Wie Literaten und Leseratten ihr Land retten

von Richard Schütze10.10.2011Innenpolitik

Für Island geht es aufwärts: Nicht nur seine Banken hat das Land stabilisieren können, auch kulturell ist es anderen mittlerweile wieder weit voraus.

Ein europäisches Land, dessen Bevölkerung heillos über die eigenen Verhältnisse lebt und sich über die Ohren verschuldet, das besonders deutschen Anlegern schlaflose Nächte beschert, weil „systemrelevante“ Banken vor dem Zusammenbruch stehen, dessen Natur aber ein einzigartiges Juwel ist und das eine glanzvolle Geschichte mit einer reich entfalteten Kultur und einer mythischen Sagenwelt aufweist, in dem die parlamentarische Demokratie schon seit Jahrhunderten zu Hause ist und an dessen malerischen Küsten Eroberer landeten oder von dort aufbrachen, dieses Land muss Griechenland sein. Wenn es aber statt von den Wellen des Mare Nostrum von den Wogen des Nordatlantik umspült wird, wenn seine feurige Lava speienden Vulkane den europäischen Luftverkehr über Wochen lahmlegen, wenn die Gletscherfluten mit donnerndem Getöse in den zwei Stufen des Gullfoss, des größten und eindrucksvollsten („goldenen“) Wasserfalls Europas, in bizarre Felsschluchten hinabstürzen und wenn seine nur 318.000 Einwohner jeweils acht und damit rund 2,5 Millionen Bücher jährlich erwerben und wenn der Landesschriftstellerverband 400 Mitglieder verzeichnet, dann sind wir in der ehemaligen „Schweiz des Nordens“, in Island, angekommen.

Die Welt im Einkaufskorb

Als ich die Insel im Sommer 2007 besuchte, zeigte mir Halldór Gudmundsson, mein sehr guter Freund noch aus Bonner Schulzeiten, die Hauptstadt Reykjavík. Mitten in der City landeten auf einem für Businessjets ausgelegten Flughafen die Flieger der Banker, Investoren und Finanzmanager aus ganz Europa. Dazu den Rohbau der prachtvoll dimensionierten neuen Konzerthalle, den Ausbau des Hafens und viele neue Bürohäuser – überall ragten Baukräne in die klare Luft des nordischen Himmels. Die drei gerade privatisierten Banken des Inselstaates kauften sich in aller Welt ein, bevorzugt auf der britischen Nachbarinsel, und die Isländer konnten mit vollen Händen wie die Könige des europäischen Nordens agieren. Ein Jahr später platzte die Blase; die isländische Kaupthing-Bank und das US-Bankhaus Lehman Brothers lösten jenen weltweiten Finanzcrash aus, der allein 34.000 deutsche Anleger bei den isländischen Finanzinstituten um ihr Erspartes zu bringen drohte. Halldór, seit seinem 28. Lebensjahr Chef des bedeutendsten isländischen Verlagshauses Mál og menning, griff einmal mehr selbst zur Feder und schrieb eine auch in Deutschland zum Bestseller gereifte Analyse über menschliche Gier, Habsucht und Tragödien: „Wir sind alle Isländer: Von Lust und Frust, in der Krise zu sein“. Der ein exzellentes Deutsch und ein paar andere europäische Dialekte sprechende Isländer besann sich darauf, mit welcher Ressource er seinem Land wieder zu Ansehen und Glanz verhelfen konnte. Neben von Mutter Natur zur Verfügung gestellter Energie aus heißen Quellen, feuriger Lava und unzähligen Wassern für Fabriken, zum Beispiel der Aluminiumindustrie und für Gewächshäuser, neben dem immensen Fischreichtum vor den Küsten und den einzigartigen touristischen Attraktionen wie Geysiren, Wüsten, Gletschern, Fjorden und Vulkanen und den unvergleichlichen Islandpferden, ist es vor allem die Literatur, die Island einzigartig macht. Rund 3.000 Buchtitel hatte Gudmundsson schon selbst verlegt, dazu mehrere erfolgreiche Bücher geschrieben, darunter eine preisgekrönte Biografie des isländischen Literaturnobelpreisträgers und Jahrhundertliteraten Halldór Laxness, und er hatte mit berühmten Autoren, Publizisten und Journalisten aus aller Welt die Insel bereist. Ihm und seinen Mitstreitern gelang der Coup, Island anstelle des Rivalen Finnland den Status des offiziellen Partner- und Gastlands der diesjährigen Frankfurter Buchmesse zu sichern.

Große Länder in den Schatten gestellt

Wenn morgen diese größte Buchmesse der Welt ihre Tore öffnet, feiert Island dank seines Regierungsbeauftragten für den Auftritt in Frankfurt eine Wiederauferstehung. Wohl nie zuvor ist über ein Land, seine Kultur und Literatur so intensiv und ausgiebig in den Medien berichtet worden und kaum jemals haben so viele Kulturveranstaltungen eines Gastlandes im Vor- und Umfeld der Buchmesse stattgefunden wie in diesem Jahr. Mit nur einer Handvoll engagierter Mitarbeiter und einem überschaubaren Budget von 3 Millionen Euro hat es der Verlagsmanager und Autor Halldór Gudmundsson zustande gebracht, große und bevölkerungsreiche Länder wie China und Argentinien, die in den vergangenen Jahren Partnerländer der Buchmesse waren, weit in den Schatten zu stellen. China hatte 2009 immerhin 7 Millionen Euro in seinen Auftritt investiert; 100 Buchtitel wurden seinerzeit eigens ins Deutsche übersetzt. Das im Verhältnis zum „Riesenreich der Mitte“ sehr kleine Island wartet dagegen in diesem Jahr mit 200 Island-Titeln auf; darunter die von Gudmundsson angeregte Neuübersetzung der legendären „Sagas“ aus dem 13. Jahrhundert. Von Gudmundsson stammt auch der Slogan, der diesen Auftritt, aber auch die kleine Insel am Polarkreis selbst und ihre literaturverliebten Bewohner in genialer Manier beschreibt: „Sagenhaftes Island“

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