Von wegen Misere

von Richard Schütze27.06.2011Innenpolitik

Er hebt nicht ab – ist aber ganz präsent: Verteidigungsminister Thomas de Maizière spricht verliebt von der aktiv gestaltenden Gesellschaft und vermittelt unprätentiös Tatendrang und Demut. Der Dienst am Staat, das ist seine Funktion.

„Und wer will dann den Minister im BK machen?“, soll Angela Merkel bei der Regierungsbildung 2005 in die Runde der CDU/CSU- und SPD-Koalitionäre gefragt haben. Niemand drängte sich vor oder gar auf. Minister und damit Stabschef im Bundeskanzleramt zu sein, bedeutet Knochenarbeit: Aktenfressen, Kenntnis aller für das Regierungshandeln relevanter Vorgänge, Leitung der sogenannten „Spiegelressorts“ zu allen Bundesministerien, absolute Loyalität gegenüber der Kanzlerin, wenig Auftritte im Glanz der Medien und ihrer Scheinwerfer, dafür aber um so mehr diskrete und geräuschlose Hintergrundarbeit in der „Waschmaschine“ (Berliner Slang für das noch von Altkanzler Kohl konzipierte und etwas monumental wirkende Kanzleramt). Eine Funktion, ein Dienst am Staat, wie gegossen für einen Mann wie den 57-jährigen Dr. jur. Thomas de Maizière. Während andere das Rampenlicht suchten, tauchte „Merkels Mann für alle Fälle“ in eine Aufgabe ein, die schon von ebenso pflichtbewussten Vorgängern wie dem für Kohl äußerst wertvollen Wolfgang Schäuble in den 80ern und dem für Gerhard Schröder unverzichtbaren Frank-Walter Steinmeier (1999-2005) geleistet worden war.

Tiefe Verwurzelung im christlichen Glauben

Geradezu verliebt spricht der Verteidigungs- und ehemalige Bundesinnenminister von den „Mühen der Ebene“, die der, der die Gesellschaft aktiv mitgestalten wolle, im Dienst am Gemeinwohl auf sich nehmen müsse. Nicht nur auf evangelischen Kirchentagen (deren Präsidium er angehört) offenbart der von französischen Hugenotten abstammende lutherisch-evangelische Sohn des ehemaligen Generalinspekteurs der Bundeswehr Ulrich de Maizière und Vetter des letzten, aber ersten frei gewählten Regierungschefs der DDR, Lothar de Maizière, seine tiefe Verwurzelung im christlichen Glauben. Man glaubt ihm, wenn er sagt, dass für ihn die zehn Gebote, die Verheißungen der Bergpredigt und christliche Grundhaltungen wie Demut und die Bewahrung von Maß und Mitte „in einer zunehmend säkularisierten Umgebung“ eine entscheidende Orientierung sind. Auch vor dem „Bund Katholischer Unternehmer“ setzt er sich energisch dafür ein, dass Christen in der Politik, aber auch in der Wirtschaft „einen Unterschied machen“, also an ihrem wertegebundenen Handeln auch als Vorbilder für die Gesellschaft erkennbar sein müssen. Der Glaube ist für de Maizière eine Herzensangelegenheit. Während ich seiner pointierten Rede zuhöre, die er mit wohlgesetzten Wirkpausen, dezidierter Artikulation, leidenschaftlichem, aber nicht übertriebenem Pathos und doch einem inneren Feuer, von dem die Lippen überfließen, vorträgt, überlege ich, was das eigenartige Charisma dieses Mannes ausmacht, der in den Medien als „Allrounder“ beschrieben wird. Der Schlüssel zu ihm scheint mir sein Verhältnis zur „Wahrheit und Wirklichkeit der Dinge“ im Sinne einer realistischen Philosophie wie der des Thomas von Aquin oder Josef Pieper zu sein. Unaufgeregt und damit ganz anders als beispielsweise ein Westerwelle, wenig glamourheischend und doch entschieden gibt er zu Protokoll, dass „nicht jedes Thema es verdient, moralisch aufgeladen zu werden“. Voraussetzung für alles Handeln, besonders auch als Politiker oder Unternehmer, sei es, sich zunächst die für das eigene Urteil und die Gewissensbildung „notwendige Sachkenntnis anzueignen“. Es gehe nicht darum, die „Dinge gegeneinander auszuspielen“, sondern sie „zusammen zu sehen“.

Kraft zur Selbstreflexion und Demut

Dieser unprätentiöse Mann vermittelt das Gefühl, dass er „die Kraft zur Selbstreflexion und die dafür notwendige Demut“ als Kernelement von Führungsverantwortung auffasst und auch lebt. Mit solchen Maßstäben für politisch verantwortliches Handeln wächst hier auf leisen Sohlen und im Windschatten von Angela Merkel eine Persönlichkeit mit einem geradlinigen Charakter heran, die nicht nur eine Ersatzreserve auch für die höchste Position im Staat und in der Führung der Union darstellt. Dabei hilft de Maizière seine Glaubensüberzeugung, aus einer „Perspektive des ewigen Lebens“ und dem Wissen um „die Vergänglichkeit alles Irdischen“ eine „innere Distanz zur Macht“ und damit auch die eigene „innere Freiheit“ zu bewahren. Er hebt nicht ab – ist aber ganz präsent. Für die Bundeswehr kann ein Mann, der bei aller Treue gegenüber seiner Kanzlerin und Solidarität in der Regierung und im NATO-Bündnis über die Legitimität des „gerechten Kriegs“ nachsinnt, zum Gebet sogar für die Taliban aufruft und „seine“ Soldaten als Staatsdiener mit „Mut, Tapferkeit und ethischer Bindung“ in „gefahrvollem Einsatz“ für Sicherheit und Freiheit sieht, ebenso ein Segen sein wie für die CDU, in der viele zu viel inhaltsleere Mitte und zu wenig überzeugende „C“-Positionen zu erkennen vermögen.

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