Kein schöner Land in bleierner Zeit

von Richard Schütze20.06.2011Innenpolitik

Europas sagenumwobene Wiege steht kurz vor dem finanziellen Ruin und die Bevölkerung spürt die grassierende Rat- und Orientierungslosigkeit der politischen und ökonomischen Eliten. Ja, es sind bleierne Zeiten.

Schon weht ein Sommerduft durchs Land, allen Regenschauern zum Trotz. Der frische Wind treibt salzige Tränen aus den Augen; doch der Weg liegt klar vor mir. Weit vorn rauschen die Bäume, wiegen sich sanft die Sträucher im Wirbel der Böen. Unter mir brodelt es; vorwärts drängt sie, die Rappenstute, vorwärts zum Horizont, dorthin, wo die Wälder sind. An den Wegkreuzungen gibt es kein Diskutier’n; es geht geradeaus, über Stock und Stein. Ich könnte die Zügel schießen lassen, denn wir sind uns einig über unser Ziel … Meine Gedanken zieh’n mit dem schnellen Hufschlag übers Land … Deutschland, ein Sommermärchen? Wieder eine Fußball-WM, wieder die Chance auf schöne Siege und einen Gewinn für alle … Nur – warum kommt keine Freude auf im ganzen Land? Kein schöner Land in dieser Zeit? Wo bleiben die Lust auf Leben, die unbeschwerte Heiterkeit und frohe Zuversicht?

Europas sagenumwobene Wiege

Einst lockte es sonnenbeglänzt die germanischen Nordlichter gen Süden, das Land der Hellenen mit hellen Felsen, sattgrünen Olivenhainen, stolzen Tempeln, lieblichen Inseln, verwunschenen Buchten und bunten Fischerbooten. Wie eine Perle umfasst vom tiefblauen Mare Nostrum lag der Peloponnes in flirrender Luft, die sagenumwobene Wiege von Freiheit, Demokratie und Europa. Doch Griechenland strahlt einen Fluch von Scheitern und Untergang aus für den Euro, die nach den Münzen der römischen Cäsaren erste große Gemeinschaftswährung des alten Kontinents. Mühsam lavieren die deutsche Kanzlerin und ihr Finanzminister und hoffen bang mit dem französischen Bonaparte und den Bossen der DAX-Konzerne und Banken, dass ihr Spiel auf Zeit eine umfassende Katastrophe zu verhindern hilft. Drohen ein Währungsschnitt und eine Hyperinflation, eine Übernahme europäischer Unternehmen en gros, ein Exodus des globalen Kapitals, Massenarbeitslosigkeit und am Ende gar der Zerfall Europas? Von anderen Bedrohungen ist kaum mehr die Rede; nicht von Erderwärmung und Klimawandel, nicht vom Kampf um Ressourcen und der Migration nach Europa, nicht von Steuergerechtigkeit und Entlastung von Bürgern und Mittelstand und kaum noch von der Mutter aller Krisen, den zu wenigen Mutterschaften im Land einer stark alternden und aussterbenden Bevölkerung. Nach dem Auf- und Aussaugen der SPD im langen Honeymoon mit Steinmeier und Steinbrück von 2005 bis 2009 gelingt Kanzlerin Merkel zur Halbzeit ihrer zweiten Legislatur vielleicht sogar ein Doppelschlag: Das Abdrängen der FDP in die Bedeutungslosigkeit und der Raub der grünen Kronjuwelen. Der radikale Ausstieg aus der Atomkraft wird Wende und Wahrzeichen von Merkels Kanzlerschaft. Den Grünen bleiben der Konflikt um das atomare Endlager in Gorleben oder anderswo und sonstige generische Themen vom ökologischen Umbau und Tempolimits allüberall bis hin zu Multikulti. Positionen, Grenzen und Identitäten verschwimmen am Horizont. Schwarz-gelb, schwarz-rot, rot-grün, schwarz-grün. Irgendwie alles grau in grau. Kein klarer Weg. Wenig Ziele. Die Bevölkerung spürt die grassierende Rat- und Orientierungslosigkeit der politischen und ökonomischen Eliten. War in dem bereits lustlos im Oktober 2009 zusammengeschusterten und ideenlos mit „Wachstum. Bildung. Zusammenhalt.“ betitelten schwarz-gelben Koalitionsvertrag noch verhießen worden: „Unser gemeinsames Ziel ist klar: Wir wollen unser Land aus der Krise heraus zu einem neuen Aufbruch in das neue Jahrzehnt führen“, so ist das Vertrauen in ein Gelingen dieses Versprechens immer mehr geschwunden. Mit „Mut zur Zukunft“ und „neuem Denken“ sollte dem Land eine „neue Richtung“ gegeben werden. Stattdessen wuchern das Steuerdickicht und staatliche Institutionen und die Politik denkt weiter unentwegt über neue Zugriffe auf das Portemonnaie des Bürgers nach. Von Euro- und Bankenrettungsschirmen über die Kosten für den Atomausstieg bis hin zum Umbau der Pflege- und Rentenversicherung sowie den Rückstellungen für Beamtenpensionen, die Sanierung von Straßen, Brücken und Gleisen und die Einsätze der Bundeswehr in internationalen Krisen reichen die Anforderungen an die Leistungskraft der Menschen.

Die Krisen wachsen uns über den Kopf

Ein Gespenst geht um: So ist es nicht zu bewältigen und nicht mehr zu schaffen, schon gar nicht das einst von Willy Brandt beschworene „neue Deutschland“ (1969). Die Krisen wachsen den Leuten über die Köpfe. Immer älter werdende Menschen beschleicht ein zunehmend mulmiges Gefühl, den immer weniger jüngeren Menschen immer mehr Schulden mit immer geringeren Hinterlassenschaften und Gewissheiten aufzubürden. Freiheit ohne Verantwortung, Konsum ohne Vorsorge. Diese Rechnung kann nicht aufgehen. In Deutschland nicht, in Europa nicht, in den USA nicht, in der gesamten westlich zivilisierten Welt nicht. Es gibt keine Patentrezepte, keinen Befreiungsschlag durch den gordischen Knoten, niemand, der die ganze und nichts als die Wahrheit sagt. Denn das würde schockieren. Und auch Menschen reagieren, so befürchten die Politprofis, zuweilen wie Fluchttiere. Wie Pferde. Auch sie brauchen Anlehnung, Führung und Vertrauen. Autorität und klare Ziele. Bei einer Gefahr gilt es, sich frühzeitig vorzubereiten. Aufmerksam zu machen, an Hindernisse heranzuführen. Probleme klar vor Augen zu stellen und den Weg nach vorn abzustimmen. Aber nur die Wahrheit kann wirklich frei machen (Johannes 8,32) und neue Kräfte mobilisieren. Die Griechen versuchen diesen Weg, sie werden dazu gezwungen. Wieder sind sie das erste Volk in Europa. Wer aber in den starken Ländern des Kontinents hat noch den Mut dazu, die Karten unverdeckt auf den Tisch zu legen und die volle Sicht freizugeben? Sie oder er könnte dann auch voll Vertrauen die Zügel freigeben.

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