Merkel, Macht und Missverständnisse

von Richard Schütze5.09.2011Innenpolitik

Schlingerkurs, Führungsschwäche – die Liste der Vorwürfe gegen Kanzlerin Merkel ist lang. Doch sie agiert überraschend umsichtig. Ihr Problem ist nicht die Politik, sondern die Krisenkommunikation mit dem Wähler.

Kein Kompass, keine Richtung, keine Perspektive. Nahezu alle politischen Beobachter sind sich einig: Altkanzler Kohl treffe mit dieser Kritik an seiner Nachfolgerin Angela Merkel ins Schwarze. Die Kanzlerin reklamiert trotzig, jede Zeit habe ihre eigenen spezifischen Herausforderungen. Sie beantworte aber die Fragen nach dem Kern ihrer Politik nicht und lasse keine über den Tag hinausweisende Kursbestimmung erkennen, hält “Hans-Peter Schütz”:http://www.theeuropean.de/hans-peter-schuetz/7849-visionslose-kanzlerin der CDU-Chefin (European 2.9.2011) entgegen.

Überraschend ausgeglichen

Doch reicht es nicht aus, dass Merkel Deutschland „gestärkt“ erst aus der Finanz-, dann aus der Atom- und nun aus der Euro- und Schuldenkrise herausführen will? Betont sie nicht unermüdlich, dass es gelte, Land und Leute fit für das 21. Jahrhundert und die Zukunft zu machen? Und wenn sie sich in Europa umschaut: Steht ihr dann nicht ins Gesicht geschrieben, dass sie das Pathos von Neo-Napoleon Nicolas Sarkozy, das Brimborium von Bunga-Berlusconi oder das zaristische Gepränge Wladimir Putins bestenfalls als übertrieben empfindet? Lehrt sie ein Rückblick in die Geschichte nicht, dass die dem Fernsehzeitalter und BILDgebenden Medien huldigenden SPD-Staatsschauspieler Schmidt-„Schnauze“ und „Glotze“-Schröder trotz schneidiger Auftritte jeweils auf halbem Wege der eigenen Kanzlerschaft verlustig gingen? Und überlebte CDU-Parteipatriarch und Dauerkanzler Kohl die Konkurrenz nicht zuvörderst mit dickfelligem Aussitzen?

Verfolgt die Kanzlerin denn nicht in der Hitze des politischen Krisenmanagements eine eigene Agenda und zeigt sich dabei überraschend ausgeglichen? Welchen Vorteil hätte es für sie, strategische Ziele und philosophische Grundlagen einer „hidden Agenda“ offenzulegen? Das Publikum kann doch beobachten, wie sich die innere Einstellung und „Denke“ der Kanzlerin in einer unaufgeregten Haltung, wie sich ihre „Corporate Philosophy“ in einem sichtbar Ruhe bewahrenden Verhalten (Behaviour) ausdrückt. Und hat Merkel nicht ihren rasant vollzogenen Glaubensabfall von der friedlichen Nutzung der Kernenergie für alle nachvollziehbar damit begründet, dass nach dem Reaktorunfall in Fukushima nichts mehr so sein könne wie zuvor?

Doch politische Führung verlangt nach mehr Kommunikation, nach Darlegung von Grundsätzen und Leitideen. Die amerikanischen Kommunikationspsychologen Joseph Luft und Harry Ingham haben schon vor einem halben Jahrhundert mit ihrem Kommunikationsmodell („JoHari-Fenster“) klar gemacht, dass die Offenbarung von Absichten und Zielen eine wichtige Grundlage für das Verständnis, ein daraus resultierendes Einverständnis und damit eine Motivation für solidarisches und engagiertes Handeln ist. In einem Führungs- und Markenmodell zur Herausbildung einer imagebildenden Identität von natürlichen und juristischen Personen (Corporate Identity) hat der Schweizer Kommunikationsexperte und Manager Walter von Wartburg den organischen Zusammenhang von Denken, Handeln, Kommunizieren und dem Erscheinungsbild von Persönlichkeiten und Organisationen entwickelt. Danach empfinden Menschen dann ein zustimmendes und eigene Aktivitäten anregendes Gefühl (Feel) für eine planvoll vorgehende Person oder eine zielgerichtet operierende Organisation (Corporate), wenn mit Transparenz und Wahrhaftigkeit ein nachvollziehbar geordneter Zusammenhang vom Denken (Think) über ein sichtbar wahrnehmbares Verhalten der Führungspersönlichkeiten bis hin zu demonstrativ symbolischen Handlungen (Walk) erklärt (Talk) und ihnen so das gesamte Auftreten inklusive dem äußeren Erscheinungsbild (Corporate Design) einsichtig vor Augen gestellt wird (Look).

Aufklärung und Transparenz

Will Merkel also ihre Partei, die deutschen und europäischen Staatsbürger und im September 2013 auch die Wähler überzeugen, so muss sie sich im Klaren sein, dass jeder Massenbewegung eine intellektuelle Elitenbewegung vorangeht. Dann muss sie dem Bedürfnis der Menschen nach Auf- und Erklärung ihrer Intentionen und zentralen Anliegen glaubhaft Rechnung tragen. Menschen fühlen sich dann manipuliert und auch missbraucht, wenn sie über die „Denke“ der sie führenden Persönlichkeiten, die ja zu einem Verhalten aufrufen, Zustimmung einfordern und Ansprüche auf Gefolgschaft stellen, in wesentlichen Teilen im Unklaren gelassen werden. Auch die Kanzlerberater sind verantwortlich, diese „Mission possible“ mit Merkel zu erarbeiten und sie damit im wahrsten Sinne des Wortes vertrauenswürdig zu machen. Alles hängt nun davon ab, ob Merkel tatsächlich ein mit der Philosophie der Union übereinstimmendes Anliegen in sich, oder ob sie nur unsichtbare – weil nicht vorhandene – Kleider wie in der Parabel vom nackten Kaiser trägt. Und ob sie bereit ist, aus einem grundsätzlichen Missverständnis von Kommunikation zur Herstellung einer auf mehr Wahrheit und Werten basierenden Communio zu finden.

_Der Autor möchte Angela Merkel zum Tode ihres Vaters sein herzliches Beileid ausdrücken._

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