Friedensmarsch statt Kriegszug

von Richard Schütze9.04.2012Innenpolitik

Endlich einmal zuschlagen, den ganzen Frust abreagieren und dabei auch noch etwas für die Gerechtigkeit tun. Klassenkeile für die Kleinen, die mitten in Europa immer den Außenseiter spielen. Und sich dabei noch unverschämt die Taschen beziehungsweise Konten vollmachen.

Früh schon hatte man sich richtig lieb gewonnen. Bereits in den 1970er-Jahren hatte ein sozialdemokratischer Bundesfinanzminister seinen eidgenössischen Kollegen angefaucht, die Schweiz sei eine einzigartige Steueroase in Europa. Mit giftigem Sarkasmus hatte die SPD bei der Bundestagswahl 1972 mit einem Plakat des Grafikers Klaus Staeck geworben: „Deutsche Arbeiter! Die SPD will Euch Eure Villen im Tessin wegnehmen!“ Aber in einer Wüste trockne man doch nicht die Oase aus, sondern sorge dafür, dass immer mehr Oasen entstehen könnten, beschied der Schweizer Finanzminister kühl seinen deutschen Kollegen. Derweil schafften immer mehr betuchte Nordlichter ihre Nuggets und Kohlen vor dem rabiaten Zugriff des germanischen Steuerstaates in die Tresore eidgenössischer Banken. Prominentere germanische Zeitgenossen verlegten auch gleich ihre Wigwams in die Alpenrepublik.

Die germanische Kavallerie reitet

Im März 2009 gerierte sich dann der damalige Bundesfinanzminister Peer Steinbrück, Mitglied der SPD-Führungstroika und Kanzlerkandidat des Ex-Bundeskanzlers Helmut Schmidt, als wahrer Indianertöter. Er hatte erfahren, wie der große weiße und heutzutage sogar schwarze Vater in Washington mit den Alpenstämmen umsprang und ihnen androhte, sie dürften künftig nicht mehr aus ihren Reservaten in die Wigwams des weißen Mannes am Hudson River kommen, um mit Fellen und Nuggets zu handeln, wenn sie nicht ein von den Emissären aus Washington vorgelegtes Papier unterzeichneten und sich den Regeln der Yankees unterwürfen. Gegen die „Indianer in der Schweiz“ könne man die siebte Kavallerie in Fort Yuma ausreiten lassen, zur Not könne man sie auch mit der Peitsche zur Raison bringen, ereiferte sich Old Peer, der deutsche Hüne. Hätten Winnetou und Old Shatterhand von dieser finsteren Drohung erfahren, der Apache und sein Blutsbruder aus Sachsen hätten mit List und Geschick sein damaliges Fort an der Leipziger Straße in Berlin ausgeräuchert. Denn ein fairer Kampf ist aller Ehren wert; doch die schmähliche Androhung der Peitsche ist für eine Rothaut eine tödliche Beleidigung. Die germanische Kavallerie aber entsandte ihre Kundschafter und Agenten, die an den Alpenbergen bei den Indianerzwergen von untreuen Eingeborenen CDs mit Bank- und Steuerdaten für Bares erwarben und von derlei dunklen Händeln auch künftig nicht lassen wollen. „Hicks“, sprach die Maus, „jetzt geh’ ich in den Keller und verhaue die Miezekatze!“ Mit dieser Einstellung drehten die eidgenössischen Rothäute den Spieß um und setzten die Porträts bleichgesichtiger deutscher Steuerbeamter auf die Fahndungsplakate ihrer Alpenstämme. Nach Schweizer Gesetz hätten sich die deutschen Steuerschnüffler durch das Ausforschen von Bankgeheimnissen unter anderem der Wirtschaftsspionage schuldig gemacht. Sogar renommierte deutsche Strafrechtslehrer wie Erich Samson halten das Ausspähen von umfassenden Kontoinformationen als Ausspähen geschützter Daten sogar in Germanien für strafbar. Nebenbei stehen aber auch noch Anstiftung und Beihilfe zu allerlei weiteren Delikten sowie der Vorwurf der Hehlerei im Raum. Ob ein Staat wie der nordgermanische durch seine eigenen Organe in zum Teil exzessiver Weise selbst Straftaten begehen oder dazu anstiften und Beihilfe leisten darf, um an Informationen zur Bekämpfung der Steuerhinterziehung heranzukommen, wird an den Lagerfeuern entlang des Rio Rhenus heiß diskutiert. Oft genug wird dabei mit zweierlei Maß gemessen. Der Fall des von der RAF 1977 ermordeten Generalbundesanwalts Siegfried Buback sowie dessen beiden Begleitern nährt Zweifel an der durchgängig vorhandenen rechtsstaatlichen Gesinnung der Behörden in Germania. Nachdem in einem ersten Verfahren zwei anderweitig als recht böse Buben in Erscheinung getretene Terroristen auch für diese Morde zu lebenslangen Haftstrafen verurteilt wurden, haben nun die privaten Ermittlungen von Bubacks Sohn Michael zu Tage gefördert, dass offenbar mit Wissen von bundesdeutschen Sicherheitsbehörden ganz andere Tatverdächtige in Betracht kommen. Hier aber pochen die deutschen Behörden strikt auf den eigenen Datenschutz und verweigern unter Berufung auf die Sicherheit der Bundesrepublik bis zum Jahr 2041 jegliche Akteneinsicht. Im derzeit in Stuttgart-Stammheim neu aufgerollten Strafprozess gegen die schon anderweitig verurteilte Terroristin Verena Becker werden den mit diesem Fall befassten Beamten seitens ihrer Häuptlinge nur begrenzte Aussagegenehmigungen erteilt. Wenn dann der seinerzeitige Abteilungsleiter im Bundeskriminalamt auch noch forsch im Fernsehen erklärt, es sei „eigentlich doch egal“, wer Buback nun ermordet habe, so verschlägt diese von einem ehemaligen Staatsbeamten aufgetischte zynische Arroganz jedem ehrbaren Trapper die Sprache. Denn zumindest wären dann recht kaltschnäuzig zwei insofern unschuldige Desperados in die Kerker gewandert – und die wahren Täter liefen eventuell sogar noch oder wieder frei in der Steppe herum.

Steuerrechtlicher Imperialismus

Aber auch die Eidgenossen hätten Nägel mit Köpfen machen und mutig nicht nur die drei beamteten Scouts, sondern auch deren Häuptlinge, die zu Datenklau anstiftenden Finanzminister des Bundes und der Länder, wegen Anstiftung und Beihilfe zur Fahndung ausschreiben können. Doch man besann sich eines Besseren und versuchte, mit den germanischen Brüdern im Norden die Friedenspfeife zu rauchen. Mittlerweile liegt ein bereits erheblich zugunsten der Nordlichter nachgebesserter Vertragsentwurf auf dem Tisch; doch ausgerechnet die Roten Brüder und die Greenhorns im Norden erheben dagegen ein mörderisches Geschrei. Während die Eidgenossen aus Schwarz- ab Januar 2013 Weißgeld waschen wollen, mieft es an den Lagerfeuern der Nordlichter nach steuerrechtlichem Imperialismus. Nach dem Motto Auge um Auge, Zahn um Zahn und Skalp um Skalp soll gar der Generalbundesanwalt gegen die Bankster der Eidgenossen Ermittlungen wegen Beihilfe zur Steuerhinterziehung aufnehmen. Lieber will man auch künftig viel Geld in Manitus Wind schreiben und alle möglichen Steuersünden verjähren lassen, als darauf zu verzichten, die Eidgenossen Mores zu lehren und ihnen die germanische Rechtsauffassung heftig nahe- und beizubringen. Irgendwie stehen diese Machtdemonstrationen den zornesroten und neidgrünen Gerechtigkeitsfanatikern im Norden aber nicht so gut zu Gesicht. Es wäre Zeit für einen Friedensmarsch statt einen Kriegszug. Schließlich ist doch Ostern.

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