alsbald verließ „Mini-Fouché“ das Dampfbad, um an höherer Stelle Meldung zu machen. Während Kohl im persönlichen Gespräch recht bald ungeduldig und auch schon mal heftig werden konnte und dann engagiert und nicht ganz jugendfrei auch kein Blatt vor den Mund nahm, kann Merkel einem verdichteten Sachvortrag eine halbe Stunde lang wie gebannt zuhören und alle übermittelten Informationen ohne jeglichen kommentierenden Gesichtsausdruck aufsaugen. Die Beraterin und Autorin Gertrud Höhler enthüllt die Kanzlerin in „Die Patin“ als „Wölfin“, die bei weitgehender eigener und bindungsloser „Werte-Abstinenz“ zentrale SPD-Inhalte okkupiert und eine als Sachpolitik getarnte egomanische Machtpolitik zwecks „Demontage“ demokratischer Strukturen und einer „Entmachtung“ auch der eigenen Partei als „Vorspiel für den Abschied von der Marktwirtschaft“ und die Errichtung eines „Systems M.“ betreibt. Es mag sein, dass Merkels Aufstieg durch diverse Netzwerke auch ihres Vaters, des 1954 von Hamburg in die damalige DDR übergesiedelten evangelischen Pastors Horst Kasner, begünstigt wurde und dass Kasner, obwohl Christ, der sozialistischen Ideologie nicht vollkommen ablehnend gegenüberstand. Zu Kasners Kontakten gehörte wohl auch der erste frei gewählte und zugleich letzte Ministerpräsident der DDR, Lothar de Maizière, der dem damaligen Kanzler Kohl bei dessen Suche nach einer evangelischen jüngeren Frau aus dem Osten für ein seinerzeit als nicht als wichtig erachtetes Ressort seine stellvertretende Regierungssprecherin empfahl. So wurde Angela Merkel 1991 Bundesministerin für Frauen und Jugend. Höhler hält ihr vor, sie habe fortan zielstrebig eine lange Reihe führender Männer der Unionsparteien abserviert, beginnend bei Kohl selbst, dann Schäuble, Merz und so weiter bis hin zu Guttenberg, Koch, Mappus, Wulff und Röttgen. Spätestens da wird man stutzig und empfindet es als schade, dass eine in einigen Aspekten profunde Analyse durch zusammenkomponierte Übertreibungen an Wert verliert und sich selbst ins Abseits manövriert. Sicher gibt es in Merkels wie fast in jedermanns Leben dunklere Phasen, Entscheidungen und Handlungen, die man im Nachhinein vielleicht sogar bereut und gern revidieren würde. Merkels Rolle in der FDJ als Kultur- oder, wie andere behaupten, Propaganda-Beauftragte und die Moskauer Studienzeit sind auch ihrem Biografen Gerd Langguth in weiten Teilen ein Rätsel; Dokumente darüber sind nicht mehr vorhanden oder zugänglich. Mag sein, dass sie sich wie viele andere in der ehemaligen DDR auch partiell anpassen und kooperativ sein musste oder es auch wollte, um im totalitären kommunistischen Sowjetsystem zu überleben und voranzukommen. Doch auch Kohl wirft Schatten in seine Geschichte; nicht nur auf die nie ganz aufgeklärte Leuna-Buna-Affäre beim Verkauf der ostdeutschen Minol an den französischen Elf-Aquitane-Konzern, sondern auch bei den noch immer nicht benannten Parteispendern. Merkel war damals Manns genug zu handeln, als die Partei durch die Spendenaffäre in Agonie geriet. Ebenso irrlichterte der Kohl-Nachfolger Schäuble mit seiner Version einer Bargeldspende des dubiosen Rüstungslobbyisten Karl-Heinz Schreiber verheddert herum, bis Merkel im Jahr 2000 von ihm den CDU-Vorsitz übernahm. Und selbst Hessens ehemaliger Ministerpräsident Roland Koch war nicht das leuchtende Vorbild für Konservatismus, als das er im Nachhinein verklärt wird. Koch wollte sein Image bewusst nicht verändern, sondern spielte gern auch den politischen Hardliner; mitunter schien er aber selbst in den Augen überzeugter christdemokratischer Anhänger den Dalai Lama mit dem Papst zu verwechseln. Dass sich auch profunde Konservative Mappus, Röttgen oder gar Wulff in ihre Ämter zurück wünschen, dürfte eine absurde Idee sein. „Niemand ist so reich, dass er die Vergangenheit zurückkaufen kann“, sagt Oscar Wilde.

Probleme durch Vielfalt

Es reduziert sich also auf Friedrich Merz und dessen ordnungspolitische Überzeugungen für eine programmatische Weiterentwicklung der sozialen Marktwirtschaft. Doch Merz tritt nicht gegen Merkel an. Die Prätorianergarde Merkels dürfte für seinen Intellekt nur bedingt satisfaktionsfähig sein. Auch CDU/CSU-Fraktionschef Volker Kauder würde ebenso wie die CSU einer ernsthaften Kandidatur von Merz eher mit Sympathie begegnen. Doch das ist Geschichte. Und da liegt ein Unterschied. Wie Hans-Peter Schwarz in „Helmut Kohl – eine politische Biografie“ erkennen lässt und der ehemaligen Ministerpräsident Bernhard Vogel es ausdrückt, „ist Merkel in erster Linie Bundeskanzler und erst in zweiter Linie Parteivorsitzende der CDU – bei Kohl ist es genau umgekehrt“. Merkel hat im Gegensatz zu Kohl keine bedeutsamen Talente in der Union gefördert und aufgebaut; bei Kohl ist die Reihe der Biedenkopf, Geißler, Blüm, von Weizsäcker und Süßmuth schier endlos, wenn auch nur wenige der Protegierten immer loyal zu ihm standen oder gar stehen. Aber Kohl hat Vielfalt zugelassen und gefördert und die Partei lebendig gemacht, obwohl er wusste, dass ihm dies Probleme bereiten würde. Wie mit seinem Mädchen. _Update: In der ursprünglichen Version der Kolumne stand fälschlicherweise, Angela Merkel sei ab 1991 Familienministerin gewesen. Merkel war stattdessen Ministerin für Frauen und Jugend._

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