Selig, der ohne Angst die Tore öffnete

von Richard Schütze2.05.2011Innenpolitik

Papst Johannes Paul II. ist selig gesprochen worden. Für viele Millionen Christen weltweit war er Vorbild und Bezugspunkt; ein Popstar der Religion. Sein Credo ist auch politisch relevant: Sei ehrlich zu dir selbst, schiele nicht auf den Beifall der anderen.

Für Milliarden Christen auf dem ganzen Globus, die am gestrigen „Festsonntag der göttlichen Barmherzigkeit“ seine Seligsprechung zu Rom feierten, bezog Papst Johannes Paul II. vor allem aus zwei Quellen seine zuweilen übermenschlich wirkende Kraft: Das Kreuz seines Meisters Jesus Christus, auf das er sich in den Jahren seiner fortschreitenden Parkinsonerkrankung immer mehr stützen musste, und der Schutz der Gottesmutter Maria, der er sein Leben geweiht hatte („Totus Tuus“). Für andere zeichneten Karol Wojtyla aus Krakau ein einzigartiges Charisma, begnadete Rhetorik und große Darstellungskraft bis hin zur Schauspielkunst aus, dazu eine gewaltige Sprachengabe gepaart mit umfassender Bildung und hoher Intellektualität sowie ein grandioses Gespür für den Atem der Geschichte, politische Entwicklungen und die Kunst der Diplomatie, im richtigen Augenblick mit Mut und Entschiedenheit Zeichen zu setzen. Für „Bild“ war er ein „Jahrtausendmensch“ und für viele ein herausragender Politiker, der schon zu Lebzeiten und nun auch weit über seinen Tod hinaus den Gang der Geschichte und das Schicksal von Völkern und Menschen beeinflusst – und wie kein Popstar sonst zu Jubel und Tränen rührt.

Der Jahrtausendmensch aus Polen

Josef Stalin, einer der Hauptvertreter des menschenverachtenden Totalitarismus im 20. Jahrhundert, hätte ihn wohl nicht zu fragen gewagt, wo denn die Legionen des Papstes seien; denn sie traten weltweit sichtbar und millionenfach in Erscheinung, für die einen ausgestattet mit der Macht des Friedens und für Christen dazu gewappnet mit der des Gebets. Noch als Kardinal von Krakau hatte Wojtyla mitten in Nowa Huta, der ersten atheistisch konzipierten „neuen Stadt“ Polens, gemeinsam mit den Arbeitern, Bauern und Intellektuellen gegen den Willen der kommunistischen Staats- und Parteiführung eine Kirche wie einen Pfahl mitten im Fleisch des marxistischen Materialismus errichtet. Einen tiefen Einblick in „das unbekannte Antlitz seiner Diplomatie“ gewährt der Arzt und Journalist Joaquín Navarro-Valls, der Johannes Paul II. jahrzehntelang als Pressesprecher diente und ihn weltweit begleitete; in seinen Erinnerungen „Begegnungen und Dankbarkeit“ schildert er, wie Johannes Paul II. seinen slawischen Bruder, den damaligen Generalsekretär des KPdSU und späteren Präsidenten der Sowjetunion, Michail Gorbatschow, für seine Grundüberzeugung der einzigartigen Königswürde des Menschen als Person und dem daraus hervorgehenden Kanon der Grundrechte gewinnen konnte. Die historischen Folgen sind bekannt; ausgehend von der polnischen Solidarność wandelte sich der Ostblock bis hin zur Auflösung der Sowjetunion. Das kommunistische Imperium stürzte in sich zusammen, die Berliner Mauer fiel und das Brandenburger Tor, durch das dieser Papst noch schreiten konnte, öffnete sich himmelweit.

Durch Wahrheit zur Freiheit

Die Erfahrung der brutalen Despotie der nationalsozialistischen Tyrannei und des kommunistisch-leninistischen Terrors, aber auch die Konfrontation mit der von ihm so empfundenen libertinären Diktatur des Relativismus in der Welt der „atlantischen Zivilisation“, hatten Wojtyla gelehrt, schwarz-weißen Feindbildern von Gut und Böse zu misstrauen. Schon der in der UdSSR verfolgte russische Nobelpreisträger Alexander Solschenizyn hatte geschrieben, die Grenzlinie zwischen Gut und Böse verlaufe nicht nur zwischen Völkern und Machtblöcken, sondern ziehe sich wie ein Stacheldraht quer durch das Herz eines jeden Menschen. Beide Männer einte die Überzeugung, dass der Mensch immer wieder in der Gefahr steht, sich selbst zu verlieren und zuerst innerlich unfrei zu werden. Die Wahrheit des Menschen und über den Menschen ist der Garant aller Freiheit, lehrte Wojtyla. Was nun können Menschen im öffentlichen Leben und in der Politik für sich mitnehmen von diesem großen Vorbild? Sich immer wieder auf die eigene Sendung besinnen und sich von dem übernommenen Mandat beseelen, sich in intensiven Begegnungen und der offenen Auseinandersetzung im Dialog mit den Zeitgenossen und der Umwelt und – wer mag – auch im Gebet mit Gott inspirieren lassen, lebenslang das Lesen pflegen und zum Lernen bereit sein und vor allem: Ehrlich zu sich selbst sein – und so wenig wie möglich nach dem Beifall der Welt schielen. Dann ergeben sich als Früchte dieser Bemühung, ganz bei sich selbst zu sein und immer mehr zu sich – und wer mag – auch zu Gott zu finden, Zustimmung und Zusammenarbeit und schlussendlich kommt auch der Erfolg, der Tore zu neuen Welten öffnet.

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