Der Papst provoziert die Mächtigen in Kirche und Staat

von Richard Schütze26.09.2011Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik

Während seines Besuches zog Papst Benedikt XVI. die Deutschen in seinen Bann. Selbst seine Kritiker werden eingestehen müssen, dass der Staatsgast ihnen viel zum Nachdenken mitgab.

„Wie erkennt man, was Recht ist?“, fragt der von Alter, jahrzehntelanger und intensiver Arbeit sowie mancher Last “leicht gebeugte Staatsgast”:http://www.theeuropean.de/alexander-kissler/8082-der-papst-und-die-deutschen zum Auftakt seiner Visite in Deutschland die Parlamentarier im Berliner Reichstag. In der mit großer Spannung erwarteten Rede wird Papst Benedikt XVI. einer Demokratisierung aller Lebensbereiche bis zu „Grundfragen des Rechts und der Würde des Menschen“ durch das Instrument der Mehrheitsentscheidung die Erkenntnis von Wahrheiten und daraus resultierenden ethischen Werten als Idee eines durch Vernunft erkannten Naturrechts gegenüber stellen. Bereits im 5. Jahrhundert vor Christus hatte Sokrates mit seinen radikalen Fragen nach den Begriffen von Recht und Gerechtigkeit seine Zeitgenossen so provoziert, dass ein Gerichtshof der Attischen Demokratie ihn 399 v. Chr. zum Tode durch einen Schierlingsbecher voll Gift verurteilte. Gefasst und würdevoll ging er in den Tod; vom ewigen Leben seiner Geistseele überzeugt, bat der griechische Philosoph seine Anhänger, der Gottheit ein Opfer zu bringen und nicht um ihn zu trauern.

Man konnte eine Stecknadel fallen hören

Die Abgeordneten im Bundestag “lauschen der Rede des weiß gekleideten Mannes”:http://www.youtube.com/watch?v=BqhcwuOmJ_c; man könnte die berühmte Stecknadel fallen hören. Wenn der aufmerksam seine Umgebung betrachtende Gast sanft die Stimme erhebt und schüchtern lächelt, zieht er die Menschen in seinen Bann. Mit wenigen Gesten untermalt er behutsam die sorgfältig gewählten Worte. Die Gedanken und Gefühle der Zuhörer gehen mit dem eine gewaltige geistige Spannkraft ausstrahlenden Pontifex auf eine Reise. Wie ein Brückenbauer führt der Papst seine Zuhörer über die Untiefen und Gräben des Menschen, der „die Welt zerstören“ und „sich selbst manipulieren“, der „Menschen machen“ und „Menschen vom Menschsein ausschließen“ kann zur „Idee der Menschenrechte“ und der „Gleichheit aller Menschen vor dem Recht“ bis hin zur „unantastbaren Würde des Menschen“, die allem Recht Maßstäbe setze. Eine besinnliche Aura erfasst das Publikum und unabhängig von ihren unterschiedlichen Weltanschauungen tauchen die Abgeordneten im Plenarsaal des Bundestags wie auch die Zuhörer und Zuschauer außerhalb des politischen Berlins ein in eine gemeinsame und tiefe Reflektion. Dieser Redner führt mit wenigen Worten in seinen kurzen Ansprachen zurück zu den Ursprüngen und Quellen allen Seins, hinab zu den Fundamenten der menschlichen Natur und des Miteinanders in Staat und Gesellschaft, hin zur „Erde, die selbst ihre Würde in sich trägt“, und öffnet Horizonte hinaus in die „Weite der Welt“ bis hinauf zum „Himmel“. Wie leise Donnerschläge hallen die Fragen, die der deutsche Papst im Bundestag stellt: „Ist es wirklich sinnlos zu bedenken, ob die objektive Vernunft, die sich in der Natur zeigt, nicht eine schöpferische Vernunft, einen Creator Spiritus, voraussetzt?“ Und er wagt es, Unerhörtes auszusprechen: „Im Gegensatz zu anderen Religionen hat das Christentum dem Staat und der Gesellschaft nie ein Offenbarungsrecht, eine Rechtsordnung aus Offenbarung vorgegeben.“ Es habe „stattdessen auf Vernunft und Natur“ als den „wahren Rechtsquellen“ und „den Zusammenhang von objektiver und subjektiver Vernunft“, der das „Gegründetsein beider Sphären in der schöpferischen Vernunft Gottes“ voraussetze, verwiesen: „Wenn in unserem Umgang mit der Wirklichkeit etwas nicht stimmt, dann müssen wir alle ernstlich über das Ganze nachdenken und sind alle auf die Frage nach den Grundlagen unserer Kultur überhaupt verwiesen.“ Die Kultur Europas sei aus der „Begegnung zwischen dem Gottesglauben Israels, der philosophischen Vernunft der Griechen und dem Rechtsdenken Roms“ entstanden; diese „dreifache Begegnung“ bilde die „innere Identität Europas“. Und Benedikt geht noch einen Schritt weiter; er behauptet, dass die „Sprache des Seins“ der Vernunft zugänglich sei. Eine oberflächlich „positivistische Vernunft“, die über das „funktionieren hinaus nichts“ wahrnehme, liefere als „großartiger Teil der menschlichen Erkenntnis“ zwar viel technologisches „Können“, doch gleiche sie „Betonbauten ohne Fenster“, verkleinere den Menschen und bedrohe gar „seine Menschlichkeit“. Der Bundestag hält den Atem an, den es zugleich den diese Rede im Vorfeld heftig kritisierenden Grünen verschlägt; dergleichen profunde und provozierende Reden werden an dieser Stätte ganz selten geboten. Zum Abschluss seiner Deutschlandreise schenkt Benedikt wiederum sanft und abermals unerschrocken dem nach seiner Meinung zu sehr dem Zeitgeist sich ergebenden institutionalisierten Gremienkatholizismus reinen Wein ein; es gelte, Konventionen und Gewohnheiten abzustreifen und sich von aller „Verweltlichung zu lösen“, um so weltoffener zu werden. Das ist harter Tobak, nicht nur für das „Zentralkomitee der deutschen Katholiken“ und manchen Politiker, der hier eine halbklerikale Wirkungsstätte findet. Die katholische Kirche müsse sich von „materiellen und politischen Lasten“ befreien, meint Benedikt, um missionarisch den „Liebesdienst“ der Verkündigung des Glaubens als dem wahren „Skandalon“ zu den Menschen zu bringen. Für die Christen gelte, in „Distanz zur Welt“ und damit zugleich mitten „in der Welt“ zu leben.

Gewichtige Steine ins Wasser der Debatte

Das Oberhaupt von weltweit 1,2 Milliarden katholischen Christen hat in seinem Heimatland im Herzen Europas gewichtige Steine ins Wasser der öffentlichen Debatte geworfen, die in ihrer Prägnanz und Tiefe wohl weite Kreise ziehen werden; Bildungsministerin Annette Schavan, die wohl gern „kirchenpolitisch“ progressivere Töne vernommen hätte, meinte denn auch sichtlich betroffen, dass sie über die Reden des Papstes noch tief nachdenken müsse. Das kann sicher nicht schaden.

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