Es ist nicht so, dass im 36. Stock des Euro-Towers 23 alte Männer sitzen und nach Macht geifern. Jörg Asmussen

In der Ruhe liegt die Kraft

Muße lohnt sich. Sie dient nicht nur dazu, die Akkus neu aufzuladen, sondern hilft auch bei der Suche nach einem neuen Kompass und Orientierung.

Sommer in Berlin. Das Parlament in den Ferien, die Abgeordneten daheim im Urlaub oder global auf Tour. Allein eifrige Stallwachen halten weiter die Wacht an der Spree. Doch der Politbetrieb lässt nicht los: Schon am 19. Juli sollen sich die Abgeordneten wieder zu einer Sondersitzung zur leidigen europäischen Schuldenkrise im Reichstag einfinden. Auf Wunsch der Fraktionsführungen soll dann mit möglichst großer Präsenz über die beantragten Spanien-Hilfen beraten werden. Bundestagspräsident Norbert Lammert hatte zu viel Müßiggang schon bei der letzten regulären Sitzung einen Riegel vorgeschoben; man möge sich bitte nicht an allzu ferne Gestade begeben und das Handgepäck immer griffbereit haben. Pflichtschuldig werden also nun wieder Flüge zum Arbeitsplatz im Reichstag gebucht und die Fahrbereitschaft geordert.

Doch schon bei seinen letzten Sitzungen vor der Sommerpause waren dem offenbar Burnout-gefährdeten Parlament grobe Schnitzer unterlaufen wie bei der nächtlichen Entscheidung zum Meldegesetz. Mein Kollege Alexander Kissler hatte zuvor in seiner Kolumne „Schlaflose regieren uns“ zum „Tag des Schlafes“ am 21. Juni warnend auf eine Verhaftung im Hamsterrad des unablässigen und oft durchnächtigten Schaffens aufmerksam gemacht und das Menetekel eines „Infarkts der Seele“ mit einem „Kollaps des Denkens“ heraufbeschworen. Einzig in programmatischem Nichtstun und einer Pause aber könnten Freiheit und Klugheit gedeihen. Und Friedrich Thelen ergänzte in seinem Text „Pause statt Sause“, die Zeit sei reif für den Sommer und geruhsames Nachdenken, mal „einfach ganz ohne News-Hype“. Müssen mit politischer Macht ausgestattete und mit großer Verantwortung beladene Menschen nicht, wie es im modernen Sprachgebrauch heißt, ganz besonders „achtsam“ mit sich umgehen?

Suche nach der Mitte des eigenen Menschseins

Was aber können die Früchte von Müßiggang und Nichtstun sein? Hat es Sinn, sich auszuklinken aus unserer total vernetzten und verzweckten Arbeitswelt und einzutreten in einen Raum der Stille, Ruhe und Entspannung? Worin liegt der Nutzen von solcher Art von Nichtsnutzigkeit? Oft fragen mich Politiker oder Manager, wie sie mehr Ausstrahlung entwickeln und eine charismatische Persönlichkeit mit mehr Führungsqualitäten werden können. Neben vielen nützlichen Tipps und Hinweisen scheint mir vor allem die Suche nach der Mitte des eigenen Menschseins und dem Zentrum der eigenen Persönlichkeit entscheidend zu sein. Wie aber finde ich als pausenlos zu Entscheidungen heraus- und zur Weltgestaltung aufgeforderter und möglichst störungsfrei agierender Meinungsbildner, Entscheider und „Funktionär“ dort hin? Ist es schon damit getan, Muße als „etwas Anderes tun“ zu definieren?

„In der Ruhe liegt die Kraft“, sagt der Volksmund im Osten der Republik. Am 9. November 1989, dem Tag des Mauerfalls, sprach ein Mitbürger aus dem Osten Berlins in eine der westlichen TV-Kameras: „Wir hatten eine Weltanschauung, ohne die Welt überhaupt angeschaut zu haben – das sagt doch alles.“ In der Tat geht es darum, die Welt anzuschauen. Immer wieder, immer neu, immer tiefer. Der 1997 verstorbene Münsteraner Philosoph Josef Pieper hat in seiner bereits 1948 veröffentlichten entzückenden Reflexion das Thema „Muße und Kult“ betrachtet und bedeutsame Antworten gegeben. Dieses Betrachten von Mensch und Welt ist, so Pieper, ein Vernehmen von Wirklichkeit; nur der Schweigende hört die Stille. Nicht „stumpfer Lautlosigkeit, nicht totem Verstummen“, sondern einem „empfangenden Vernehmen“ in einer „anschauenden, kontemplativen Versenkung“ in den „Geheimnischarakter der Welt“ soll Raum gegeben werden. Wahre Muße ist nicht schon mit den „äußeren Fakten von Arbeitspause, Freizeit, Wochenende und Urlaub“ gegeben; sie ereignet sich vielmehr als ein „Zustand der Seele“. Die „äußerste Angespanntheit“ unserer aktiven Wirkkräfte, unsere „Leidensbereitschaft“, uns restlos einzufügen in ein „rationales Planungssystem der sozialen Brauchbarkeitsorganisation“ und von Produktionsprozessen führen in ihrer Überspanntheit allzu oft nicht nur zu physischer Überanstrengung, sondern auch zu Mußelosigkeit, Rast- und Ratlosigkeit, innerer Unruhe, Hektik, äußerem Aktivismus und Verzweiflung bis hin zu maßloser Traurigkeit und dem Gefühl von Ohnmacht. Nichtstun aber ist dann nicht „aller Laster Anfang“, wenn wir dabei los- und ablassen von mühevoller Geistesarbeit mit Analysen, Verknüpfungen, Schlussfolgerungen und Beweisführungen als „denkerischer Anstrengung“ und unsere Seele einmal rein rezeptiv baumeln lassen. Der ethische Wert einer rein geistigen und dabei nicht schon voluntativ gestaltenden Anschauung aber liegt in der menschlichen und übermenschlichen Würde der Person geborgen. Alle Kultur ist Werteverwirklichung; die Kultur der Muße als „heilige Mühelosigkeit“ hat Glückseligkeit zum Ziel. Dazu sind die Anerkennung der Welt und eine Bejahung der eigenen Person Voraussetzung, aus der die Liebe zu dem Geschenk der Welt und der Freiheit des Geistes und damit auch zu unserer Schaffenskraft erwächst. Und wie von selbst sind dann Erkenntnisse über das, was nach Goethe „die Welt im Innersten zusammenhält“, zuweilen in Form von „Geistesblitzen“ oder „Eingebungen wie im Schlaf“, die Früchte dieser seelischen Hingabe. Dann kann die Seele hinfinden zu den Wurzeln von Muße und Kultur: Zu einem zutiefst humanen Kult als dem Fest einer nicht werktätigen und „unalltäglichen“ Feier des Lebens. Dieses Fest erhebt nicht die güterproduzierende, nicht eine ökonomisch verwertbare oder politisch relevante Arbeit in besonders apostrophierten „Feiertagen der Arbeit“ zum Kult, sondern entzieht den Menschen aller weltlich nutzenorientierten Verfügung, „entrückt“ und „entzückt“ ihn und erquickt seine Seele. Für Platon geschah dies „im festlichen Umgang mit den Göttern“, in denen der Mensch seine wahre und aufrechte Gestalt zurückgewinne; für das auch auf den antiken Philosophen aufbauende christlich geprägte Abendland steht die Feier der Erlösung des Menschen durch die Liebe und Hingabe des Mensch gewordenen Sohnes des dreifaltigen Gottes im Mittelpunkt.

Muße lohnt sich

Für jeden Menschen aber geht es auf der Suche nach sich selbst um einen inneren Ausbruch „aus der Enge der Arbeitsumwelt in die Mitte der Welt“. Manchem mag dies bei einem Aufenthalt in einem Kloster leichter zu fallen, andere mögen diese innere Ruhe und Besinnung auch mitten im Trubel der Welt und sogar im Reichstag finden. Ein jeder aber gönne sich und suche solche Muße, um nicht nur die berühmten Akkus aufzuladen, sondern auch einen Kompass und neue Orientierung zu finden. Es wird sich lohnen – auch und vielleicht sogar besonders für die mit der Verantwortung für unser Gemeinwesen beladenen Politiker.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Richard Schütze: Welt ohne Religion?

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