Ein Angebot, das wir nicht ablehnen können

von Richard Schütze21.05.2012Innenpolitik

An Facebook kommt keiner mehr vorbei – und das ist auch gut so. Gefordert sind jetzt vor allem Eigenverantwortung und Lernwillen im Umgang mit der digitalen Welt.

Jeder und jede tut’s, wie er oder sie es mögen und auf seine oder ihre Weise. 20 Millionen Mitglieder gibt es allein in Deutschland; weltweit sind es schon 901 Millionen. Bald werden eine Milliarde Menschen ihr persönliches Profil hinterlegen, Ansichten zu Wesentlichem und Relevantem oder Belanglosem und damit auch immer zu sich selbst offenbaren, sich mit wirklichen und zufälligen Freunden und auch Fremden über Berufliches und Privates austauschen, Fotos einstellen und Verabredungen treffen. Jeder und jede nutzen es für seine und ihre Zwecke. Private User, um soziale Kontakte und sich selbst zu unterhalten oder auch nur, um selbst jemand zu sein oder es zu werden. Die Research-Abteilungen von Unternehmen und gesellschaftlichen Institutionen oder auch Sicherheitsdienste und Polizeiapparate, um umfassende Informationen über Bewerber, Mitarbeiter, Verdächtige und potenzielle Umstürzler zu generieren, Biografien zu vervollständigen oder „entsprechende Maßnahmen in die Wege leiten“ zu können. Aufrufe zu dann massenhaft besuchten Geburtstagspartys, aber auch die Koordination von revolutionären Demonstrationen beispielsweise im sogenannten Arabischen Frühling zeugen von der gewaltigen Potenz der Internettechnologie.

Globaler Marktplatz im Weltendorf

Mit Facebook hat das allgegenwärtige Internet ein Foto-, Poesie- und Geschichtsbuch voller Geschichten hervorgebracht, das niemanden zurücklässt und nie etwas vergisst. Es ist der globale Marktplatz im Weltendorf, wo jeder sich herzeigt und was er hat oder zu sein und zu haben vorgibt. Wenn früher galt, dass ein Mensch nur wirklich ist, wenn er einmal im Fernsehen oder wenigstens in der „Bild“-Zeitung wahrzunehmen war, so sind alle Menschen ohne Facebook-Porträt digital nicht mehr real. Zeitgleich mit dem Börsengang des Social Networks am 18. Mai erschien der erste Facebook-Thriller. In Veit Etzolds Krimi „Final Cut“ (Verlag Bastei Lübbe) nutzt ein computerversierter Serienmörder das Internet, um seine Opfer zu selektieren, sich ihnen unter falscher Identität zu nähern und sie dann zu töten. Da er ihre digitale Internet-Existenz auf Facebook weiter mit virtuellem Leben erfüllt, werden die Freunde in dem Glauben gehalten und bestärkt, das Mordopfer lebe real weiter. Der „Namenlose“, wie der sich fremde Identitäten aneignende Täter recht bezeichnend in Etzolds Thriller genannt wird, geht weit über ein dumpfes Sich-Brüsten mit Mord, Totschlag und anderen Gewalttaten hinaus, wie dies in manchen Sparten des Netzes zum Entsetzen von Kriminalisten schon fast alltäglich ist.

Vier Lektionen für die digitale Welt

Facebook und die Social-Media-Networks haben unser Leben drastisch verändert und gewaltig dynamisiert. Wirtschaft, Politik, der Datenschutz und die Justiz versuchen, mit dieser Entwicklung Schritt zu halten. Ein paar wichtige Erkenntnisse sollte man beherzigen:

1. Fleiß und Erfindergeist lohnen sich – die Träume sind frei

In Silicon Valley lebt weiter der Traum vom unaufhaltsamen Aufstieg all derer, die viel auf eine Karte setzen und mit Fleiß und Enthusiasmus neue Ideen und Lösungen für einfache Probleme suchen. Einen Börsenwert von 104 Milliarden Dollar soll der von Mark Zuckerberg and Friends gebaute globale Marktplatz repräsentieren, für rund 38 Dollar wurde am Freitag eine Aktie ausgegeben und nach einem ersten Auf und Ab wird sie derzeit auch zu ungefähr diesem Preis an den Börsen gehandelt. Nun müssen die jungen Kreativen beweisen, dass Facebook nicht nur eine gigantische Kommunikationsplattform mit einer enormen Reputation ist, sondern dass sich damit auch real Geld verdienen lässt und Aktienpreis und Rendite in ein angemessenes Verhältnis kommen.

2. Im Netz ist jeder sein eigener Datenschützer

Wer ins Netz geht, kann darin gefangen werden. Wer Google und Facebook ins eigene Leben hineinblicken lässt, den können staatlich bestallte Datenschützer nur wenig vor sich selbst schützen. Eltern haften für ihre Kinder und Erwachsene für sich selbst. Was einmal rausgepostet ist, kann nicht mehr spurlos zurückgeholt werden. Die Datenkrake frisst jede Information in sich hinein und verdaut sie in vielen, vielleicht auch nicht nur merkantilen Formen.

3. Kulturpessimisten bleiben unter sich – und zwar draußen

Wir werden weltweit nicht zu Stotterern werden und es wird keine globalen virtuellen Buchverbrennungen geben. Millionen aber lernen, kleine Nachrichten zu verfassen, Gefühle erst vorgestanzt („gefällt mir – nicht“) und dann mit immer mehr Worten zu artikulieren und schließlich auch längere Texte zu verfassen. Denn die Menschen geben ihrer Sehnsucht, miteinander und zwar in Echtzeit zu kommunizieren, intensiv und massenhaft Ausdruck. So entsteht neben den Handy-Talks eine neue Form der geschriebenen Gesprächskultur. Und weil alles, was ist, also Personen, Dinge und Sachverhalte, ihnen innewohnende Aussagen bergen, wird der Drang zu wahren Erkenntnissen sich auch im Netz seine Bahn brechen. Daneben wird es auch weiter Weihnachts- und Liebesbriefe geben. Wer im Netz viel von und über andere liest, der entwickelt auch selbst das Bedürfnis, mehr zu schreiben.

4. Politik und Wirtschaft müssen sich erklären – und dranbleiben

Unternehmen, politischen Parteien, Regierungen und ihren Behörden wird immer mehr auf die Finger geschaut werden. Mehr Transparenz allüberall. Geheimes bleibt immer seltener geheim; davon zeugen nicht nur die Enthüllungen von Wikileaks über US-Diplomaten- und Militärdepeschen. Der immer mündigere Internet-Bürger verlangt mehr und profundere Information. Er will auch mit den Mächtigen auf Augenhöhe in den Dialog eintreten. Wer sich verweigert, dem droht ein „Shit Storm“. Im Netz rotten sich Anhänger und Gegner von Positionen und Produkten rasch zusammen, Kampagnen werden aus dem virtuellen Boden gestampft, Datenströme können lahmgelegt und reale Straßen und Plätze okkupiert werden. Wer in organisierten gesellschaftlichen Gruppen wie Unternehmen, Verbänden, Parteien und Regierungsinstitutionen sowie in den Kirchen einem Nachrichten- und Meinungstaifun im Netz standhalten und seine Meinung zu Vorhaltungen oder auch in Krisen präsentieren will, der muss investieren. Aussteigen und Abstinenz zeigen ist wie die Augen vor neuen Realitäten schließen und den Kopf in alten Sand zu stecken. Besonders in Krisen zeigt sich, wer ein Meister im Dialog und in der Kommunikation ist und ob eine Organisation auch an der Spitze erwachsen geworden und herangereift ist. „Habe Deine Freunde nah bei Dir“, sagte Marlon Brando als Don Corleone in „Der Pate“. „Aber Deine Feinde noch näher.“ Diese Strategie scheint auch im Umgang mit Facebook zuweilen nicht die Schlechteste zu sein. Nicht nur am ersten Montag nach dem Börsengang.

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