Ihr Kinderlein kommet

von Richard Schütze31.10.2011Innenpolitik

Der alte Kontinent stirbt ab – und das ist nicht nur eine Folge der Krise, nein: In Deutschland gibt es immer weniger Kinder. Dass dem so ist, liegt auf der Hand, denn Kinderreichtum ist ein sicherer Garant für Armut.

„Alles im Griff auf dem sinkenden Schiff“, jauchzt der nimmermüde Barde Udo Jürgens seit Jahrzehnten und weiß sich innig vereint mit seinem sich rhythmisch im Takt wiegenden Publikum. Der Evergreen könnte ebenso als Titelmelodie für die wundersame Brüsseler Euro-Rettung wie auch für die um ein paar läppische Milliärdchen verunglückten Rechenkünste der Hypo Real Estate Bad Bank bei der Addierung der galoppierenden Staatsverschuldung herhalten. Die Börsenkurse ziehen wieder an, Politiker wischen sich den Angstschweiß von der Stirn, Banker kalkulieren neue Zinssätze und Boni und der auf seine Lebensversicherung vertrauende Sparer denkt, wenigstens die in den Verträgen garantierte Rendite sei ihm fürs Alter sicher. Denkste. Denn so manche Versicherung ist in angeblich mündelsicheren Staatsanleihen angelegt. Wie viele der vielleicht noch anstehenden „Haircuts“ die Lebensversicherer aber noch vertragen können, bis das gesamte System in Schieflage kommt, weiß so recht niemand.

Der alte Kontinent stirbt ab

Dass aber unter dem Euro- und Staatsschulden-Tsunami die Fundamente so stark zu beben beginnen, dass der Himmel über Europa auf die Erde zu fallen droht, das kann sich schon heute jeder ausrechnen. Denn der alte Kontinent stirbt ab, langsam, aber unaufhaltsam. Europa und insbesondere seinem ökonomischen Motor, Deutschland, fehlt die Zukunft – es fehlen Kinder. Weil die Mütter fehlen. Männer an und für sich sind für den Erhalt einer Population, ob in der freien Wildbahn oder in einem zivilisierten Staatswesen, von zweitrangiger Bedeutung. Auf die Frauen kommt es an. Und auf die Familien. In jahrzehntelangen Studien hat der international renommierte Bevölkerungswissenschaftler Herwig Birg herausgefunden, dass je höher der Stand und das Tempo der sozioökonomischen Entwicklung in einem Land ist, desto niedriger seine Geburtenrate ausfällt. Denn bei einem höheren Pro-Kopf-Einkommen fallen die Opportunitätskosten für Unterhalt und Erziehung von Kindern extrem ins Gewicht. Brachte eine Frau in Deutschland 1990 noch 1,45 Kinder im Laufe ihres Lebens zur Welt, so waren es im Jahr 2009 nur noch 1,36 Kinder. Auf 680.000 Geburten in Deutschland im Jahr 2010 kommen immerhin 110.000 Schwangerschaftsabbrüche; 48 Prozent der Abtreibungen entfallen dabei auf Ledige. Kumuliert ergeben sich im wiedervereinten Deutschland bis zum Jahr 2050 rd. 8,8 Millionen Menschen, von denen 97 Prozent aufgrund einer sozialen Indikation nicht zur Welt gebracht wurden. Immer weniger Kinder aber sollen künftig den Unterhalt und einen angemessenen Wohlstand einer immer älteren Bevölkerung schultern. Dabei werden Männer im Jahr 2050 ein Lebensalter von durchschnittlich 85 Jahren und Frauen durchschnittlich gar 90 Jahren erreichen. Während Ende 1960 auf 1.000 Erwerbstätige 176 Rentner kamen, waren es 1990 nach Berechnungen der Beuth Hochschule Berlin schon 241 und Anfang 2011 bereits 346 Rentner. Die Bevölkerungsimplosion der jüngeren Altersgruppe wird dazu führen, dass im Jahr 2050 der Unterhalt von rd. 700 Rentnern dann von nur noch 1.000 Erwerbsfähigen finanziert werden muss. Nach Berechnungen des Versicherungsmathematikers Michael Ortmann müsste zur Wahrung des heutigen Status quo das Renteneintrittsalter ab sofort auf 77 Jahre erhöht und im Jahr 2050 gar auf 82 Jahre angehoben werden. Und die Versorgungslast der Erwerbsfähigen steigt weiter kontinuierlich an; 1.000 Erwerbsfähige müssen schon in diesem Jahr nicht nur 346 Rentner versorgen, sondern außerdem noch 1.491 Kinder; die gesamte Versorgungslast liegt damit bei 176,4 Prozent. Und um 2050 eine stabile Bevölkerungsstruktur vorzufinden, müssten 125,6 Millionen Immigranten nach Deutschland einreisen. Gäbe es überhaupt so viele Einreisewillige, so kämen auf jeden Einheimischen also zwei Personen mit Migrationshintergrund, die in die bundesrepublikanische Gesellschaft integriert werden müssten. Wenn aber nicht alsbald voll Freude im ganzen Land das Lied „Ihr Kinderlein kommet“ statt des Evergreens von Udo Jürgens intoniert wird, dann wird dieses Land nur noch für einen überschaubaren Zeitraum im gewohnten Wohlstand leben und sodann verarmen. Gegen Kinderarmut und sich abzeichnenden Wohlstandsverlust aber hilft nur Kinderreichtum. Eine von der Stiftung für Zukunftsfragen durchgeführte Umfrage mit 15.000 befragten Europäern aus 13 Ländern ergab aber, dass nur 21 Prozent der Deutschen ihr Land als kinderfreundlich einschätzen und Deutschland damit den vorletzten Platz vor Russland belegt. Und nur 1,2 Millionen oder 14 Prozent aller Familien in Deutschland haben drei oder mehr Kinder. Seltsam oder auch nicht: Auch die vom Staatsbankrott bedrohten Länder Spanien, Griechenland, Italien und Portugal finden sich gemeinsam mit Deutschland im unteren Drittel dieser Europatabelle. Ein schönes Leben zu haben und das gern auch auf Pump und auf Kosten der kommenden Generationen, scheint ein gemeinsamer Nenner zu sein.

Kinderreichtum macht automatisch arm

Deutschland aber ist kinderarm, weil hier Kinderreichtum automatisch arm macht. Ehepaare und junge Familien fürchten die Doppelbelastung von Beruf und Familie und den drohenden sozialen Abstieg durch finanzielle Überforderung. Die zu erwartenden Nachteile im Beruf führen dazu, dass ein Drittel der Frauen gar keine und viele andere erst im Übergang zum dritten Lebensjahrzehnt die ersten Kinder bekommen. Zur ökonomischen Überforderung kommt die Furcht vor sozialer Intoleranz gegenüber Kinderreichtum hinzu, der nicht selten als „asozial“ angesehen wird. Um hier ein radikales und notwendiges Umdenken zu initiieren, hat sich nun als jüngstes Mitglied im Reigen der familienpolitischen Gruppierungen der „Verband kinderreicher Familien e.V.“ gegründet. Politische Forderungen wie das Familiensplitting, die Anrechnung von Betreuungszeiten auf die Rentenansprüche sowie die Umsetzung der Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts zum steuerfreien Existenzminimum gehören ebenso zu den Forderungen wie die Idee der Einführung einer Rabatte ermöglichenden Karte „Familie 3+“ für den Zugang zu Schwimmbädern, dem sozialen Wohnungsbau oder auch Bauland. Die Politik könnte aber noch viel mehr tun. So gibt es schon lange leider immer wieder ad acta gelegte Überlegungen, kinderreiche Familien steuerlich als Kleinunternehmen und damit etwa wie GmbHs zu behandeln und so Haushaltshilfen, Lernhilfen etc. anrechenbar zu gestalten. Doch vor solchen richtungweisenden und bahnbrechenden Ideen schrecken die auf kurzfristigen Machterhalt fokussierten Parteien genauso zurück wie vor der dringend erforderlichen Einführung des Familienwahlrechts. Kein Geringerer als der ehemalige Bundespräsident und Präsident des Bundesverfassungsgerichts Roman Herzog hat ebenso wie auch die Junge Union schon lange dafür plädiert, Kindern durch ihre Eltern, die ja auch die Schule oder ein religiöses Bekenntnis für ihre Kinder wählen, eine politisch zählbare Stimme zu geben. Es wird höchste Zeit, dass wieder ein Ruck durch Deutschland geht.

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