Schock deine Wähler, lies ein Buch

von Richard Schütze6.08.2012Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik, Wirtschaft

Selbstoptimierung gehört heute für das Spitzenpersonal in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft dazu. Ein paar Stunden Rhetoriktraining machen noch keine Persönlichkeit. Die Werke von Karl May können helfen.

„Denn wovon das Herz voll ist, davon wird der Mund überfließen“ (Mt 12,34), belehrt Jesus die Pharisäer in einer als „Verteidigungsrede“ bekannt gewordenen Philippika. In dieser von dem Evangelisten Matthäus geschilderten Szene ging es zunächst um einen Mann, der blind und stumm war und von Jesus geheilt wurde. Offenbar hatte er ein existenzielles Bedürfnis nach Erkenntnis und Kommunikation; auch er wollte seine Gefühle und Wünsche, seine Eindrücke und Erfahrungen zum Ausdruck bringen können. All das, was ihn berührte, was ihn an- und umtrieb. Darum geht es auch den Führungskräften und Spitzenrepräsentanten in Politik, Wirtschaft, Verbänden und Gesellschaft. Doch die politischen und ökonomischen Eliten wollen mehr als nur am gesellschaftlichen Leben teilnehmen; sie wollen nicht bloß Geführte sein, sondern auch selbst führen und den Lauf der Dinge entscheidend mitbestimmen. Sie wollen sich und ihr Wirken erklären, das Publikum über ihre Sicht der Dinge belehren, die Mitmenschen bewegen und Wähler motivieren, politische Prozesse gestalten und die Welt verändern.

Kompetente Persönlichkeit wie aus einem Guss

Dazu wenden sie sich zuweilen auch an Rhetoriklehrer und Kommunikationsprofis. “Der eigene Auftritt und die Überzeugungskraft sollen optimiert, die Kunst der freien Rede und des abgelesenen Vortrags verfeinert werden”:http://theeuropean.de/klaus-werle/7591-optimierungswahn. Man will in der Debatte schlagfertig vom Leder ziehen, sich auf der Bühne oder beim Bad in der Menge sympathisch geben, eloquent im Interview sein, am Rednerpult gut rüberkommen und auch beim persönlichen Gespräch vertrauenerweckend wirken. Person sein, Charakter haben, Persönlichkeit werden, Charisma entwickeln – das wär’s. Als Topmanager oder Spitzenpolitiker eine glaubwürdige und kompetente Persönlichkeit wie aus einem Guss sein und bleiben. Gar nicht so einfach, aber machbar. Die Bereitschaft zur Arbeit an sich selbst, Leselust und eine unverkrampfte Neugier auf und Bereitschaft zur intellektuellen Auseinandersetzung sowie ein unverstellter Blick auch durch die berühmte Brille von Andersdenkenden auf die Wahrheiten, die in allen Dingen liegen, sind elementare Voraussetzungen für die Formung der eigenen Persönlichkeit mit unverwechselbarem Profil. Die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ (FAS) vom 5. August attestiert “Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich”:http://theeuropean.de/gunnar-sohn/6787-cyberwar-und-innere-sicherheit anlässlich der auch kommunikativ wenig überzeugend gestalteten Personalentscheidungen an der Spitze der Bundespolizei, dass er zwar ein sehr netter Mann sei, aber niemand wisse, für welche Mission, Inhalte und Anliegen er stehe. Die Zeitung sieht den Minister auf einem „Lauf nach nirgendwo“. „Ich sehe keine Leidenschaft, keine Kompetenz und keinen Gestaltungswillen“, wird SPD-Innenexperte Dieter Wiefelspütz zitiert. Der Sozialdemokrat moniert weiter, es gebe keine Debatte, zu der der Minister, der „an keiner Stelle Meinungsführerschaft erreicht“, einen guten Beitrag geleistet habe. Friedrich, so urteilt die FAS, taktiere zu vorsichtig zwischen den divergierenden Loyalitäten zu Kanzlerin Angela Merkel und CSU-Chef Horst Seehofer. Sind mehr demagogisch disponierte Persönlichkeiten und „Clowns“ hier im Vorteil? Ein eifernder Lafontaine und ein blitzgescheit und schlagfertig debattierender Gysi packen die tobende Menge und räumen bei der Gunst des berühmten, aber auch berüchtigten Saalpublikums gnadenlos ab. Mit Wut oder Lachern im Bauch. Allzeit bereit und immer präsent. Nachdenklichere und reflektierende „Typen“ starten eher wie ein Diesel und aus der Tiefe des Raumes. Dazwischen gibt es viele Varianten.

Arbeit am rhetorischen Auftritt

Jeder Unternehmens- und Verbandsmanager und jede Politikerin muss ergründen, was ihn oder sie selbst im Innersten bewegt und mit welcher Absicht sie agiert. „Einige Menschen kann man die ganze Zeit lang belügen, alle Menschen eine Zeit lang, aber man kann nicht alle Menschen die ganze Zeit lang belügen“, deutet der Schriftsteller Gilbert Keith Chesterton die Grenzen der Rhetorik. Die drei aristotelischen Überzeugungsmittel in der Rhetorik – Logos, Pathos und Ethos – haben die innere Einstellung des Redners zu sich selbst, zu seiner Mit- und Umwelt und zur Wahrheit der Dinge als entscheidende anthropologische Voraussetzung. Zutrauen zu und Vertrauen in Führungspersönlichkeiten sind abhängig von der Einschätzung und Offenbarung ihrer Grundansichten, Weltanschauungen und Menschenbilder, sprich ihrer philosophischen Maximen, und der Übereinstimmung des eigenen Denkens mit dem Handeln, sprich einem stimmig gelebten und vorgelebten Wertekanon. An dritter Stelle erst entfalten dann Kommunikation und Rhetorik ihre Wirkung, die dann im gesamten Auftreten eines Menschen auf andere als natürlich und „authentisch“ ausstrahlt. Vor aller Arbeit am rhetorischen Auftritt und einer PR-Medien-Strategie steht also die ehrliche Frage nach dem, wovon „das Herz voll“ ist oder sein will. Die eigenen Augen können mit einem – zuweilen auch mühsamen – Eintauchen in die Welt der Literatur, der Philosophie und Geschichte und auch der Theologie geöffnet, die Ohren mit einer tieferen Auseinandersetzung in einer Debatte mit Menschen ohne eigene Machtambitionen und außerhalb der öffentlichen Bühnen geöffnet werden. Dies bedeutet aber für den „Lernenden“ eine Offenheit für die Anstrengungen der Begrifflichkeit, sprich für eine zunächst rein intellektuelle Arbeit. Erst das Lauschen und Zuhören, das Hinschauen und Wahrnehmen, dann das Tun und Auftreten. Vielen auf den Bühnen unserer Zeit aber scheint dieser Weg zu lang und beschwerlich zu sein; selten zieht man sich zurück in die eigenen vier Wände zu einem profunden Studium auch über die aktuell vom Büro mitgegebenen Akten hinaus.

Klassisch-humanistische Bildung

Die aber, die sich dies abringen, steigen unaufhaltsam auf. Ob ein Joschka Fischer, der sich seine Fabulierkunst bei Karl May erwarb und sich auch mühsam mit der Literatur von führenden Philosophen immer wieder auseinandersetzte, oder “Joachim Gauck”:http://theeuropean.de/christoph-giesa/11496-gaucks-erste-hundert-tage, Kurt Biedenkopf, Klaus von Dohnanyi, Richard von Weizsäcker und viele andere, die auf eine klassisch-humanistische Bildung aufbauen können und hohen Respekt genießen. Wenn unsere Politiker und auch manche Manager sich – vielleicht jetzt in der Sommerpause – Zeit und Muße dafür nehmen und sich dies guten Gewissens genehmigen, wäre viel gewonnen. Nicht nur für eine bessere Rhetorik, sondern auch für eine bessere Politik und ein überzeugenderes Management.

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