Im Gleichschritt für den Fortschritt

von Richard Schütze16.10.2011Innenpolitik

Die IG Metall hat sich gewandelt: Aus der marxistischen Vorkämpferorganisation ist eine staatstragende Gewerkschaft geworden. Gemeinsam mit der Politik soll die Gesellschaft reformiert werden. Komplimente kommen neuerdings sogar aus der Ecke des ehemaligen Gegners.

Nun ist sie endgültig als staatstragende Organisation anerkannt; ebenso wie die Kanzlerin sieht auch der Bundespräsident in ihrer Zurückhaltung einen, wenn nicht den entscheidenden Faktor für die Überwindung der durch die Finanzwirtschaft im Jahr 2008 ausgelösten Wirtschaftskrise. Der nach einem Tief in den letzten beiden Jahrzehnten bald 3 Millionen Mitglieder zählenden größten Einzelgewerkschaft der Welt wird es bei so viel Lob von konservativer Seite auf ihrem diesjährigen Kongress aber ziemlich mulmig zumute; so recht mag sie den Komplimenten ihrer neuen Freunde nicht trauen.

Marxistische IG Metall

Denn einst war die IG Metall ein Transmissionsriemen sozialistischer Politik mitten hinein in Unternehmen und Betriebe im revolutionären Kampf gegen die vermeintliche Übermacht des Kapitals. Als stärkster und auch zu massiven Arbeitskämpfen bereiter Verband in der Einheitsgewerkschaft DGB wollte sie jahrzehntelang den von ihr empfundenen Grundwiderspruch zwischen Kapital und Arbeit durch eine paritätische Mitbestimmung in den Aufsichtsgremien von Konzernen, durch eine Vermögensbildung der Arbeitnehmer in von ihr gemanagten Fonds und schlussendlich durch eine Übernahme der Macht in den Betrieben im Sinne einer Vergesellschaftung des Kapitals lösen. Die in den 60er- und 70er-Jahren ausgerufene Demokratisierung aller Lebensbereiche sollte entsprechend der marxistischen Doktrin auch die Welt der Betriebe erfassen. Unter Führung der IG Metall (IGM) sollten die Gewerkschaften vom Status einer Gegenmacht in der ordoliberal geprägten sozialen Marktwirtschaft zum allmächtigen ökonomischen Ordnungsfaktor in einer neu zu organisierenden Politökonomie aufsteigen. Marxistische Ideologen wie der Unternehmersohn, Jurist und IG Medien Gewerkschaftsfunktionär Detlef Hensche gaben den Ton vor. Nach dem gescheiterten Streik 2003 zur Einführung der 35-Stunden-Woche in den neuen Bundesländern und mit dem Siegeszug der für die exportabhängige deutsche Industrie einschneidenden Globalisierung, aber auch einer Befriedung durch die weltweit einzigartige Gesetzgebung der Betriebsverfassung und einer respektvollen Wertschätzung durch die Unternehmer und deren Arbeitgeberverbände begann ein Prozess des Umdenkens. Vor allem der seit 1996 amtierende Präsident des bedeutendsten deutschen Arbeitgeberverbands „Gesamtmetall“ Martin Kannegiesser hat mit seinem verbindlichen Auftreten und einer umsichtigen Politik viel für eine „Kultur der Verantwortungspartnerschaft“ – wie der Hauptgeschäftsführer der Niedersächsischen Arbeitgeberverbände Dr. Volker Schmidt die von ihm angestrebte Form der Sozialpartnerschaft von Gewerkschaften und Arbeitgeberverbänden bezeichnet – getan. Als dann 2007 nach dem Hardliner Jürgen Peters der gelernte Werkzeugmacher und eher filigrane Berthold Huber zum alleinigen Vorsitzenden der IGM gekürt wurde, setzte der bedachtsam agierende und leisere Töne bevorzugende ehemalige Student der Philosophie auf Vernunft und Augenmaß. Dabei kam ihm zu Hilfe, dass Politkommissare wie der einstige IGM-Bevollmächtigte Klaus Ernst sich aus der Gewerkschaftsarbeit zurückzogen und gänzlich in die Politik und dort zur Linkspartei wechselten. Diese Entpolitisierung schwächte vor allem den linken Flügel der IGM und verschaffte Huber und dem zweiten Vorsitzenden Detlef Wetzel die Möglichkeit, eine umfassende Organisationsreform in die Wege zu leiten.

Kooperation statt Konfrontation

Heute setzt die IGM mehr auf Kooperation denn Konfrontation. Nur partiell werden noch klassenkämpferische Konflikte in den Unternehmen ausgetragen. Die Gewerkschaft weiß, dass sie beim Kampf um die Sicherung der Arbeitsplätze und der betrieblichen Standorte im internationalen Wettbewerb mit den Unternehmensleitungen an einem Strang ziehen muss. Und dass sie den Betriebsräten vor Ort, die Interessenvertreter der Beschäftigten und Mittler im Umgang mit dem Unternehmensmanagement, aber auch Standortvertreter in europäischen Konzernbetriebsräten sowie Botschafter ihrer Unternehmen in die Gesellschaft hinein sind, das Leben nicht schwer machen darf; und dass es den Betriebsräten möglich sein muss, für alle Seiten sinnvolle Betriebsvereinbarungen ohne ein Veto der IGM zu treffen. Rabiat egoistische Verteilungskämpfe werden heute von kleinen Gewerkschaften geführt, deren Mitglieder die Nahtstellen der Infrastruktur des Landes bedienen und die, wie die Lokführer oder die Fluglotsen, ohne Rücksicht auf das Gemeinwohl vorgehen. Die IGM aber steht bei den Tarifverhandlungen im Frühjahr 2012 vor einem Dilemma; einerseits sieht sie sich in der Pflicht, dafür zu sorgen, dass die Früchte des Aufschwungs in Form kräftiger Lohnerhöhungen auch „unten“ ankommen; andererseits schwant ihr, dass die europäische und amerikanische Staatsschuldenkrise in eine neue Bankenkrise münden und sich dann auch in Deutschland in einer Rezession abbilden könnte. Sogar das gewerkschaftsnahe Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung prognostiziert nur noch 0,8 Prozent Wachstum für die sogenannte Realwirtschaft im kommenden Jahr. Die Tarifverhandlungen 2012 werden von der IGM wohl einen Spagat verlangen, der eine hohe Verantwortungsbereitschaft erfordern dürfte. So sind die Lobeshymnen von heute auch Vorschusslorbeeren für morgen.

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